It's the ecomomy, stupid!

von Hartmut Krug

Berlin, 29. Mai 2009. Auf der einstündigen Aufführung mit dem Titel "Vermauern", die eher eine szenische Lesung oder ein geschichtsdokumentarisches theatrales Traktat ist, lastet viel Bedeutung. Denn sie findet innerhalb eines Pfingstspektakels des Maxim Gorki Theaters statt, in dem das Haus seine, sich direkt mit der jüngeren Geschichte auseinandersetzenden Produktionen präsentiert.

Das Spektakel wiederum ist eingebettet in das "Geschichtsforum 1989/2009 – Europa zwischen Teilung und Aufbruch", zu dem sich die Bundeszentrale für politische Bildung und die Stiftung Aufarbeitung mit zahlreichen anderen Institutionen zusammen getan haben. Es geht um Geschichte, um Aufarbeitung und Erkenntnis.

Dokumente sprechen lassen

Der kleine Text, der das Protokoll eines Gesprächs vom 1. August 1961 zwischen Chruschtschow und Ulbricht am 1.August 1961 erstmals öffentlich macht, ist eine wahre Entdeckung. Wie hier zwei kommunistische Staatsmänner, mitten im kalten Krieg, statt einverständig in Ideologie zu baden, völlig pragmatisch über Ökonomie reden, entzaubert auf ganz eigene Weise das realsozialistische Geschichtsbild.

Hans-Werner Kroesinger ist ein Dokumentartheater-Regisseur, der den Darstellern historischer Figuren keine identifikatorischen oder emotionalisierenden Posen gestattet. Er versucht die Dokumente sprechen zu lassen, indem die Schauspieler fast in Distanz zu ihnen treten. Er verfremdet durch Nüchternheit und lässt die Texte dadurch erst spannend und irritierend werden.

Bühnenbildnerin Valerie von Stillfried hat das Studio mit einem Museumsparcours ausgestattet, durch den das Publikum zu seinen mit Museumskordeln abgetrennten Sitzen gehen muss, während historisches Hörfunkmaterial erklingt. Auf Holztischen sind historische Dokumente ausgebreitet: Fotos und Texte zur Mauer, zur Zahl der Mauertoten, dazu Spielzeugtrabis, F6-Zigaretten, ein Modell des Brandenburger Tores und eines Schnellbootes, aber auch Maiskolben. All dies sind Dinge, die im Gespräch der Vorsitzenden von zwei sozialistischen Bruderländern vorkommen.

In ärmellosen, enggeschnittenen Kleidern

Die Schauspielerinnen Judica Albrecht und Ana Kerezovic, beide in ärmellosen, elegant enggeschnittenen Kleidern und hochhackigen Schuhen, stellen Fotos der zwei von ihnen gesprochenen Politiker auf und tragen, die Textbücher in der Hand oder auf Dokumenttische abgelegt, das historische Gespräch meist frontal zum Publikum vor. Es geht um die Landwirtschaft, um schlechte Kartoffelernte in der DDR (natürlich ist das nasse Wetter schuld), um die zu schnelle Vergesellschaftung auf dem Lande, um die Flucht von Ingenieuren (russisches Angebot: wir schicken Ingenieure!), vor allem aber um wirtschaftliche Beziehungen zwischen den Bruderländern.

Ulbricht errichtet eine Verteidigungslinie mit taktisch abgefederten Vorwürfen an die sozialistischen Bruderländer Polen, Tschechoslowakei und Sowjetunion. Denn wie von diesen mit Aufträgen, mit In- und Exporten verfahren wird, so dass z.B. die DDR für Schnellbootlieferungen an die Sowjetunion Motoren für teure Devisen in kapitalistischen Ländern einkaufen muss, beweist ökonomischen Irrsinn.

Eiserner Ring um Westberlin

Das Gespräch zeigt, es geht nicht um Ideologie, nicht um Beziehungen zwischen politischen Freunden, nicht um einen Kampf der Systeme, sondern um einen Kampf zwischen Handelspartnern innerhalb globaler Wirtschaftsbeziehungen. Bill Clintons Erkenntnis von 1992 "It's the economy, stupid!", haben die beiden sozialistischen Staatsmänner bereits 1961 verinnerlicht.

Sie reden über Liefermöglichkeiten, über die Angst vor wirtschaftlichem Zusammenbruch, verneinen die Hoffnung auf eine erfolgreiche Aufholjagd gegenüber dem Westen und belauern sich so misstrauisch wie vorwurfsvoll. Und spielen immer wieder politische Lieder ein, so von der Partei, die immer recht habe: die agitatorisch-ideologische Skurrilität dieser Lieder wird durch das Gespräch überdeutlich. Auch politisch und geheimdienstlich erscheint die Welt des kalten Krieges als ein globales System, bei dem jeder vom anderen alles weiß. Das Volk kommt nur als Manövriermasse und Ziel von Propaganda vor. Nie geht es um Wahrheit, immer nur um Effektivität.

So wie bei dem "eisernen Ring" um West-Berlin, über dessen Errichtung wie nebenher gesprochen wird. Über den seien die eigenen und die feindlichen Geheimdienste längst informiert worden, weshalb man sicher sein könne, dass es keine "falschen" Reaktionen geben werde.

Entzauberung sozialistischer Bruderbeziehungen

Chruschtschow erscheint in diesem Gespräch als ein lauernder, selbstbewusster Taktierer, der seine Vorwürfe gegenüber Ulbricht maliziös wie kleine Schläge sachlich und unpolemisch vorträgt. Wer hier die Macht hat, ist klar.

Die Darstellerinnen erlauben sich nur wenige demonstrierende Illustrationen des Textes. Mal werden Streichhölzer bei der Erwähnung von Panzern entzündet, mal wird bei der Erörterung landwirtschaftlicher Fragen mit Kartoffeln gespielt, mal werden einige Tische zu einer Art Mauer aufgerichtet.

Nach einer Stunde ist diese Entzauberung sozialistischer Bruderbeziehungen vorbei. Länger hätte sie auch nicht dauern dürfen. Das Ganze: kein Theaterspektakel, aber ein spektakuläres dokumentarisches Geschichtsvermittlungstheater.

 

Vermauern
Niederschrift eines Gesprächs des Genossen Nikita S. Chruschtschow mit dem Genossen Walter Ulbricht am 1. August 1961.
Inszenierung: Hans-Werner Kroesinger, Bühne und Kostüme: Valerie von Stillfried, Musik: Daniel Dorsch, Dramaturgie Ludwig Haugk. Mit Judica Albrecht, Ana Kerezovic.

www.dhi-moskau.de

www.gorki.de

 

Mehr lesen? Im Februar 2009 begann die Nachtkriegsgeschichtsbetrachtung des Maxim Gorki Theaters mit dem Theaterspektakel Korrekturen. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Auch Armin Petras' Adaption von Werner Bräunigs Roman Rummelplatz gehörte dazu.

 

Kritikenrundschau

Das zwölf Tage vor Mauerbau geführte Gespräch zwischen Ulbricht und Chruschtschow, das Hans-Werner Kroesinger am Maxim Gorki Theater unter dem Titel "Vermauern" auf die Bühne brachte, werfe "ein hoch interessantes Licht sowohl auf die konkrete wirtschaftliche Lage der DDR 1961 als auch auf das Verhältnis und die taktischen Manöver der beiden Politiker", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (31.5.). Vor allem beeindrucke "der ideologieferne Pragmatismus, mit dem hier über ökonomische Probleme debattiert wird". Da es in Kroesingers Dokumentartheater "nicht um die möglichst originalgetreue Nachstellung historischer Figuren in Fernsehmanier" gehe, "sondern um die Herausarbeitung tiefer liegender Strukturen", lasse er das Gespräch von den Schauspielerinnen Judica Albrecht und Ana Kerezovic lesen. Herauskomme ein "konzentrierter, klug durchdachter Abend für Menschen, die es ganz genau wissen wollen. Unglaublich wohltuend in Zeiten von Infotainment und Geschichtspop!"

 

 

 

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