Längsstreifen neben dem rauchenden Dreifuß

von Elena Philipp

Berlin, 10. Juni 2009. Ein schmaler Streifen Sand voll Strandgut – Tüten, Plastikflaschen, Latte-Macchiato-Becher. Halb eingegraben eine Axt und Schwerter, Plastikschlangen, Tontopfscherben. Holzscheite rauchen auf einem Dreifuß. Links ein Zelt, darin Decken, Kanister, Töpfe, Teppiche. Ein Flüchtlingslager? Die Unterkunft von Medea, die für den griechischen Geliebten Jason ihre Heimat Kolchis verließ, den Bruder in einen tödlichen Hinterhalt lockte und Jasons Widersacher Pelias grausam umzubringen half. Nun sitzt sie im fernen Korinth, vom Gatten verstoßen, der sich mit der Königstochter Crëusa zu vermählen plant. Medea zürnt und tobt und rast – sie wird die beiden gemeinsamen Kinder töten, um sich an ihrem Ex-Gemahl zu rächen.

So weit so altbekannt die Handlung der Tragödie. Frank Castorf lässt die "Medea" jedoch nicht nach Euripides, sondern in der Fassung von Seneca spielen. Ein griechisch-römischer Hybrid, dem Castorf noch Alexander Kluges "Heidegger auf der Krim" hinzufügt, ein Kapitel aus der zweitausendseitigen "Chronik der Gefühle".

Kinder als Kollateralschäden

Kluge schickt einen fiktiven Philosophen mit dem deutschen Heer an die Ostfront und konfrontiert ihn dort mit der Frage individueller Verantwortung: Eine zur Hinrichtung geführte Jüdin vertraut ihm ein Kind an; Heidegger sorgt anfangs für das Mädchen, doch als die Militärs das Kind fortschaffen, bleibt er untätig. Auch verheddert sich in Kluges Geschichtensammlung ein Haufen nazideutscher Befehlshaber derart in der Befehlskette, dass 90 Kinder, deren Eltern bereits exekutiert worden sind, nicht "zweckmäßig" beseitigt werden können; die Vernichtungsmaschinerie gerät aus dem Takt.

Heidegger und das Heer produzieren ebenso wie Medea Opfer – Kinder als Kollateralschäden. Kluge zeigt eine kalt arbeitende Bürokratie, die den Raum für moralisches Verhalten beengt und das Empfinden individueller Schuld unterbindet. In der antiken Tragödie hingegen motivieren übermächtige Gefühle Handlungen, die den Rahmen menschlichen Zusammenlebens sprengen und denen das Schuldbewusstsein nichts entgegensetzen kann. Emotionale Überhitzung, moralische Unterkühlung und der Wille zur Machtbehauptung – über die Zeiten hinweg erschließen sich durch die Parallelführung der Texte Ähnlichkeiten und Abweichungen, Kontinuitäten und Brüche im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in der Antike und im 20. Jahrhundert.

Plastikschlangen und Hühnerkadaver

Die Einzelteile des Abends ergeben dennoch zusammen weniger als ein Ganzes. Die schauspielerischen Ansätze sind mannigfaltig: Die Medea von Jeanette Spassova ist edel, furios und etwas statisch. Marc Hosemann als Jason bevorzugt die breitbeinige Heldenpose, Margarita Breitkreiz und Irina Potapenko sind grotesk outrierte Hexenweiber, die Plastikschlangen und Hühnerkadaver zu Zaubertränken hacken. Breitkreiz hustet als ätherisch erblasstes Mädchen von der Krim erbärmlich, Potapenko jagt mit einer Axt spitzbübisch die fünf verstörten Ziegenböcke, die an antike Tieropfer ebenso wie die römischen Tierhetzen erinnern und unter Zuschauergelächter auf die Bühne kötteln. Hermann Beyers Kreon ist gelinde verwirrt, Frank Büttners Chor bellt militärisch.

Volker Spengler als Amme jedoch hat Seneca verteufelt gut im Griff – Häuptlis sperrige Versübertragung klingt aus seinem Mund erstaunlich eingängig. Spengler ist zudem eine Quelle steter Heiterkeit, egal ob er einfach nur neben dem rauchenden Dreifuß sitzt, den massigen Leib in ein längsgestreiftes Tuch gehüllt, eingewickelt in eine Steppdecke und mit verwegen blinkenden Goldohrringen, ob er einen Texthänger charmant überspielt oder einen Exkurs über seine Nero-Rolle vor vierzig Jahren und einen akuten Muskelfaser-Riss extemporiert.

Schlaf-Vita des Seneca

Ein Teil der Schauspieler kämpft zunehmend heiser gegen die Freiluftakustik in der Agora. Vor allem die Frauen sind stimmlich angestrengt, ihnen bleiben neben lustigen russischen Abzählreimen viele deklamatorische Monologstrecken, mit denen sich kein Zwischenapplaus verdienen lässt. Den gibt es für die beiden Knaben (Eric Wallisch-Prinz und Zowie Quickert), die sich mit ihren wenigen Textzeilen der skeptisch blickenden Amme stellen. Auch Jason erntet fröhliche Zustimmung, als er seine fordernde Ex-Gattin mit einer begeistert vorgetragenen, länglichen Vita des Seneca einschläfert.

Als Zuschauer kann man bei dieser "Medea" manch hübschen Moment und anregenden Gedanken sammeln – das Strandgut eines bunten Theaterabends, an dem nur eine kühne Textmontage zum Ende der knapp zwei Stunden wirklich mitreißt. Einige Bravos. Der Applaus ist höflich. Und Frank Castorf küsst Volker Spengler auf die Wange.

 

 

Medea
nach Seneca in der Übersetzung von Bruno W. Häuptli und unter Verwendung von Texten aus "Heidegger auf der Krim" von Alexander Kluge
Regie: Frank Castorf, Raum und Kostüme: Bert Neumann. Mit: Jeanette Spassova, Margarita Breitkreiz, Irina Potapenko, Marc Hosemann, Hermann Beyer, Volker Spengler und Frank Büttner.

www.volksbuehne-berlin.de

 

Mehr über das Volksbühnen-Programm in der Agora lesen Sie in den Kritiken zu Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar, inszeniert von Silvia Rieger, Vögel ohne Grenzen von Jérôme Savary und Prometheus unter der Regie von Dimiter Gotscheff.

 

Kritikenrundschau

Peter Hans Göpfert schreibt in der Berliner Morgenpost (12.6.2009) unter der Überschrift: "Frank Castorf vermischmascht Medea". Die Besonderheiten der Senecaschen Medea, im Gegensatz zu der von Euripides - dass nämlich Jason als der Leidtragende von Medeas Wahnsinn, Medea selbst als Vorführ-Modell irrationaler inhumaner Raserei erscheine -, erschlössen sich in Castorfs Inszenierung nicht. Sein Konzept, Seneca mit Alexander Kluge zu "vermischmaschen", trage vielmehr zur Verunklärung bei. Jeanette Spassova gebe Medea "mit kreischenden, schreiend pathetischen Exaltationen" als Karikatur einer großen Tragödin und "Nervensäge". Auch Marc Hosemann, als Jason "an eine orientalische Karl-May-Figur erinnernd", lasse es nicht an "naivem Gefuchtel und schrillen Tönen fehlen". Für "Lacher" sorge zuverlässig Volker Spengler als in eine Steppbettdecke eingehüllte Amme. "Mühelos" überschreite die Aufführung die "Grenzen der unfreiwilligen Parodie".

In der Berliner Zeitung (12.6.2009) schreibt ein offensichtlich sehr enttäuschter Ulrich Seidler: "Höhnisches Gelächter erschallt im Freilufttheater-Rund an der Volksbühne, als ein bluttriefender Kinderkopf aus dem Fenster fliegt, rote Flecke hinterlassend am Gebäude abprallt und in den Sand kullert." Wen, fragt Seidler, lache das Publikum aus? Und was sei das für ein Lachen? "Soll es anzeigen, dass man die kruden Assoziationen von Castorf entschlüsselt hat? Oder ist es nur die wortlos gestellte hilflose Frage danach, was die auf der Bühne da eigentlich herumschreien und hampeln?" Gelacht wurde auch, so Seidler, als Frank Büttner beschreibt, wie die Einheit von SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf bei der Exekution von Juden in den eroberten sowjetischen Gebieten vorging. Wahrscheinlich nicht wegen der toten Juden, sondern "weil Büttner, (…) zwei Ziegenböcke mit sich führt und Irina Potapenko auf Highheels mit einer Axt drei weitere Ziegen durch die Arena scheucht". Da höre natürlich keiner mehr hin, was Büttner so vor sich hin brülle. Vieles komme "irgendwie vor in der Inszenierung, meist in Form von herausgeschrienen Texten, selten in einer ausspielbaren Situation, für die Castorf eigentlich mal berühmt war". Das meiste gehe "unverstanden durch, es bleiben ein paar Splitter hängen, die man unter größten Puzzel-Mühen zusammenfügen muss, nur weil Castorf keine Lust hat, seine möglicherweise genialen Eingebungen aufzuräumen". Vorgeführt würden nur noch "die athletisch-hysterischen Denkbewegungen von Castorf". Inhaltlich sei das alles nicht so "entscheidend". "Sobald es eingespeist wird, ist es auch schon verputzt, und immer Fieseres, Abwegigeres muss immer schneller nachgefüttert werden, damit der Meister sich nicht langweilt."

Ein merklich uninspiriertes Ensemble, angeführt von Jeanette Spassova als Medea "ganz in Blau und vergebliche Liebesmüh' gehüllt", suche das Land der Griechen ohne Seele, schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.6.2009). "Jedoch mit der Bratpfanne in der einen und der leeren Krawallschachtel in der anderen Hand." Denn mehr als einen verzweifelten Konkursantrag kann Bazinger in den Agora-Aktivitäten des Hauses am Rosa Luxemburg Platz nicht erkennen, weshalb sie vorschlägt, den Schriftzug "Volksbühne" über dem im Umbau befindlichen Haus erst mal zu verhängen. In den Programmheften fänden sich "angeberisch" Texte von Adorno bis Le Corbusier. Gespielt werde indess trivialster Open-Air-Klamauk nach der Devise "Schwuppdiwupp - Kartoffelsupp".

In der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel (26.6.2009) schreibt Christine Wahl: "Den Vorwurf immerhin, dass ihm nichts eingefallen sei", könne man Frank Castorf nicht machen. Sein Konzept, die Kindsmörderin "Medea" in der Version Senecas mit Alexander Kluges Erzählung "Heidegger auf der Krim" zu konfrontieren und so "ein höchst provozierendes Spannungsfeld zwischen Medeas Rache und der Ermordung von 90 ukrainischen Kindern durch eine SS-Einheit zu schaffen", liege als "intellektuelles Angebot nicht nur über Agora-, sondern überhaupt über dem gegenwärtigen Theaterdiskursdurchschnitt".

 

 

 
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