Ökokalypse Now

von Hartmut Krug

Berlin, 6. Juni 2009. Ein Eisblock hängt im grünen Netz über der leeren Spielfläche des Maxim Gorki Studios, und stetig tropft er als wässerige Metapher in eine Plastikwanne. Hinter einer schäbigen Wellblechwand tauchen drei augenblitzende talking heads auf und erzählen uns voll komisch hilfloser Verzweiflung, was wir alle wissen: die Klimakatastrophe ist real und die Erde übervölkert, die Rohstoffe sind nicht unerschöpflich und das Ewige Eis nicht mehr ewig. Was aber tun? Demonstrieren oder sich politisch organisieren, sich aktivistisch radikalisieren oder CO 2-Quoten kaufen, lieb mich oder leck mich sagen?

Der dänische Autor Christian Lollike hat mit "Cosmic Fear oder Der Tag an dem Brad Pitt Paranoia bekam" ein Auftragsstück geschrieben, das laut Ankündigungslyrik des Theaters "die Sprachformen der medialen Dauerhysterie am Beispiel der Klimakatastrophe seziert." Das allerdings tut Lollikes Stück, dessen Sprachform so nüchtern wie eintönig ist, überhaupt nicht.

Mal eben Planet Earth retten

In ihm geht es nicht um Sprache, sondern um Spiel, Spass und Ironie. Lollike klagt weder an noch klärt er auf, er setzt sich nicht auseinander, sondern stellt eine Vielzahl von Haltungen und Nichthandlungen vor, die allesamt zum Scheitern führen. Natürlich könnte solch einfache Bestandsaufnahme komisch ernüchternd sein. Doch Lollike bietet nur ungeordnetes Material, seine Szenenfolge wirkt wirr und dramaturgisch beliebig.

Seine drei Figuren, genannt A, B und C, später spielerisch eingeführt als Brad Pitt, Angelina Jolie und ein Filmproduzent, wollen sich engagieren und ihrer wissenden Handlungsunfähigkeit auf den Leib rücken. Was bedeutet, sie wollen für eine bessere Welt kämpfen, um sich moralisch besser zu fühlen: mal eben Planet Earth retten. Was natürlich scheitert, scheitern muss. Weil der Gegner entweder nicht greifbar scheint oder das eigene Verhalten ist. Vor allem aber, weil die Sache ernst sein könnte, aber mit Spass nicht zugleich ernst genommen wird, – denn alles ist und bleibt bei Lollike nur Theater, munteres, selbstbezügliches und haltungsloses Unterhaltungstheater. Wer in seiner kabarettistischen Szenenfolge scheitert, will weniger für die Sache, sondern vor allem auf der Bühne wirken.

Der neue Gott Klima

Diesem verständlichen Wunsch hat sich auch Regisseurin Mareike Mikat verschrieben. Die Dreißigjährige neigt zu theatraler Überinstrumentierung, in ihren Inszenierungen hat man oft das Gefühl, sie seien nicht über die muntere Spiel-und-Spass-Situation lustvoller Schauspielproben hinaus geraten. Es ist immer schön, wenn man Schauspielern zusieht, die wie Sylvia Habermann, Andrej Kaminsky und Holger Stockhaus deutlich Spass bei ihrer Arbeit haben.

Aber es ist auch recht anstrengend, weil es vor allem angestrengt wirkt. Die drei toben über die Bühne, imitieren Tiere im Wald, wälzen sich im Schlamm, um die Entfremdung von der Natur zu überwinden, strangulieren sich fast mit dem eigenen Schal, der zur Urwaldschlange wird, schlüpfen ins weiße Eisbärenfell oder rutschen auf Knien als "Frau Mao Tse Tung aus Ho Chi Minh" über die Bühne, beten das Klima als neuen Gott an, denn die "Ökokalypse wird kommen", finden ein neues Glaubensbekenntnis, während sie, sich geißelnd, nach Strafe jammern ("Ich glaube an Kyoto und eine Welt voller Windmühlen"), toben sich durch afrikanische Musik und sind überall, wo sich ein Gag zwischen Natur und Industrie finden lässt.

Opa Brad mit Junkfood vorm Fernseher

Da steht Angelina auf dem roten Teppich am Flughafen, und der Einheimische fegt um sie herum, ohne ihr nahe zu kommen. Übers Mikro erzählt eine chinesische Arbeiterin von ihrem beruflichen Aufstieg und im Film werden Menschen in "Übersee" bei ihrer schweren Zerlege-Arbeit von Containerschiffen gezeigt. Man denkt über die Zukunft der Welt nach und rammelt sich zugleich in wildesten Stellungen über die Bühne, während der Filmproduzent Angelina ins Dekolleté schaut und dauergrimassiert, das dem Zuschauer vom Zuschauen das eigene Gebiss weh tut.

Wenn schließlich die ans Wellblech geklebten Fotos von Schauspielern und Politikern umgedreht werden, enthüllen sie Kinder aller Welten. Die Kinderfotos werden, nachdem Opa Brad mit Junkfood vorm Fernseher alte Katastrophen und Hilflosigkeiten gesehen und kommentiert hat, im Publikum verteilt.... Was in der auswählenden Nacherzählung eine innere Logik bekommt, wirkt im wilden Bühnenspiel eher wirr und beliebig.

Während sich Lollikes weitgehend formloses und seiner Selbst allzu sicheres Stück in seiner Materialfülle verheddert und dabei von unklarer Situation zu unklarer Haltung springt, überschütten die Regisseurin und ihre Schauspieler es mit angestrengten szenischen Gags. Während diese Uraufführung unterm Überdruck ihrer komischen Spiel- und äußerlichen Wirkungslust schier erstickt, macht die erneute Lektüre des Textes nach der Premiere neugierig auf andere Inszenierungen eines Stückes, das einer kräftig konzentrierenden Regiehand durchaus Material bietet.

Cosmic Fear oder Der Tag an dem Brad Pitt Paranoia bekam (UA)
von Christian Lollike
Regie: Mareike Mikat, Bühne und Kostüme: Marie Roth. Mit: Sylvia Habermann, Andrej Kaminsky, Holger Stockhaus.
Koproduktion mit der Skala Leipzig

www.skala-leipzig.de
www.gorki.de


Mehr von Mareike Mikat? In Heidelberg inszenierte sie im April 2008 Martin Heckmanns Ein Teil der Gans und im November 2007 Antigone.

 

Kritikenrundschau

Für Dirk Pilz von der Berliner Zeitung (7.6.) ist "Cosmic Fear" typisches Mikat-Theater: "ein unbeherrschter Abend (...), an dem die Ausdruckskraft mit dem Gestaltungswillen um die Hoheit streitet" und ungebremst der Irrsinn tobt". Lollikes "wirres Stück" rolle Mikats "Lust am wüsten Sandkastentheater den roten Teppich aus" und sei für ihr Theater das "gefundene Spaßfutter". Die Regisseurin pfeife in ihrer "fröhlich sprudelnden Utoperette" auf "jede dramaturgische Logik". Pilz hat dabei "drei spiellustbeseelte Bühnenberserker", lauter "Ironiehaltungen" und "in jeder Szene einen anderen Szenengag" gesehen. Dabei werde beständig "vor der drohenden Zukunft einer 'Ökokalypse'" gewarnt, und zwar so, "dass das Wissen um die Folgenlosigkeit solcher Warnungen stets mitgeliefert wird". Man pendele "zwischen herrlich doof und aufdringlich trashig", in kruder Mischung "aus knalligem Moralismus (Rettet die Welt!) und feurigem Fatalismus (Diese Welt ist nicht zu retten!)". "Einer verrückt gewordenen Welt wird hier mit einem verrückt spielenden Theater gekontert: Wir gehen unter, aber wir haben Spaß dabei."

In den Augen Ekkehard Knörers (taz-Berlin, 8.6.) hingegen geben die drei Schauspieler zwar "von Anfang an alles", aber damit "leider in jeder einzelnen Szene zu viel". Es gehe um die Frage, "wie man auf der Bühne etwas zur Sprache bringt, das längst die öffentliche Meinung bestimmt und die privaten Reden durchdringt". Doch der Autor finde "zur Sprache, die nicht die seine ist, kein rechtes Verhältnis" und habe "offensichtlich nicht das Zeug dazu, die zeitgenössischen Sprechweisen sich selbst ad absurdum führen zu lassen". "Karikieren und Hysterisieren" seien die zentralen Verfahren des Abends, der von Mikat "so haltlos und haltungslos" inszeniert werde, dass es "oft einfach nur zynisch" sei. "Die Regie rettet das Stück, das wohl ohnehin nicht zu retten ist, nicht nur nicht. Mikat lässt es auch noch verhängnisvoll zwischen Comedy und Kabarett schlingern." Was hier fehlt, sei "mindestens der Wahnwitz, den der hier als Vorbild dienende Volksbühnen-Slapstick im besten Falle besitzt". Den "Kern des Misslingens" sieht der Kritiker darin, dass die Inszenierung die "einverständige Kritik der Verhältnisse" voraussetze, "die sie durch die Comedy-Elemente gleichzeitig zynisch zersetzt" – und das dann auch noch "für Dialektik" hält. "Aber Dialektik heißt nicht, einfach zwei Seiten zu zeigen. Man muss schon sagen, wie sie sich zueinander verhalten. Genau das tun Stück und Inszenierung aber nicht."

Lollikes Stück führe anhand von Brad Pitt und Angelina Jolie "die Selbstüberprüfung eines Gutmenschen" vor, schreibt Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (8.6.). Ihrer Meinung nach kränkelt die Inszenierung aber "an zu viel Effekt und zu wenig Substanz", auch wenn das Zusehen mitunter Spaß mache, der Abend habe "durchaus seine komischen Momente, die bleiben aber weitgehend folgenlos". Den Darstellern ist dabei kein Vorwurf zu machen: Sylvia Habermann, Holger Stockhaus und Andrej Kaminsky "scheuchen sich hochprofessionell (...) gegenseitig bis zur Erschöpfung über die Bühne, engagieren sich in wechselnden Rollen buchstäblich bis zum letzten Hemd". Da bleibe "keine Minute zum Verschnaufen, auch dem Publikum nicht". Deutliches Fazit am Ende: Brads 'Save-The-World'-Projekt "scheitert gründlich. Zumindest auf der Theaterbühne".

Kommentar schreiben