Laues Lüftchen im Putten-Barock

von Bernd Noack

Erlangen, 18. Juni 2009. Das Theater an sich ist ja schon öfters in schwere See geraten. Und als Insel der Glück-seligen wird es auch kaum jemand guten Gewissens bezeichnen. Auf derart kreuz-schräge Plattitüden muß man erst einmal kommen! Schuld daran ist der Regisseur Malte Kreutzfeldt. Denn der hat sich wahrscheinlich tat­sächlich irgendetwas gedacht als er den Entschluß fasste, in Erlangen Shakespeares "Sturm" einmal ganz anders anzugehen als ihn andere schon vor ihm immer anders gemacht haben.

Bloß war seine Idee einerseits alles andere als neu und pfiffig, darüberhinaus leuchtete sie auch alles andere als ein: Kreuzfeldt also setzte nämlich das Publikum auf die elf mal zwölf Meter große Bühne und ließ die Schauspieler in Parkett und Logen agieren und über die 570 Sitzplätze turnen.

Das ist zunächst aus einem ganz banalen Grund tat­sächlich reizvoll, weil der Zuschauer aus dieser Perspektive stets den wunderschönen verschnörkelten Prunkbau des ältesten noch bespielten Barocktheaters (von 1719) im Blick hat, ein Archi­tektur-Kleinod in Gold und Grün, das 1740 der berühmte italienische Theaterbauer Paolo Gaspari gestaltet hat, mit zierlichen Rängen und einer mächtigen Herr­scher-Loge in der Mitte.

Schiffbrüchig in Reihe 13
An diesem Punkt könnte man sich jetzt durchaus länger erzählend aufhalten, ganz einfach, weil es sonst zu diesem Unternehmen, das sich als leichtes Sommertheater ohne Freilicht-Widrigkeiten gab, nicht sehr viel mehr zu sagen gibt.

Man durfte nämlich gar nicht in die Verlegenheit kommen nachzuforschen, was die Schiffbrüchigen da unten ausge­rechnet in Reihe drei, elf oder 17 tun; warum sie in der Loge gestrandet sind; weshalb Ari­el zunächst im ersten Rang herumwest, um dann auch noch über dem Publikum ganz oben im Schnürboden aufzutauchen.

Und Kreuzfeldt, der auch sein eigener Ausstatter war, machte sich keinerlei Mühe anzudeuten, was ihn seinerseits angetrieben hatte, unbe­dingt die Verhältnisse umdrehen zu müssen. Ohne ein schlüssiges Konzept mitzuliefern.

 

Und so saß man da, die Augen wanderten über Vo­luten und Blattwerk und allerlei Zierat, ruhten angenehm auf vergoldeten Skulpturen, Pi­lastern, Balustern und Ornamenten, bis auf einmal Nebel wallte zwischen den roten Fauteuils oder Glitzerglimmer von der Decke regnete und die schöne Sicht versperrte, und man dachte: wer im Parkett Seenot spielen läßt, gerät leicht ins Schwimmen.Was sich dann auch bewahrheitete, denn keine der Figuren wußte so recht, weshalb man sie eigentlich von der Bühne heruntergeholt hatte.

Ganz am Anfang, der Eiserne hob sich knarzend, sah man sie gar an Stricken durch den Zuschauersaal kurz schweben – eher wie abgestürzte Flug- und weniger wie rudernde Schiffspas­sagiere, dachte man. Aber ein schönes, spektakuläres Bild war es trotzdem, so et­was be­kommt man nicht alle Abo-Tage. So einen Rest des Abends frei­lich auch nicht.

Der Zuschauer auf der Bühne ratlos
Im Schnelldurchlauf wurde die Geschichte von Prospero und Miranda und Ariel und Caliban und den Schiffbrüchigen so abgespult, als wüsste jeder, der das sieht, ohnehin worum es geht. Denn Kreuz­feldt hatte gar keine Zeit, diesem Märchen eine Entwicklung, einen Hin­tergrund, vor allem: ein schönes Geheimnis zu geben, weil er ja seiner Idee nachhängen mußte – das Theater hat eine Insel zu sein!Und da ja auch irgendwie "Sturm" war, das Wort zumindest im Titel vorkommt, lag da auch noch quer über den Rei­hen ein abge­stürzter Kronleuchter – so, wie man es von den meisten halbwegs unbe­wohnten Ei­landen her kennt.

Nein, es hat keinen Sinn, diese Inszenierung zu hinterfragen. Es war ja auch nicht komisch oder absurd oder surreal zumindest, als das Podest mit einer riesigen gedeckten Tafel aus dem Orchestergraben hochgefahren wurde, an der dann Miranda und Ferdi­nand, deren Liebesgeschichte man übrigens gar nicht so richtig mitbekommen hatte (weil sie nicht stattfand) sich anschmachteten.

Immer wieder stand dann da auch noch ein äl­terer Herr, der Original-Prospero-Sätze recht gequält sprach, meistens – und das war dann doch wieder sehr seltsam – mit dem Rücken zum Publikum und also von der wirkli­chen Rampe wieder korrekt hinein ins Parkett. Wo freilich nur ein paar Schauspieler ziemlich verloren saßen und auf den Ein­satz oder den Platzwechsel warteten.

Möglicher­weise hatte man auch nur vergessen dem alten Mann zu sagen, dass die Verhältnisse an diesem Abend sich geändert haben und das Theater eben doch eine Insel... Ach was.

90 Minuten ging das so. Sehr viel länger wäre arg gewesen. Denn nicht einmal die auf enorm klamaukig und wasserspritzig getrimmten Trin­culo- und Stefano-Szenen konnten wirklich ablenken von dem bohrenden und ständigen Grübeln darüber, warum man denn nun eigentlich gerade selber auf der Bühne saß... Wäh­rend zum Beispiel der eklige Caliban justament von der Rampe rück­wärts in die erste Rei­he kippte.

Sicher: als Stefano sternhagel­voll aus dem Foyer kommend ins leere Parkett wankte und das Lied vom "Puff in Barcelona" grölte, da dachte man schon kurz: Aus dem Blick­winkel hat man sowas eigentlich noch nie im Theater gesehen. Aber ehrlich: wollte man das je?

 

Der Sturm
von William Shakespeare, bearbeitet von Malte Kreuzfeldt nach verschiedenen Übersetzungen
Regie und Ausstattung: Malte Kreuzfeldt.
Mit: Thomas Chemnitz, Stefan Drücke, Uwe Gränitz, Tanya Häringer, Oliver Losehand, Peter Neutzling, Juliane Pempelfort, Jochen Tovote, Daniel Wagner, Norbert Wendel, Winfried Wittkopp.

www.theater-erlangen.de


Mehr lesen? Im Oktober 2008 belebte Elke Hannemann in Erlangen mit einer Theateradaption von Bernward Vespers Generationsroman Die Reise die Debatte um das Erbe von 1968.

 

Kritikenrundschau

Gut gelaunt bespricht Manfred Koch die Aufführung in den Nürnberger Nachrichten (und auch Erlanger Nachrichten?) (20.6.2009), für den Malte Kreutzfelds "verspielt-hippe Inszenierung" ein beredtes Beispiel für Shakespeares Unkaputtbarkeit ist. "Mit der geballten (Sprachjargon-)Härte moderner Zeitläufte bricht die Jetzt-Zeit ins poetische Wunderwerk ein, und alles ist doch an seinem Platz, macht zwar viel übertrieben-knalligen Wind, aber eben doch Sinn. Ein komplett bespieltes Markgrafentheater, ein das Geschehen wunderbar akzentuierender Live-Percussionist (Bino Engelmann), ein expressiv aufspielendes Ensemble". Ein besonderes Lob geht an Jochen Tovotes rachsüchtigen wie abgeklärten Prospero.

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