Wahn-Sinns-Klang

von Stefan Bläske

Wien, 5. Juni 2009. Warum nicht mal ein bisschen jammern, lamentieren über das Leben, das nichts anderes ist als ein Schatten, eine von einem Idioten erzählte Geschichte, voller Klang und Wut, Lärm und Wahn und Schall und Raserei. Ja, das ist Shakespeare: "It is a tale / told by an idiot, full of sound and fury". Macbeth hat da gerade vom Tod seiner Frau erfahren, eine schlechte Botschaft jagt die nächste, alles geht zu Ende.

William Faulkner setzt dieses Ende an den Anfang seines 1929 erschienenen Romans "The Sound and the Fury" (dt. "Schall und Wahn"). Es handelt sich dabei um eine Familiengeschichte, in der sich angeblich der Niedergang des alten amerikanischen Südens spiegelt, vor allem aber ist es eine Geschichte, erzählt von einem Idioten.

Unergründlich plätschernder Bewußtseinsstrom

Die vier Teile des Romans sind aus verschiedenen, subjektiven Erzählperspektiven verfasst, der erste, auf den sich die New Yorker Truppe Elevator Repair Service bei ihrer Adaption beschränkt, aus der des geistig zurückgebliebenen Benjy. Die Erzählung verschwimmt in einem unergründlich plätschernden Bewusstseinsstrom, Gegenwart mischt sich mit Erinnerung an 33 Jahre Leben. Die Übergänge sind nahtlos, eigentlich handelt es sich nur um einen Tag, den 7. April 1928, aber plötzlich taucht der längst versoffene Vater auf, oder Bruder Quentin, der sich doch schon vor langer Zeit umgebracht hat.

Als Leser bleibt man ähnlich orientierungslos wie Benjy, dessen Wahrnehmung beschränkt ist und zugleich sehr intensiv, dessen Welt rätselhaft fragmentiert erscheint und doch ganz simpel.

"Er will rausgehen." sagte Versh. "Laß ihn gehen." sagte Onkel Maury. "Es ist zu kalt." sagte Mutter. Was Benjy wirklich will, erfährt man selten – nur was ihm wiederfährt. Gut- und gleichmütig beschreibt er, was ihn umgibt. Seine Geschwister riechen mal nach Regen, mal nach Hund, und oft nach Bäumen, Benjy sieht Räume kommen und gehen und hört die Dunkelheit.

Sechs in einem

Wie lässt sich eine solche Erzählweise – die subjektive, schlichte bis poetische Perspektive eines geistig Zurückgebliebenen – auf die Bühne übersetzen? Regisseur John Collins hat die Schwierigkeiten dieses Unterfangens deutlich gespürt: "Wir werden immer verlieren, wenn wir versuchen, eine Roman in ein Theaterstück zu verwandeln. Aber es ist ein guter Kampf."

Das Gute an diesem Kampf besteht darin, dass Elevator Repair Service keine Auflösung des ersten Roman-Kapitels in einer rein dialogisch-dramatischen Form suchen, keine Readers-Digest-Version erstellen wie die meisten Stadttheater-Romanadaptionen hierzulande, sondern die Besonderheiten der Vorlage beizubehalten trachten.

Bei den Wiener Festwochen 2007 präsentierten sie F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby in einer Art szenischen Lesung, diesmal behalten sie auch die Textstruktur von "The Sound and the Fury" bei. So lesen die zwölf Darsteller Passagen aus Faulkners Roman vor und schlüpfen abwechselnd in 30 verschiedene Rollen, wechseln sie durch, sodass bis zu sechs Darsteller im Laufe des Abends denselben Charakter verkörpern.

Dass man von diesem Karussell der Figurenkonstellationen nicht gänzlich verwirrt wird – höchstens so sehr wie auch bei der Faulkner-Lektüre – liegt am beständigen "sagte Caddy", "sagte Dilsey", "sagte Jason". Die Darsteller markieren damit, welche Rolle sie gerade spielen und stellen eine beinahe Brechtsche Distanz her, die sie in ihrer intensiven Spielweise zugleich aber überwinden: ein reizvolles Wechselspiel aus Distanzierung und Einfühlung.

Auf der Reise durch Benjys Kopf

Märchentantentöne, Method Acting und Melodrama wechseln ab mit Slapstickeinlagen und Country-Choreographien. Das alles auf einer Bühne, die als großes, bürgerliches Wohn- und Esszimmer eingerichtet ist, wohl im amerikanischen Südstaatenflair Ende der 1920er Jahre, mit bildbehangenen Wänden, kleinen Milchglasscheiben über den Flügeltüren, schweren Vorhängen vor den Fenstern, und vielen kleinen Lampenschirmen, die ein warmes, dämmriges Licht werfen, irgendwie zwischen gemütlich und bedrückend.

Die Handlung indes spielt oft genug im Freien, und diese Freiheit wird akustisch erzeugt, durch Einspielungen von Grillenzirpen, Golfballschlagen, Pferdehufenklappern, Blätterrascheln im Wind, und ganz am Ende ein Meeresrauschen. Das ist streckenweise grenzwertig kitschig, eine Überdosis an theatralischem Naturalismus, technisch aber ziemlich gekonnt, denn im Grunde ist es die auditive Ebene, die in die visuelle Häus- und Heimlichkeit erst die Unheimlichkeit von Benjys Weltwahrnehmung zaubert.

Es ist das Sound Design von Matt Tierney, das maßgeblich durch den Abend führt, den Wechsel der Raum- und Zeitebenen markiert und uns mit auf die Reise durch Benjys Kopf nimmt. So übersetzt die Inszenierung nicht nur den Stil des Romans auf die Bühne, sondern ergänzt diesen um einen weiteren Aspekt, nimmt den Titel ernster als Faulkner selbst: Das ist wahrhaft Sound and Fury.


The Sound and the Fury (April Seventh, 1928)
nach William Faulkner
Konzept: Elevator Repair Service
Regie: John Collins, Bühne: David Zinn, Kostüme: Colleen Werthmann, Licht: Mark Barton, Sound Design: Matt Tierney, Projektionen: Eva von Schweinitz, Regie Tanz: Katherine Profeta. Mit: Mike Iveson, Autumn Knight, Vin Knight, Annie McNamara, Randolph Curtis Rand, Greig Sargeant, Kate Scelsa, Kaneza Schaal, Pete Simpson, Susie Sokol, Tory Vazquez.

www.elevator.org
www.festwochen.at


Mehr lesen? Der lettische Regisseur Alvis Hermanis reiste bei den Wiener Festwochen 2009 mit Schuschkins Erzählungen in die sowjetische Vergangenheit.

 

Kritikenrundschau

"Langatmig, aber faszinierend" fand Ronald Pohl vom Standard (8.6.) das Festwochen-Gastspiel "The Sound and the Fury" der New Yorer Truppe Elevator Repair Service. In der Romanvorlage "Schall und Wahn" habe William Faulkner das epische Geschehen um den Untergang einer Südstaatenfamilie zerrissen und die Sprecherrollen auf vier Figuren verteilt. Bei der Bühnenadaption herrschten nun "vollendet demokratische Spielregeln. Jeder Schauspieler, jede Schauspielerin kann jede Figur spielen." Das "Zusammentragen von tausenderlei feinsten Facetten" sei "das tolle, wahnwitzige Geschäft dieser New Yorker Theatermacher": "Die Mosaiksteinchen eines in ewiger Gegenwart verharrenden, wie in Bernstein gegossenen Lebens erzeugen einen eigentümlichen Sog – der in der überhitzten Atmosphäre des Museumsquartiers auch härteste Ansprüche an das Aufnahmevermögen des Publikums stellte." Fazit: "Große Kunst der Moderne."

Nach Ansicht von Norbert Mayer in der Presse (7.6.) scheitete die Dramatisierung von "The Sound and the Fury" grandios: Der Roman von Faulkner erzähle aus mehreren Perspektiven den Zerfall der Familie Compson, die Truppe Elevator Repair Service habe aber nun "das Unmögliche versucht. Sie konzentrierte sich auf Benjys Story", also auf die Geschichte des geistig behinderten Taubstummen. "Bühne und Licht sind zwar atmosphärisch stimmig, evozieren im choreografierten Chaos vergammelten Südstaatenschick, aber folgen kann man dieser inszenierten Lesung mit der Einblendung zweisprachiger Inserts kaum." Zwölf "quicke Darsteller", denen "so manche Impression hervorragend" gelinge, machten "noch keine gute Aufführung aus". Langweilig sei es über weite Strecken, Faulkners Meisterwerk sei hier "rüde kastriert".

In der Wiener Zeitung (8.6.) zitiert Hilde Haider-Pregler den New Regisseur John Collins von Elevator Repair Service mit dem Satz: "Wir werden immer den Kampf verlieren, wenn wir versuchen, einen Roman in ein Theaterstück zu verwandeln." Und Frau Haider-Pregler scheint ihm angesichts der Inszenierung von "The Sound and the Fury" zustimmen zu wollen, denn "trotz deutscher Übertitel und eines Stammbaums der Compsons im Programmfolder" falle es schwer, "sich in der turbulenten, personenreichen, Zeitebenen verschachtelnden Geschichte einigermaßen zurechtzufinden". Letztlich sei das: "Seriöse Schauspielerarbeit, aber trotzdem nicht gerade aufschlussreich."

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