Unter Nordmännern und Indianern

von Charles Linsmayer

St. Gallen, 5. Juni 2009. Während sonstwo der Trend in Richtung Hiphop und Rap oder brandneue Aktualisierung geht, führt der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson Shakespeares "Romeo und Julia" in St. Gallen auf eine exzessiv-einfallsreiche Weise zurück ins Archaische, ins Elementare und vielleicht sogar mitten in einen theatralisch auftrumpfenden nordischen Götterhimmel hinein.

Der Litauer Vytautas Narbutas hat aus Stühlen, die die St. Galler Bevölkerung zu Hunderten gespendet hat, einen Halbkreis aus hoch aufragenden Stuhlreihen in den Bühnenraum des St. Galler Theaters hineingebaut. Da sitzen die Protagonisten des Stücks, wenn sie nicht einen Auftritt zu absolvieren haben, in ihren abenteuerlichen, irgendwo zwischen einem Vampirfilm, dem Musical "Hair" und Mozarts "Zauberflöte" anzusiedelnden Kostümen (Filippía Elisdóttir) und runden den Zuschauerbereich um das Bühnengeschehen herum zur Arena ab.

Pantomimischer Auftakt

Schon die erste Szene zeigt, wie stark Arnarsson mit den Mitteln der Pantomime arbeitet. Die Figuren reihen sich vor dem Publikum auf und führen vor, wie ganz plötzlich aus dem Nichts ein Konflikt entsteht, der alle in Mitleidenschaft zieht und in letzter Konsequenz in ein allgemeines Tohuwabohu übergeht, aus dem heraus die Geschichte ihren Anfang nimmt.

Es gibt gleich zu Beginn schon viel zu lachen über die Figuren, die sich da anheischig machen, unter Mitwirkung der auf der Bühne anwesenden Souffleuse Shakespeares berühmte Liebestragödie aufzuführen. So reihen Romeo Meyer als Benvolio und Nikolaus Benda als Mercutio Lachnummer an Lachnummer, während Marcus Schäfer als Graf Paris – welch letzteres natürlich von "sich paaren" kommt – als eine Art Papageno mit Federhut seinen Balztanz auf die Braut tanzt, die er am Schluss dann ja nicht bekommen wird.

Ein Vogelwesen ist auch Diana Dengler als Amme, und Arnarsson hat ihr durch Kürzung und Umverteilung des Textes soviel Bedeutung zugeschaufelt, dass sie nebst Romeo und Julia mit Abstand zur wichtigsten Figur des Abends wird. Wieder in Richtung heidnischer Götterhimmel führt mindestens am Anfang Hannes Perkmann als ein Pater Lorenzo, der einem gleichzeitig als Verkörperung Buddhas, als Vodoo-Zauberer und als jovialer Mönch à la Boccaccio erscheint.

Auf dem Friseurstuhl

Die Liebenden begegnen sich zum ersten Mal in einer pantomimischen Szene, wie sie plakativer nicht sein könnte. Die von Boglárka Horváth mit ebensoviel mädchenhaftem Flair wie balletthafter Leichtigkeit gespielte Julia hat das Hochzeitskleid ausprobiert und steht wie ein Denkmal auf einem Friseurstuhl, als das ganze verfügbare männliche Personal sich um sie herum rangelt und sie zu begrapschen sucht, bis von hinten Romeo auftaucht und sie den ungebetenen Freiern mit einem Kleidungsstück entzieht.

Romeo wird von Dominik Kaschke auf eine sehr impulsive, hochdramatische, leidenschaftliche Weise dargestellt und trägt mit seinem Sturm-und-Drang-Temperament wesentlich zur Glaubwürdigkeit der ansonsten nach Kräften stilisierten Liebesgeschichte bei.

Wobei diese Stilisierung und Symbolisierung so viele verschiedene Domänen bedient, dass sich die Wirkung gegenseitig wieder irgendwie aufhebt. Zum Einfall mit den Stühlen, kommt jener andere mit den Haaren und Frisuren, der irgendwo an einem nordischen Märchen oder an einer Indianergeschichte angelehnt zu sein scheint: Vor allem die Männer wettteifern miteinander mit der Länge ihrer Haare, aber wer stirbt, verliert gnadenlos seinen Skalp und kommt zuoberst auf den Stuhlbergen als sein eigenes Denkmal zu sitzen.

Liebe unter der Glucke

Julia treibt einen absonderlichen Kult mit ihren Zöpfen, mit denen sie mal sich selbst, mal andere zu erwürgen droht und an denen ihr Vater – von Hans Rudolf Spühler als komische Kabarettnummer gespielt – sie im Zorn herumschleift.

Zum Haar- kommt der Federkult hinzu, den vor allem die Amme zu pflegen hat. Am spektakulärsten in jener Szene, als Romeo und Julia ihre einzige Nacht miteinander verbringen. Sobald sie sich – nach einer herzhaften Schlägerei! – in der Umarmung gefunden haben, kommt die Amme mit ihrem gefiederten Reifrock wie eine Glucke über sie, deckt sie mit dem Gefieder zu und vergisst nicht, das Liebesgestöhn der beiden mit lauten Schreien oder Vogelrufen zu überdecken, damit die Mutter, der Annette Wunsch etwas Hysterisch-Theatralisches verleiht, nichts davon merkt.

Das Geschehen wird immer wieder von rhythmischem Stampfen und von Gesang begleitet, wobei nicht ganz klar wird, warum es nebst Schlagern wie Drafi Deutschers "Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsre Liebe nicht" immer wieder die Marseillaise ist, die für Stimmung sorgen muss.

Lang anhaltender Beifall

Während die Aufführung im ersten Teil von Einfällen und exzessiven, höchst dramatischen Momenten nur so überbordet – die Fechtszene zwischen Mercutio, Tybalt (Christian Hettkamp) und Romeo ist in Sachen Choregraphie und Akrobatik einsame Spitze – wird Arnarsson im letzten Drittel eher wieder konventionell und beendet das Ganze mit einer Variante des Liebestods, bei der Julia nicht an einem Gift, sondern an der Liebe selbst stirbt. Trotzdem vermag die Aufführung die Verve und die temperamentvolle Intensität, mit der nicht nur tragische, sondern auch kabarettistische Momente umgesetzt werden, bis zum Ende beizubehalten.

Was bleibt, ist eine Inszenierung voller origineller, wenn auch manchmal etwas gewollter Bilder, ein Spiel mit einer Symbolik, die oftmals schwer zu verstehen ist, die aber dem Ganzen das märchenhafte Flair eines uralten Sagastücks aus irgend einer isländischen Handschrift verleiht. Ein Ansatz, der dem Stück insgesamt mindestens so gerecht wird wie die in letzter Zeit präsentierten extremen Aktualisierungen und der vom St.Galler Theaterpublikum mit lang anhaltendem Beifall gefeiert wurde.

 

Romeo und Julia
von William Shakespeare, Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Bühne: Vytautas Narbutas, Kostüme: Filippía Elisdóttir, Dramaturgie: Jens Lampater.
Mit: Dominik Kaschke, David Steck, Romeo Meyer, Boglárka Horváth, Hans Rudolf Spühler, Annette Wunsch, Christian Hettkamp, Diana Dengler, Nikolaus Benda, Marcus Schäfer, Hannes Perkmann, Yvette Simone.

www.theaterstg.de


Mehr lesen über Romeo und Julia? Am Berliner Maxim Gorki Theater inszenierte Nuran David Calis im April 2009 Shakespeares berühmte Tragödie als Hip-Hop-Spektakel. Im Nationaltheater Mannheim trieb Marcus Lobbes im Winter 2008 dem Liebesdrama die Gefühle aus.

 

Kritikenrundschau

Mit Lust treibe der junge isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson in seiner St. Galler Inszenierung von "Romeo und Jukia" die Kunst des "Als ob", schreibt Peter Surber im St. Galler Tagblatt (8.6.): "Aus dem tonnenschweren weltliterarischen Liebes-Stoff macht er ein ironisch gebrochenes munteres Liebes-Spiel. Ein Spiel vom Reden über Liebe und Hass und Liebeshass (Romeos Formel): Damit trifft er Shakespeare im Kern." Denn "Romeo und Julia" sei "eine ununterbrochene Wortaufwallung, eine Verserektion, ein Sprachorgasmus". Arnarsson stürze sich "mit vollem Risiko ins klamaukige Meta-Theater: Das gelingt, weil es Witz hat und zugleich den Irrwitz der Shakespeare'schen Liebesnarretei blosslegt." Allerdings mache es sich die Regie mit "dem hohen Tonus ihrer Regieeinfälle voller Brechungen und Situationskomik im zweiten Teil schwer. Hier muss gestorben sein, und da geht Arnarssons hochfliegendem Ansatz stellenweise der Sauerstoff aus."

 

 
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