Die Aufklärung im Kerzenleuchter

von Marcus Hladek

Wiesbaden, 14. Juni 2009. Als Manfred Beilharz neu war als Wiesbadener Staatstheater-Intendant und es mit einem eher braven, von landeshauptstädtischen Beamten durchsetzten Publikum zu tun hatte, das nicht ohne Vorwarnung erheitert sein wollte, gehörte Tilman Gerschs "Herr Lehmann" nach Sven Regener zu den ersten und schönsten Lockerungsübungen.

Von der Ironisierung in Kostüm und Maske, dem kauzigen Erzählrhythmus und dem Anarcho-Charme von damals ist in Beaumarchais' "Der tolle Tag", der jüngsten Inszenierung Gerschs, der als Hausregisseur an der dreigeteilten Schauspielleitung teilhat, zwar eine Menge übrig. Doch variiert er seinen tändelnd-tänzelnden Regiestil angesichts der vorgegebenen Restbestände an Buffo- und Komödien-Logik diesmal ins Idiom einer boulevardesken Leichtigkeit. Worum Gersch sich indes mitnichten kümmert, ist die politisch-sozialkritische Aufsässigkeit des Dritten Standes gegen den Adel, die Beaumarchais der verschärften Fortsetzung seiner Jugend-gegen-Alter-Komödie "Der Barbier von Sevilla" in der Figur des gewitzten Figaro einschrieb.

Der gealterte Erote

Wenn der alte Zygmunt Apostol in der Rolle des frechen, blutjungen Pagen Chérubin als Erster die Bühne betritt, sich vorn links ans Klavier setzt und mit einer kleinen Weise zwischen Romantik, Stummfilm und Westernsaloon loslegt, ist das Historische und Aufgeklärte an der Schwelle zur Revolution von vornherein verfremdet und gleichsam im Kerzenleuchter aufgehoben, den Chérubin mitbringt.

Damit ist es allerdings auch schon abgetan. Die Figur des heimlichen Eroten ist ja nicht nur gealtert (wie die Botschaft des Stücks), vielmehr trägt Apostol zum zeitlos-vage verorteten Jäckchen auch ein poppiges T-Shirt mit der Aufschrift "Heart Beat" und, wie beinahe alle Figuren zeitweise, eine Wuschel-Perücke, die den Zeitstil des Stückes von fernher zitiert, um ihn demonstrativ nicht ernstzunehmen.

Mickeymausohren und Marienkäfer

Henrike Engel hat ihre Bühne, auf die eine kleine Gesellschaft an Darstellern in modernen Anzügen und Kostümen dem Chérubin folgt, um detachiert ihre Rollen einzunehmen und Kostüme anzulegen, fast rundum mit hohen Hellholzschränken und -elementen ausgestattet, als könne man das Ganze bei Bedarf zusammenklappen wie die Augsburger Puppenkiste. Ein dreistufiges Podest auf der Hinterbühne hält auf zwei Stühlen Teile von Susannes Brautkleid bereit. Deren angekündigte Heirat mit Figaro ist es ja, die lustspielmäßig in Gefahr gerät – weil sich der junge, zuvor erfolgreich an die Gräfin (Evelyn M. Faber) gekommene Graf Almaviva (Michael Günther) jetzt, im "Barbier 2"-Stück, seinen feudalen Rückfall nimmt: Er würde sich ganz gern das "Recht der ersten Nacht" mit Susanne erkaufen, da es mittlerweile démodé ist, es sich einfach zu nehmen.

Neben der ständigen boulevardesk-frontalen Wendung an den Zuschauer von der Rampenmitte her ist es ihre Verspieltheit, die Gerschs Regie charakterisiert. Kaum hat der kleine Figaro (Michael von Burg) in einer Gruppe mit der fast zu lieblichen, allzeit mit dem Publikum äugelnden Susanne (Friederike Ott) die Bühne betreten, knüpfen beide mit einem kleinen "Mexikaner"-Spielchen an Chérubins Liedchen an. Mickeymausohren hier, Marcelines Marienkäferkostüm dort bekräftigen permanent den Zug ins Kostüm- als Gesellschaftsspiel, dessen egalisierender Effekt leise an den politischen Hintergrund anknüpft, ohne den Schärfen wie Figaros Monolog über den Adel indes viel Aufmerksamkeit zu widmen.

Satyrbeine und Harry Belafonte

Stattdessen hat Gersch seinen Spaß daran, den Dialog mit Sexualgymnastik zu unterlegen, die Gräfin in rosa Strümpfen bis zum Hals als Hure auf der Suche nach einem (ihrem!) Mann zu zeigen, Figaro Satyrbeine zu machen, dem eifersüchtigen Grafen einen Elektrobohrer als Mordwerkzeug zu geben, und Bazile (Florian Thunemann) schließlich immerzu in Clownsmaske und Slip über die Bretter zu schicken. Was vom non-boulevardesken Ernst übrig ist, ersäuft er in wiederkehrenden Calypsogesängen Harry Belafontes. All das hat hübschen Travestie-Charme, setzt die alte Lustspiel-Typik mit modernen Mitteln neu um und gibt einem alten Sittenbild Ansätze zu einem solchen für unsere Zeit. Darin ist Gerschs Regie durchaus gelungen.

Dass das schadhafte Dach im Kleinen Haus und ein heftiger Sturzregen kurz vor Schluss fast zum Premierengrab geworden wären, sei zumindest am Rande vermerkt.

 

Figaro! Der tolle Tag
von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais
Aus dem Französischen von Gerda Scheffel
Regie: Tilman Gersch, Bühne und Kostüme: Henrike Engel, Dramaturgie: Dagmar Borrmann.Mit: Michael Günther, Evelyn M. Faber, Michael von Burg, Friederike Ott, Monika Kroll, Benjamin Krämer-Jenster, Zygmunt Apostol, Jörg Zirnstein, Florian Thunemann, Sebastian Muskalla.

www.staatstheater-wiesbaden.de

 

Kritikenrundschau

Im Wiesbadener Tagblatt (16.6.) schreibt  Marianne Kreikenbom: Tilman Gersch habe die Saison angefangen, nun beende er sie auch mit "leichtfüßigem Sommertheater". Gerschs Inszenierung hinterlasse "einen zwiespältigen Eindruck". Zweifellos gelinge ihm ein "unterhaltsamer Abend mit durchweg exzellenten Darstellern". Aber in der Inszenierung bleibe Beaumarchais zwischen "glitzernder Ausstattungsrevue und Travestieshow" auf der Strecke bleibt. Der "Witz" etwa, wenn  "Publikumsliebling Zygmunt Apostol", als Mädchen kostümierter Cherubim ständig als Jüngling angesprochen werde, sei "flach". Kaum etwas bleibe von der "Ambivalenz und Widersprüchlichkeit der handelnden Personen" und ihren "bei aller Komödie doch differenziert gezeichneten Charakteren". Beaumarchais Figaro-Stück stehe immer auf der Kippe, von der Komödie zum Drama zu werden, das mache seinen Charme aus, doch genau dieser Charme fehlt bei Gersch.

In der Frankfurter Rundschau (16.6.) schreibt Sylvia Staude:  Tilman Gersch habe sich bei seiner Inszenierung für "den leichtfüßigen, ironischen (und pausenlosen) Spaß ohne viel gesellschaftskritische Ober- oder Untertöne" entschieden.
Alltagskleidung, angeschmuddelter Aufenthaltsraum, wo nur "Krasses" herumliegt. Die zehn Schauspieler aber zögerten nicht, sich in "hübsch übertriebene Komödientypen" zu verwandeln. Gersch habe zwei der Rollen, nämlich Marceline und Cherubim, "ungewöhnlich, aber reizvoll" besetzt, beide seien deutlich älter als im Stück vorgesehen. Zygmunt Apostols Cherubim sei ein alter Mann, der sein Herz "an den und für die Frauen erwärmt". Am Premierenabend hat es übrigens "tüchtig ins Kleine Haus" hinein geregnet.

 

 
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