Vom mühsamen Bewahren der Ordnung

von Anne Peter

Berlin, 10. Juni 2009. Einmarsch Gefangenenchor. Nicht Verdi, nein, Berlin Tegel, Justizvollzugsanstalt. Der Chor von Gefangenen singt ein Soldatenlied, nicht auf Deutsch. Dann sind sie fertig aufmarschiert, in ihren graugrünen Capes und formieren sich zum Lagebericht: "Nach sieben Tagen Schlacht um Moskau war / Mein Bataillon noch eine Kompanie stark / Zersprengt die Division der Stab werweißwo / Die Deutschen überall und nirgends".

Die Anfangszeilen aus Heiner Müllers "Wolokolamsker Chaussee II" und ein 30 Mann starker Spieltrupp vom AufBruch-Gefängnistheater. Die mittlerweile wohlbekannte und stets schnell ausverkaufte freie Berliner Theatergruppe um Regisseur Peter Atanassow realisiert seit 1997 kontinuierlich Theaterprojekte mit den Insassen der JVA-Tegel, der größten JVA Deutschlands. "Hannibal. Wolokolamsker Chaussee" ist bereits ihr 20. Projekt.

Man ist versucht, gleich Parallelen zu finden

Gespielt wird diesmal unter freiem Himmel und in einer seltsam verdoppelten Beobachtersituation. Die Zuschauer, die durch die Gitterschleuse hereingekommen sind, ihren Personalausweis gegen einen "Passierschein" ausgetauscht und die Abtastkontrolle passiert haben, sitzen sich auf zwei Zuschauertribünen schräg gegenüber und schauen auf ein hohes Backsteineck mit über hundert vergitterten Gefängniszellenfenster. Hinter manchen sieht man Gesichter, sie beobachten die Theaterbeobachter, machen sich vielleicht lustig über uns Kultur-Knasttouristen?

Wenn die Männer auf dem Rasenplatz davor im Chor rufen: "Genosse Kommandeur wir haben Hunger", kann es also sein, dass ihnen ein einzelner aus seiner Zelle halbscherzend herüberruft: "Wir auch!" Man ist schnell versucht, bei Projekten wie diesen, die von einer sozialpädagogischen Anmutung nie ganz loskommen, immer gleich Parallelen zu finden – zwischen der Gefangenen-Realität und dem Theater, das aufgeführt wird. Dabei ist es natürlich hoffentlich Quatsch, dass hier irgendjemand wirklich Hunger hat.

Atanassow legt die Latte entschieden hoch, sind die Texte doch bei Leibe keine einfachen fürs Theater. Heiner Müllers "Wolokolamsker Chaussee", durchgehende Textblöcke aus Blankversen, ganz ohne Figurenzuweisungen. Dem gegenübergestellt Teile aus Brechts "Hannibal"-Fragment und Bruchstücke aus weiteren Müller- und Brecht-Texten, "Der Auftrag", Müllers "Ajax"-Gedicht, Brechts "Baal", "Fatzer", "Mann ist Mann".

Für Freiheit, gegen Willkür!

Zusammengeschnitten ist diese ambitionierte Mischung, die den Kunstwillen dick unterstreicht, zu einer Collage, die von Gehorsam handelt, vom In-Frage-Stellen der Autoritäten, von Verrat und vom mühsamen Bewahren und Erstreiten der Ordnung in Zeiten des Krieges. Wieder drängen sich unwillkürlich (vielleicht zu Unrecht?) Parallelfragen auf: Was hat die Alpenüberquerungs-Hölle, in die Hannibal seine Truppen schickt, mit der mutmaßlichen Alltagshölle im Knast zu tun? Was der Kessel, in den die deutschen Soldaten das sowjetische Bataillon eingeschlossen haben, mit Gefängnis? Und inwiefern macht es Sinn, den legendären Auf-Rom-Marschierer Hannibal, der kurz vorm Ziel doch nicht in die Riesenstadt eindrang, mit dem Kommandanten aus dem Müller-Text zu überblenden, der an einem seiner Männer zu Zwecken der Truppenmoral ein Exempel statuiert?

Ohne Disziplin, kein Überleben? "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", rufen Hannibals Katharger in Schwarzkluft auf dem hellblau gestrichenen Dreieckspodest mit 45°-Steigung auf der einen Seite. "Für Freiheit, gegen Willkür", kontern die Toga-gewandeten Römer auf dem goldenen Äquivalent auf der anderen. Wieviel Ordnung, wieviel Hierarchie, wieviel Gesetz braucht eine Gesellschaft, zumal in Kriegs- oder Krisenzeiten? Und wie kann sie trotzdem noch Freiheit garantieren? Große Fragen, auch aktuell übertragbare, die hier aufgeworfen werden.

Man hört dem Gleichtakt die Übung an

Überhaupt wirkt das Ganze wie eine zwischen Realität und Kunst aufgespannte Disziplinierungsmaßnahme. Es dominiert das chorische, sich in verschiedensten Akzenten entfaltende Sprechen, das oft ein Brüllen wird. Man hört dem Gleichtakt die Übung an. Ebenso wie man sie den getakteten Formierungen ansieht, Ballungen hier, einzelnes Heraustreten aus der Gruppe dort. Zwischendurch Lieder, von "Oh, Haupt voll Blut und Wunden" bis "Time to say Goodbye".

Dazu kantige, stilisierte Bewegungen, die keine Großgeste scheuen – ob Hannibal (hundertprozentig dauergespannt und mit herausfordernd von unten hinaufschauenden Glühwutaugen: Alpay Ayvaz Paco) nun zum Himmel hinaufschwört oder in Alleinanstrengung seine Mannen auf einem Gitterwagen den Römern vor die Füße karrt. Die strenge, oft statische Form bedingt, dass die Spieler einen Großteil der Energie über die Sprache aufbringen müssen, was nicht immer und nicht allen gleichermaßen gelingt. Gleichzeitig bietet die abstrakte Ordnung, die große Form ihnen Halt. So ist der Einzelne im Chor der Gefangenen gut aufgehoben.

 

Hannibal – Wolokolamsker Chaussee. Erster Teil
nach Grabbe und Heiner Müller
Regie: Peter Atanassow, Bühne: Holger Syrbe, Kostüme: Thomas Schuster, Musik: Maxi Heinicke, Choreografie: Aleksandar Acev.
Mit: Albert Bach, Andrej Kaczmarek, Bibo, Bobby, Cengiz Uzun, Christian Templiner, Denny Schleunung, Driss, Faruk Akgün, Hans-Georg Schwab, Horst Grimm, Ibo, Jesus, Jürgen Radicke, Klaus Engels, Kurt Lummert, Matthias Donwen, Mister T., Panda, Paco, Roman H., Süleyman Yagli, Uwe Dauer, Vitor da Silva, Volker Höft, Volker Ullmann, Wolfgang R., Yussef Yussef.

www.gefaengnistheater.de

 

Mehr über AufBruch erfahren Sie in dem Beitrag zum zehnjährigen Jubiläum des Berliner Projekts von Simone Kaempf.

 

 

 
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