Erscheinen und verschwinden lassen

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 22. Mai 2009. Hier wird mit Tricks gearbeitet. Im Gegenzug werden sie aber auch aufgedeckt. Der Zauberkünstler ist ein Schauspieler, der einen Magier darstellt. Sagt Günter Klepke, der fast 80 Jahre alte "Zauberkönig" von Berlin. So genannt nach dem Zauberladen, der insgesamt seit mehr als 120 Jahren besteht und den Klepke 1978 übernahm und sich damit einen Kindertraum erfüllte, den er träumte, seit er als Knirps erstmals vor der Wunderkammer in der Berliner Friedrichstraße stand.

Namen gibt es viele für dieses Metier. Illusionist wäre ein weiterer: jemand, der mit handwerklichem Geschick und technischen Hilfsmitteln Sinnestäuschungen erzeugt. Aber das Geschäft betreiben andere auch – die Kunststückchen, die im "Central" als der neuen Spielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses artgerecht auf einer Bühne mit blinkenden Glühbirnen und rotem Vorhang (Bühne: Christin Berg) dargeboten werden, verlassen dann etwa den Bezirk des Spielerischen und Ästhetischen, geraten ins Politische und können entsprechend gefährlich werden.

Eine Frage der Interpretation

"Der Zauberlehrling" heißt das neue Reality Theater von Rimini Protokoll. Nach "Karl Marx: Kapital" und "Breaking News" bringen Helgard Haug und Daniel Wetzel beim Koproduzenten Düsseldorf bereits ihr drittes Alltagsschauspiel heraus. Die Geister, die darin sich auf Goethe berufen, sind neben Klepke und seinem jüngeren Kollegen Markus Kompa, der ebenfalls Beispiele seiner zauberischen Begabung aus dem Ärmel schüttelt und zudem als Uri Gellers deutscher Anwalt hellsichtig die Unterscheidung von übersinnlichen Energie und frappierender Gaukelei zu treffen versteht, eine Frau und ein Mann aus anderen Sphären und Regionen.

Herdis Sigurgrimsdottir, eine blonde Journalistin aus Island, hatte es in den Irak verschlagen. Das Nato-Land ohne Armee schickte sie als "Ein-Seelen-Streitkraft in den Mittleren Osten", wo sie als Presseoffizier im Rang einer Majorin eingesetzt wurde und unter anderem Offiziere trainierte, ihnen mediale Kompetenz beibrachte und sie in Interview-Techniken briefte. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

Das hat auch Stanislav Petrov erfahren. Der ehemalige Oberstleutnant der Sowjetarmee tat am 26. September 1983 Dienst bei der satellitengestützten Frühüberwachung des Luftraums der UdSSR und musste ein Alarmsignal auswerten, das einen Raketenangriff aus den USA meldete. Petrov entschied richtig und erkannte auf Fehlalarm. Der dritte Weltkrieg fiel aus. Wie Melvilles berühmter Schreiber Bartleby sagte auch er: "I would prefer not to."

Auf Lebenswärme eingestellt

Die vier Zauberlehrlinge und -Meister sind abendfüllend, auch wenn die gut 90 Minuten im Einzelnen immer wieder etwas zerfasert, umständlich und mühsam zusammen gehalten wirken. Auf das Casting kommt es an. Das Prinzip Puzzle wird sehr anschaulich, als Markus Kompa grüne und braune Flecken auf dem Boden verteilt, die die Umrisse von Ländern der Erde zeigen. Biografische Eckchen, die irgendwie ineinander passen müssen, fügen auch Haug & Wetzel zusammen.

Aber tun sie tatsächlich so viel anderes, als die Talkshows von Beckmann oder Kerner? Hier wie dort gilt: Die Temperatur ist auf Lebenswärme eingestellt. Erzeugt wird: Einfühlungstheater, nur hintenherum und auf vertrackt verschmitzte und gewitzte Weise.

Die Gefahr der Abnutzung, dass Originalitäts-Appeal verloren geht, der Erkenntniswert sinkt und die Methode zur Masche wird, ist nicht gering. Glenn-Miller-Sound, eine Diashow mit Lebensbildern, die Nummer mit dem "Indischen Seil", der "Jungfrau, die verschwindet" oder dem "Tanzenden Spazierstock" würden sich in jeder Unterhaltungssendung gut machen.

Freilich, bei "Rimini" steht noch ein Hintertürchen offen, das auch eine Falltür sein kann. Die magische Box, die Markus Kompa präsentiert, indem er in ihr einen Würfel verschwinden lässt, wird, mir nichts dir nichts, mit den unsichtbaren Massenvernichtungswaffen des Irak überblendet, die Bush und Rumsfeld gesichtet haben wollen.

Die vier Gesetze des Zauberns

Kann ein einfacher Mensch, der nicht Hamlet, Woyzeck, Danton oder Wallenstein heißt, eine große Geschichte für sich beanspruchen – und seine Biografie als Spiel auf der Bühne behaupten? Claus Peymann sagt "Nein", ihn verlangt es nach Drama, was bei ihm heißt: literarischer Stoff und traditionelle Identifikation des Schauspielers mit der Rolle. Wir konnten ihn mit seiner Polemik vor einer Woche öffentlich als Juror beim 3sat-Theaterpreis in Berlin erleben: einer Veranstaltung, die ganz schnell entzaubert war. Das Gegenwartstheater aber sagt "Ja". Und "Rimini Protokoll", geschult in Gießen in Theorie und Praxis performativer Kunst, ist sein Prophet.

Die vier Gesetze des Zauberns heißen: "erscheinen und verschwinden lassen, vertauschen und schweben lassen." Die Regeln lassen sich auch anderweitig anwenden. In der Politik zum Beispiel. Darin folgen sie dem Konzept und dem Interesse von "Rimini Protokoll": Rituale als solche zu decodieren, indem man sie "als Theater" simuliert, und politische, ideologische, mediale Manipulationen mit deren eigenen Mitteln überführt. Im "Zauberlehrling" ist, dem Gedicht gemäß, die Sache etwas dünn und verwässert.

 

Der Zauberlehrling
von Rimini Protokoll
Konzept und Inszenierung: Helgard Haug und Daniel Wetzel. Bühne: Christin Berg.
Mit: Günter Klepke, Markus Kompa, Stanislav Petrov, Herdis Sigurgrimsdottir.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Mehr lesen? Im April 2009 lud Rimini Protokoll zur Hauptversammlung der Daimler AG nach Berlin.

 

Kritikenrundschau

Der Krieg, den Rimini Protokoll in ihrer neusten Produktion "Der Zauberlehrling" in Düsseldorf zum Thema machen, bekomme an diesem Abend "nicht nur etwas Illusionäres, Erfundenes, sondern etwas kindisch Verspieltes. Er verliert seinen Schrecken", meint Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (25.5.). "Es tut ohne Zweifel gut, ihn einmal so zu sehen, auch wenn es vielleicht eine Illusion ist. Es entstehen, merkwürdig anrührend in diesem einfachen, effektabstinenten Theater, Momente regelrechter Rührung." Andererseits wirke der "Zauberlehrling" "noch sehr unfertig, manchmal hat man das Gefühl, die vier Protagonisten wissen nicht, wie es weitergeht, es gibt nicht nur Momente der Rührung, sondern auch der Desorientierung. Aber eigenartiger Weise macht auch das das Theater an diesem Abend nicht nur realer, sondern gefühlsdurchlässiger."

Rimini Protokoll versuche die zwei Bereiche Politik und Zauberei zusammenzubringen, "zu zeigen, wie Realität und Illusion verschwimmen im Angesicht internationaler Verwicklungen", schreibt Marion Meyer in der Westdeutschen Zeitung (25.5.). Schön augenfällig werde das, "wenn Markus Kompa einen Zauberwürfel in einem Kästchen immer wieder verschwinden lässt und ihn später aus dem Hut zaubert, genau wie 'die USA die Massenvernichtungswaffen im Irak'." Ansonsten jedoch würden sich die sehr unterschiedlichen Themenbereiche nur schlecht verbinden, der Abend zerfasere "in spannende Einzelmomente und jede Menge Tricks, die man staunend verfolgt, aber so oder so ähnlich schon häufig gesehen hat." Die versprochene Reibung zwischen Realität und Fiktion, zwischen Illusion und Kriegswirklichkeit bleibe aus.

 

 
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