Im Abseits von Miami Vice

von Georg Petermichl

 

Wien, 15. Juni 2009. Irgendwo kurz vorm Nirgendwo hat die "harte Realität" ihren Platz gefunden: Abseits der Cocktailbars für Fact-Checker, vorbei an den Bars für PR-Tussis und Universitätsprofessoren mit ihren harten Hintergrund-informationen – also im Kneipen-Zwielicht, da ist der Platz für angewandte Kriminologen. Kriminologie ist, wenn die menschliche Neugier ein inhumanes Ende nimmt. Was dabei zählt, das sind die großen Gesten des Kriminalbeamten – und davon hat Horst aus "Mensch Horst. Schon wieder eine Leiche unter der Sonne" wirklich genug.

Horst entstammt aus dem Ideenpool der österreichischen Nachwuchsgeneration. Barbara Hörtnagl (29) hat ihn erfunden und in Szene gesetzt. Als eine Finalistin des Nachwuchswettbewerbs "Ein Lob den dummen Frauen" (2008) vom Theater Drachengasse, kehrt sie nun mit dieser Figur an selbiges Theater zurück.

Reunion der Krimi-Statisten

Natürlich ist Horst kein erfolgreicher Kriminologe. Dreigeteilt, nämlich in Form von Clemens Berndorff, Thomas Groß und Veronika Krenn, lümmelt er am Tresen von "Bar & Co", der kleineren Spielstätte des Theaters an der Drachengasse, wenn der Aufruf zur Mordaufklärung durch die Nebenbühne schallt.

Horst ist als ausgesprochen lasch zu beschreiben: Sein weibliches Ego raucht zuviel und hat sich mit silbernen Leggings, dem gelben Minicoat, und Leder-stilettos zur Trashdiva hochstilisiert. Die männlichen Versionen haben dafür einen ordentlichen Schnauzer kultiviert – ein Horst übt sich als schroffer Muskel-Detektiv (Clemens Berndorff) mit Cowboystiefeln und Brusthaartoupet unter dem Netzhemd, der andere Horst hat sich als Schmuse-Cop (Thomas Groß) in ein nicht ganz stilsicheres Sakko geworfen. Zusammen genommen geben sie jene statischen Nebencharaktere ab, die im Laufe der letzten Fernsehjahrzehnte gemeinsam mit den Serienstars von Shaft bis Miami Vice von der Mattscheibe abgewählt wurden.

Geeint wird diese dreifaltige Nebengestalt durch ihre Liebe zum Cola-Rum-Gemisch, und jenem Cocktail an Alltagsphilosophie, der entsteht wenn man zu oft und effektlos den Ernstfall geprobt hat: "Wenn der Zug weg ist und du bist nicht dabei, lachen oben die Geier," wendet sich Thomas Groß mit großen Augen seinem Publikum entgegen. Er steht dabei brav in einer eingefallenen Dreier-formation, und gibt im Laufe des einstündigen Abends den überzeugendsten Wegwerf-Horst. Später wird er irgendeinem Scheinwerfergott eine kriminologische Vorbildgeschichte von Goofy und dem Gangster Winz-Willi entgegenhauchen.

Veronika Krenn zementiert sich derweil als verbissene Kollegin mit hohem Grad an Verlorenheit ein. Ähnlich deplatziert gibt sich Clemens Berndorff und Mario Blum, der Bartender und Master-of-Ceremony hat dem Kriminologen-Martyrium auch keine entscheidende Richtung zu geben: So richtig aktiv wird "Horst mal 3" nur mit Zeigefingerpistole und filmmusikalischer Unterlegung. Ansonsten hinterlässt der Mord keine Spuren in diesem Raum.

Slow-Mo-Pollesch und die Entkleidung

So richtig ins Auge sticht bei dieser Inszenierung vor allem die Kostümierung: Setdesigner Steffen Höld hat einiges an Erfahrung als Ensemblemitglied vom Wiener Schauspielhaus mitgenommen und gemeinsam mit Kostümbildnerin Miriam Draxl lässt er die Horsts unter einigen Lagen an achtziger Jahre-Klamotten schwitzen. In den Kostümen liegt also ein guter Teil der Stückentwicklung: Von desperat zu hoffnungslos.

Barbara Hörtnagl hat unterdessen mit ihrem "Theater mit Ansatz" für "die Drachengasse" zu tief in den Topf des Post-Dramatischen gegriffen. Wir erleben hier eine Form von Slow-Mo-Pollesch, die sich gesamt genommen zu sehr auf die Wirkung von Andeutungstheater und dessen Slap-Stick-Effekten verlässt.

Nachwuchsförderung auf Österreichisch

Für das Theater Drachengasse, das sich (u.a.) – seit der "großen" Wiener Theaterreform und dem Schließen der städtischen Fördertöpfe für spontane Off-Theaterprojekte – mit einem jährlichen Wettbewerb um die Nachwuchs-förderung bemüht, lässt sich das Stück als Erfolg verbuchen: Fünfzig gefüllte Sitzplätze und ein Zukunft versprechendes Nachwuchsprojekt. Es bereichert damit eine Stadt, die streng genommen mit dem Beginn der Wiener Festwochen den theatralen Ausnahmezustand ausgerufen hat. Wir befinden uns also im Off des Off-Mainstreams. Denn schließlich: Wer hat keinen Freund, der aufgrund von Peter Sellars "Othello" mit Philip Seymour Hoffman gemeinsam die Wiener U-Bahn geteilt hat?

 

 

Mensch Horst. Schon wieder eine Leiche unter der Sonne
Konzept, Text, Regie: Barbara Hörtnagl, Setdesign: Steffen Höld, Kostüme: Miriam Draxl, Produktion: Ldl, Theater mit Ansatz in Zusammenarbeit mit Theater Drachengasse.
Mit: Clemens Berndorff, Thomas Groß und Veronika Krenn, Mario Blum.

www.drachengasse.at

 
 

 

 

 

 
Kommentar schreiben