Orangensaft gegen die Armut!

von Dorothea Marcus

 

Bonn, 28. Mai 2009. Was sehr viel Geld mit einer Familie macht, kann sich unsereins natürlich nur vage vorstellen. Ein Szenario zumindest scheint aber sehr unwahrscheinlich: dass diese Familie in einem verrotteten Haus an der Küste in Maine haust, in dem Ratten umherlaufen und die einzige Nahrung alte Kekse sind – und man sich gegenseitig am Weggehen hindert, die Fenster mit Brettern vernagelt und das Leben verpasst.

Genau darum geht es aber in "Blick auf den Hafen": Im dritten Teil von Richard Dressers Trilogie über das amerikanische Glücksstreben hat er die psychotischen "Superreichen" Amerikas thematisiert, während es in den ersten Teilen um das Prekariat ("Augusta") und den Mittelstand ("The pursuit of happiness") ging. Der amerikanische Autor Dresser ist eine schillernde Person und hat schon als Wachmann, LKW-Fahrer und am Fließband gearbeitet – ähnlich wie seine Figur Nick.

Die mitleidsvolle Arroganz der Neureichen

Nick und Paige, seine Freundin,  kokettieren mit den Mühen der Arbeiterklasse, dabei tut Nick alles, um vor ihr seine Herkunft aus reichem und reichlich gestörtem Haus zu verbergen. Das Stück beginnt mit Paiges und Nicks Besuch in seinem Elternhaus. Paige ergeht sich in einem sozialromantischen Blick auf das "ländliche Prekariat", aus dem ihr "großer, starker Mann aus der Fabrik" vermeintlich kommt – und fühlt sich massiv betrogen, als er sich später doch als reich entpuppt.

Die Bühne in der Halle Beuel ist von Manfred Blößer liebevoll missgestaltet: Schmutzige, graue Wände, ein zerbrochenes Aquarium, aufgeplatzte Stühle – und ein gähnendes Loch im Bühnenboden. Dort wohnen Kathryn, Nicks Schwester, und Daniel, sein Vater, der gerade einen Schlaganfall hatte, aber nichts davon zu wissen scheint.

Von Beginn an prasseln die Gemeinheiten auf die naive Paige ein, die Philine Bührer als übereifrige, hübsche und studentische Weltverbesserin zeigt. Der Zuschauer geht mit ihr dem Stück auf dem Leim und glaubt, hier dem armen dementen Vater Daniel (Bernd Braun) und seiner aufopferungsvollen und verhärmten Tochter (Katharina von Bock) bei der Konfrontation mit einer naiven Neureichen zuzusehen. In mitleidsvoller Arroganz, pervers fasziniert von den Auswüchsen der Armut, kauft Paige Bagels und Orangensaft zum Frühstück, während sie kindliche Gutmenschenphrasen drischt.

Stehendes Kammerspiel

Doch nichts ist, wie es scheint: In Wirklichkeit fliegt der vermeintlich demente Vater regelmäßig zu einer seiner vielen Firmen nach Washington und ist so reich, dass er Paiges Familie locker in die Tasche stecken könnte – und so angewidert von seinem Geld, dass er es erfolgreich verleugnet. Zu diesem Handlungsgerüst kommen noch allerlei finstere Geheimnisse aus der Familienvergangenheit hinzu: eine Mutter, die einst in einem Zimmer mit vernageltem Fenster lebte, weil im nebligen Hafen der Bruder von Nick umkam. Nick (Yorck Dippe), der in Wirklichkeit Edward heißt, hat sich nach seinem toten Bruder benannt. Oder hat er ihn gar selbst mit umgebracht?

Klaus Weise, der Bonner Intendant, hat diese Aneinanderreihung von Unwahrscheinlichkeiten in größtmöglicher Psychologisierung zu einer Art stehendem Kammerspiel gemacht. Es wirkt zunächst so statisch, als sei man hier bei einer szenischen Lesung. Doch psychologisch funktioniert dieses Stück leider auf keinen Fall: Da es wie ein Well-made-play gebaut ist, das ständig mit neuen Wendungen überraschen soll, sind die Figuren in sich unlogisch gebaut und werden von Szene zu Szene zu völlig anderen Menschen.

Pathologischer Stillstand

Einigermaßen glaubwürdiger ist da allein Katharina von Bock, die erst die verbitterte und missgünstige Schwester zeigt, bis sie sich schließlich in Filmstar-Perücke doch noch aufmacht, aus dem Haus zu fliehen. Man weiß gleich, dass es ihr nicht gelingen wird – und richtig, weinend und recht melodramatisch bricht sie über ihrem Koffer zusammen. Die abrupten Umschwünge der Handlungen lässt Klaus Weise schließlich auch in den Schauspieleraktionen auftauchen: da wird eine Schlägerei zu einer Liebkosung, eine Umarmung zu einer Beinahe-Strangulierung.

Das Stück ist kein großer Wurf: Es will zu viele Themen auf einmal abhandeln, verheddert sich in absurder Ereignisfülle, die Sprache ist etwas zu fernsehtauglich, ohne große Geheimnisse wird hier alles einfach ausgesprochen. Der pathologische Stillstand und die familiäre Dramatik werden nur behauptet und formal irgendwo zwischen Thriller und Familiensaga angesiedelt. Das Beste, was man von diesem Abend sagen kann, ist, dass man den Schauspielern trotzdem gerne bei der Arbeit zusieht.

 

Blick auf den Hafen
von Richard Dresser
Aus dem Englischen von Lothar Kittstein und Birte Schrein
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Klaus Weise, Bühne: Manfred Blößer, Kostüme: Fred Fenner.
Mit: Yorck Dippe, Philine Bührer, Bernd Braun, Kathryn, Katharina von Bock.

www.theater-bonn.de


Hier geht's zur nachtkritik der Premiere von Richard Dressers Wonderful World in Wien.

 

Kritikenrundschau

Martin Burkert berichtet in Fazit auf Deutschlandradio (28.5.2009), dass Klaus Weise gegen den filmischen, den psychologischen Realismus von Dressers Vorlage "ganz gut" anarbeite, indem er "überhöhte Bilder" suche. So werde bei ihm etwa der psychologische "Vater-Sohn-Konflikt" zum "körperlichen Exzess". Die Bühne sei eine "ganz gelungene Abwägung von Kaputtheit aber auch Großbürgertum", darein passten sich die Figuren sehr schön ein und ein "dichtes Spiel" käme zustande.

Das Stück sei interessant, nicht durchgehend stark, schreibt Stefan Keim in der Tageszeitung Die Welt (30.5.2009), denn es enthalte "zu viel psychologisch-konventionellen Leerlauf". Doch habe Regisseur Klaus Weise, Bonns Generalintendant, erkannt, "dass eine Grenzwanderung zum Surrealen und Unterbewussten ins Herz des Textes führt und schaffe Weise schafft starke Bilder". Ein verfallenes Haus, "wie man es aus apokalyptischen Science-Fiction-Filmen und Bürgerkriegsszenarien kennt. Im Fußboden gähnt ein Loch, die Möbel sind kaputt, auf zwei Stühlen stehen die Reste einer zerschlagenen Vitrine. Ein Haus für Ratten." Doch sein Bewohner sei einer der bedeutendsten Firmenbosse der USA, Oberhaupt einer der reichsten Familien. "Sein Haus ist Sinnbild für den inneren Zerfall der führenden Gesellschaftsschicht, ihre Verlorenheit und Lebensferne."

 
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