Wohin aber mit der Utopie?

von Regine Müller

Düsseldorf, 5. Juni 2009. Heiner Müller bleibt sperrig. Die Mischung aus Lehrstück-Pathos, analytischer Kälte und Zynismus ist schwer zu packen und verweigert sich nach wie vor gängigen Zugriffstechniken. "Der Auftrag" von 1979 ist ein disparater, stilistisch und formal nicht geschlossener Text, in dem sich die Zeitebenen in- und übereinander schieben und damit viel Raum für Deutung anbieten. Müller kreist gedanklich um die Ideale und das Scheitern der französischen Revolution vor dem Hintergrund der sozialistischen Revolution des 20. Jahrhunderts.

Das Stück beginnt mit dem Ende. Die Revolution ist gescheitert, der "Auftrag" wurde zurückgegeben, zwei Revolutionskämpfer sind tot, der Anführer ist zum Verräter geworden, Auftraggeber Antoine verleugnet sich und die Revolution und hat sich zum Hedonisten gehen lassen.

Die eiskalte Hitze des Textes

Der Auftrag, das war ein im Namen der französischen Revolution geplanter Sklavenaufstand auf Jamaika gegen die Herrschaft der britischen Krone, der mit Napoleons Machtübernahme jedoch hinfällig geworden ist. Ohne Revolution sind die Revolutionäre nun arbeitslos und streiten über Sinn und Unsinn des Weitermachens auch ohne Auftrag. "Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott." Wohin nun aber mit der Utopie? Der ehemalige Sklave Sasportas und der bretonische Bauer Galloudec ignorieren die veränderte Lage und treiben weiterhin der Aufstand voran, während Antoine der "Engel der Verzweiflung" erscheint.

Regisseur Joachim Schlömer, der von Haus aus Choreograph ist, hat offenbar höllischen Respekt vor Müllers erratischem Text und versucht, ihm mit Distanz, Mehrfachbesetzungen und gedrosseltem Tempo beizukommen. Mascha Mazur hat dazu die Bühne im Kleinen Haus ganz leer gelassen, Antoine (Michael Abendroth) schleppt eine große Leiter heran, stellt sie auf und klettert langsam aufwärts, stoisch Sprosse für Sprosse Staub wischend, derweil Galloudec (Michele Cucuiffo) bedächtig die ersten Sätze seines Abschiedsbriefs an die Rückwand pinselt. Ein Mensch mit einem Korb auf dem Kopf improvisiert Schlangenbeschwörungen auf einer Blockflöte (Musik: Thomas Jeker).

Wie aus einem Kafka-Albtraum

Langsam kommt das Spiel in Gang, doch Schlömer geht vorsichtig, allzu vorsichtig zu Werke und bleibt vage in der Meinung. Bei gleich bleibend gemäßigtem Rhythmus, der die eiskalte Hitze des Textes domestiziert, belässt er es beim kargen Bebildern. Markus Danzeisen muss als Engel der Verzweiflung immerzu zum Himmel starren, später schwebt er steif wie eine Puppe vom Schnürboden herab. Grob geschnitzte Typen bleiben Michele Cuciuffo als Galloudec, Milian Zerzawy als Sasportas und Matrose und Viola Pobitschka als Frau und Erste Liebe.

Schlömer gelingen durchaus intensive, konzentrierte und erhellende Momente und doch hängt der Abend stellenweise durch und will zu Müllers zeitloser Politparabel so recht keine Haltung finden. Müllers Text funktioniert am besten da, wo er ganz zu sich kommt und sich zum Monolog verdichtet. So bleibt als stärkste Szene die aus der Zeit der Handlung gänzlich herausfallende Traumsequenz des "Mannes im Fahrstuhl" im Gedächtnis: Michael Abendroth, der nach dreizehn Jahren in Düsseldorf mit der kommenden Spielzeit an das Frankfurter Schauspiel wechselt (und auch den bitter resignierten Antoine und den eisigen Debuisson spielt) gibt ihn auf einem Eimer stehend, regungslos bebend in unterdrückter Panik, wie eine Figur aus einem absurden Kafka-Albtraum.

 

Der Auftrag
von Heiner Müller
Regie: Joachim Schlömer, Bühne: Mascha Mazur, Kostüme: Tina Kloemken, Musik: Thomas Jeker, Licht: Jean-Mario Bessière. Mit: Michele Cuciuffo, Michael Abendroth, Milian Zerzawy, Markus Danzeisen, Viola Pobitschka.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Mehr lesen über Heiner Müller, der zur Zeit in einem Transitraum zwischen Klassikerhimmel und Mottenkiste schwebt? Zuletzt befasste sich Dimiter Gotscheff im Mai 2009 in der Berliner Volksbühne mit Müllers Übersetzung des Prometheus von Aischylos. Müllers letzte Frau, die Fotografin und Filmemacherin Brigitte Maria Mayer übersetzte im Frühjahr 2009 Müllers Shakespeare-Kommentar Anatomie Titus Fall of Rome in eine filmische Installation.

Kritikenrundschau

"Müsste dies nicht die Stunde Heiner Müllers sein?" fragt Britta Heidemann auf dem Internetportal Der Westen (7.6.). "Das Scheitern der linken Utopien, die Krise des Kapitalismus, ach, die Krise aller denkbaren Systeme, die Schere zwischen oben und unten – ist diese unsere nicht Müllers Welt?" Bei seiner Düsseldorfer Inszenierung von Müllers "Der Auftrag" scheine Joachim Schlömer allerdings "in Ehrfurcht erstarrt", er lasse "die Texte hersagen, auf einer Bühne, die leer ist bis auf eine Leiter in ihrer Mitte. Damit das nicht ganz so traurig ist, hören die Franzosen Chansons, trinken Wein, essen Baguette und Käse." Auf diese Weise komme der Abend "historisch" daher: "Er betrifft uns nicht. Dabei hätte er das Zeug dazu gehabt. Denn wir sollen, heißt es, ebenfalls kurz vor einer Revolution stehen, jener der Wirtschaftskrisenverlierer. Allein, es fehlt der Auftrag, der innere Antrieb."

Ein Text Heiner Müllers habe selbst vor den Skeptikern immer Bestand gehabt, meint Michael Laages auf Deutschlandfunk (6.6.): "Der Auftrag", eine "zeitlose Politparabel". Perfiderweise wirke aber auch hier noch immer "das alte Land, die vergangene Heimat DDR" nach. Da das DDR-Publikum damals "forciert zwischen Zeilen und Texten zu lesen verstand, wandelte sich Müllers Text im Handumdrehen zur intellektuellen Schmuggelware. Was aber damals Stärke war, bleibt heute eine schwere Last – auch "Der Auftrag" ist ein Experiment in Gedanken. Und was wäre mit denen heute wohl zu schmuggeln?" Joachim Schlömer erzähle in Düsseldorf "die Story komplett, hält sie aber zeichenhaft karg". Zeichen gebe es zwar viele – "aber keinen starken Zusammenhang. Und ein neuer, frischer Blick auf Müller, einer, der den Autor als zukunftstauglich erkennbar werden lässt, ist einmal mehr ausgeblieben."

Heiner Müllers Ruhm sei nach seinem Tod 1995 verblasst, schreibt Hans-Christoph Zimmermann in der Westdeutschen Zeitung (8.6.): "Sein 80. Geburtstag im Januar bot die Chance für eine Neuinspektion." Joachim Schlömers Inszenierung des "Auftrags" aber finde "weder für das Revolutionstheater, noch für den Umschlag des Protests in einen Aufstand sinnfällige Bilder. Sie spult den Text als trockenes Revolutionsspiel herunter." Müllers Stücke brauchten anstatt Bildmetaphern "den visuellen Kommentar". So wie im Stück der Intellektuelle vor der Revolution kapituliere, so kapituliere "leider auch der Regisseur vor dem Stück".

 
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