Nervöse Theaterlandschaften

von Esther Boldt

Frankfurt/Main, 3. Juni 2009. Zum Schluss wird alles noch einmal anders. Das Schauspiel Frankfurt läutet zum Finale, mit der Spielzeit endet die Intendanz von Elisabeth Schweeger. Wanda Golonka, sonst für abstrakte Zugriffe auf Stoffe und Körper bekannt, inszeniert Handke. Und hält sich ans Skript. Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" ist ein sprachloses Stück, eine Choreografie aus akribischen Regieanweisungen, die von Golonka recht genau befolgt werden.

350 Figuren laufen da in fliegenden Kostümwechseln vorbei, verkörpert von 32 Schauspielern und weiteren Mitarbeitern des Hauses. Sie sind Passanten eines öffentlichen Platzes, ein Tableau vivant, das Handke hier vorführt – und für das die enormen Ausmaße des Großen Hauses des Schauspiel Frankfurt hervorragend geeignet scheinen. Rasenquadrate, ein flacher Teich und ein Kiesbeet strukturieren den Platz, der von schwarzen Regenschirmen auf Ständen eingerahmt wird.

Authentizität total

Ein für Golonkas Verhältnisse sehr konkreter Raum, der sich neunzig Minuten lang mit sehr konkreten Handlungen und Figuren füllen wird: Mit Stewardessen und Joggern, Polizisten, Bräuten, Sommergästen, Pilgern, Reisegruppen, Dirndl-Trägerinnen und Blaumännern. Sie begegnen sich oder eilen aneinander vorbei, lungern weiß behütet auf der Wiese herum oder platschen bäuchlings in den Teich. Und zwischendurch spielen Kinder oder werden Hunde über die Bühne geführt – bürgen doch Kinder und Tiere mehr noch als all der Ausstattungsrausch dafür, dass hier Theater-Realismus hergestellt wird. Als hätte da jemand ganz tief in seinen Zylinder gegriffen und lauter betont alltägliche Figuren herausgeklaubt, die auf der Bühne aber furchtbar verkleidet aussehen: Authentizität, total overdressed.

Die Schauspieler dagegen wirken ein wenig unterinszeniert. Sie verfolgen meist ihr Können, also die Maschen, Tricks und Ticks, die sie jeweils am besten beherrschen. In das Figurenmobile werden manchmal hart zum Staunen schöne Bilder geschnitten: zum Beispiel Licht, das nur das Quadrat um den See herum ausschneidet und so eine Insel für eine Blondine schafft, die ein ungelenkes Wasserballett tanzt. Und es setzt interne Witze und kleine Streiche. Wenn etwa das große Komödiantenduo des Ensembles, Stefko Hanushevsky und Sebastian Schindegger, als Feuerwehrleute samt Löschgerät über die Bühne wetzen, hier- und dorthin, mit schlackerndem Wasserschlauch auf der Suche nach dem Brand, dann wirkt das wie ein Zitat all ihrer gemeinsamen Bühnenscherze.

Zuck und Zappel, Trippel- und Trappelabend

Figuren aus anderen Stücken dieser Spielzeit treten auf, Falilou Seck mit seinem Araber-Bart aus Sebastian Baumgartens Inszenierung von Albert Camus' Der Fremde, Sandra Bayrhammer mit dem Brautkleid aus Wanda Golonkas "Du kamst Vogelherz im Flug". Als Störfaktor vom Dienst huscht Nicola Gründel mit einer viel zu großen Perücke herum wie ein haariger Irrwisch. Sie verfolgt die Vorüberziehenden und ahmt sie nach, knurrt wie ein Hund in ihr Mikroport und verschwindet flugs im Gully.

Doch es bleibt eine verwunderliche letzte Premiere. Besteht die Stärke der Regisseurin und Choreografin Wanda Golonka doch gerade darin, durch Abstraktion und Reduktion ein präzises Gefühl für Bewegung im Raum, Stille und Weite zu schaffen, die Perspektiven eröffnet und Blicke wendet – wie in ihrer Iphigenie oder in ihrer Inszenierung von Jean Daives Die Erzählung des Gleichgewichts 4W.

Ihre Abschiedsinszenierung aber ist eine ziemlich nervöse Theaterlandschaft, ein Zuck- und Zappel-, Trippel- und Trappelabend wie ein unfreiwillig persiflierter Kostümfilm: Hübsch und fern, ein wenig altbacken und sehnsuchtsvoll wie sein Titel.

 

Die Stunde da wir nichts voneinander wussten
von Peter Handke
Regie, Bühne: Wanda Golonka, Künstlerische Mitarbeit: Katharina Wiedenhofer, Kostüme: Adriane Westerbarkey. Mit: Roland Bayer, Sandra Bayrhammer, Susanne Böwe, Susanne Buchenberger, Martin Butzke, Nadja Dankers, Wilhelm Eilers, Rainer Frank, Wolfgang Gorks, Nicola Gründel, Andreas Haase, Stefko Hanushevsky, Mathias Max Herrmann, Sascha Maria Icks, Anita Iselin, Friederike Kammer, Özgür Karadeniz, Oliver Kraushaar, Ruth Marie Kröger, Christian Kuchenbuch, Michael Lucke, Felix von Manteuffel, Anne Müller, Joachim Nimtz, Julia Penner, Moritz Peter, Matthias Redlhammer, Abak Safaei-Rad, Sebastian Schindegger, Falilou Seck, Heiner Stadelmann, Bert Tischendorf, Sabine Waibel, Katharina Wiedenhofer, Aline Czaplicki, Philip Liman, Jonas Minthe, Joshua Olivo, Mina Salehpour, Alexandra zu Stolberg, Saphir Sun, Claudia Wabnitz.

www.schauspielfrankfurt.de


Mehr lesen über Wanda Golonka? Esther Boldt porträtierte im Sommer 2007 die Choreografin und Regisseurin und ihre Arbeit am Schauspiel Frankfurt.

Kritikenrundschau

"Vorbei, ein gutes Wort", ruft Gerhard Stadelmaier Elisabeth Schweegers Frankfurter Intendanz nach. "Sprachlos und ortlos", wie sie gewesen sei, ginge die Schweeger-Zeit auch zu Ende, schreibt Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.6.2009) und: Es sei "ja doch auch eine Gnade", dass die Schauspieler in der "Stunde da wir nichts voneinander wußten" nicht sprächen, denn anders hätte man gemerkt, dass sie es "mit der Liebe zur Sprache, zu den Nuancen der Wortpoesie" nicht "gerade übertrieben" hätten in den letzten acht Jahren. Worüber dieses Theater sprechen wollte, sei in die "Schwatz- und Schwurbelsphäre "Philosophischer Salons" transferiert worden, während an der "theatralischen Basis" die "wackeren Frankfurter Schauspieler" meist frontal zum Publikum standen und vor allem eines gewesen wären: laut. "Und auf eine grobe Art: brav." Und eine zweite Schwäche decke der Abend auf, die Ortlosigkeit des "Schweeger-Theaters". -  "Es kam ja nie richtig aus seinen meist grob gezimmerten Bühnenversatzstückwänden heraus. Es fand keine Bilder von Welten in Bühnenbildern." Auch für die "Stunde da wir nichts voneinander wußten" sei  in Frankfurt "gar kein Bild da. Nur eine Leere." Es fehle der Platz, sein Geheimnis, das Zentrum. Statt eines Platzes: "Nur eine Auf- und Abtrittsverlegenheit." In der "Platzlosigkeit" träten nicht "vor Geschichten platzende Figurenmöglichkeiten auf, sondern buchstäblich Platzpatronen: Eindeutigkeitshülsen." Wanda Golonka finde für Handkes "geheimnisvolle Durchgangswesen keinen Rhythmus, keine Gliederung. Sie inszeniert sie nicht. Sie hakt sie ab." Tarzan schwinge sich herein, "als komme er aus der Kantine". Chaplin schwinge sein Stöckchen, "als habe er es gerade von der Requisite erhalten". Als wisse Golonka von diesen Figuren nichts. "Als erschauere sie nicht vor ihnen. Und als freue sie sich auch nicht über sie."

Golonka beende mit einer Inszenierung die Amtszeit Schweegers, schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (5.6.2009), "mit der sie das eher fremdelnde Frankfurter Publikum schon eher hätte anwärmen sollen". Denn Peter Handkes "Stunde, da wir nichts voneinander wussten" eigne sich zur "Charmeoffensive". Golonka habe "die zarte, quicke Nicola Gründel" zu ihrem "roten Faden" gemacht, "als eine Art asiatischer Puck". Diese Figur scheine allerdings zu Lasten "einer größeren Klarheit beim "realen" Personal zu gehen", da blieben "Verbindungslinien" schwer zu entdecken. Golonka, auch für die Bühne verantwortlich, habe den großen öffentlichen Platz, auf dem das Stück spielt, mit Wasserbecken, Nieselregen, Kies- und Rasenfläche "aufgejazzt". Dabei begleite sie immer "ein Hauch Surrealität". "Die Beleuchtung wird bläulich wie in einem Zwischenreich, Donner grollt, eine Frau in Abendkleid tanzt im Wasserbecken." Auch Kitsch könne man aus Handkes "Stunde" machen - aber das habe Golonka nicht getan. Sie zeige in dieser letzten Inszenierung am Frankfurter Haus auch "ihre verspielte, ihre witzige Seite". Manchmal sei es ein "optisches Witzchen" zu viel, aber das Publikum freue sich "ausführlich, über Kinder, Hunde und das ganze Ensemble".

"Den allergrößten Spaß" gibt Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung (6.6.2009) zu Protokoll. Spaß an ihren eigenen Beobachtungen an diesem Abend, und an denen Wanda Golonkas, die sie mindestens so genau wie die Peter Handkes fand, nur lustiger. Und dabei ziemlich bedrohlich. Denn den möglichen eigenen Sturz sah sie an diesem Abend stets mitinszeniert. "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" liest die Kritikerin "als poetische Regieanweisung", und Peter Handke hat darin ihrer Ansicht nach "dem Treiben auf einem öffentlichen Platz" eine "geschmäcklerische Verdichtung" verpasst, in der der Zufall Schicksal spielt. Und da jeder Betrachter wie jeder Bücherleser und Theaterzuschauer stets darauf erpicht sei, noch angesichts des Zusammenhanglosesten und Widersinnigsten Sinnzusammenhänge herzustellen, "beginnen die einander unbekannten Passanten zumindest in dem kurzen Moment, da sie einander begegnen, ein wenig voneinander zu erfahren". Diesen Aspekt unterlaufe Wanda Golonka, erzähle von lauter Einzelgängern, wie sie unsere Fußgängerzonen bevölkern, die mehr oder weniger rücksichtslos aneinander vorbei eilen oder einander über den Haufen rennen würden. "Was sie verbindet, ist vielleicht ein Missgeschick, keine Begegnung, das Resultat keine noch so kleine Geschichte, sondern Anekdotisches."

 

 
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