Ein Wunder mal wieder

von Sabine Leucht

München, 18. Juni 2009. Je später die Saison, desto hübscher die Überraschungen. Obwohl es sich in diesem Fall um gar keine handelt, ist der Regisseur Jochen Schölch doch seit elf Jahren als Wunderheiler für Theatermüde bekannt. Jedenfalls in München, in dessen kulturell eher verschnarchtem Norden Schölchs Metropol-Theater seit Oktober 1998 residiert und mit Inszenierungen wie "The Black Rider" und "Clockwork Orange" vom Start weg Sterne, Musenküsse und Rosensträuße von der örtlichen Presse erntete. Wer an Theater als eine eigene, wundersame und handfeste Art des Erzählens glaubt, pilgert seitdem zum "Wunder von Freimann" (Radio Bayern 2) und bekommt Lust auf mehr.

Nur mal angenommen, ein Kollege möchte unbesehen einen Kandidaten für "Das beste Theater abseits der Zentren" vorschlagen, das Metropol wäre immer ein passender Kandidat. Seit es 2002 den Bayerischen Theaterpreis gewann und Theater heute Schölch als besten Nachwuchsregisseur in Erwägung zog, ist es mit Mann und Haus niemals abwärts gegangen. Und das heißt schon was.

Tweeties Freiheit

Nun hat sich Schölch also "Manderlay" vorgenommen, jenen weniger gut beleumundeten Filmstoff, den Lars von Trier seinem gefeierten Dogma-Epos "Dogville" hinterher schickte: In derselben reduzierten Ästhetik ohne Kulissen, aber diesmal auch ohne Nicole Kidman.

Grace hat mit ihrem Vater gerade Dogville verlassen, wo die altruistische Gangstertochter erst klaglos ausgebeutet wurde und dann das ganze Nest abfackelte. Nun ist Grace auf dem Heimweg über eine Baumwollplantage gestolpert, in der Menschen fast 70 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei noch unter der Knute der Weißen schuften.

Sei es die noch frische Erfahrung der Unterdrückung, sei es die amerikanische Unart, Freiheit als Wert an sich über die Mittel zu ihrer Erlangung zu stellen - Grace jedenfalls beerbt die eiserne Faust der sterbenden Prinzipalin mit Waffengewalt im Rücken und einem Schulungsprogramm für böse Weiße und arme Schwarze, das beide "befreien" will. Wie damals den Vogel Tweetie, merkt der Gangstervater an, der am nächsten Tag verhungert und erfroren vor der Türe lag. Aber wer hört schon auf einen mit "peinlich reaktionären Ansichten".

Völlig rumpelfreies Theater

So weit die Wurzeln des Plots, doch von Jochen Schölchs Theater sprechen heißt vom Wie zu erzählen und da wiederum heißt es: Freudenglocken aufhängen und losbimmeln! Denn Schölch braucht für seine üppigen Bühnenzaubereien zwar mehr als ein paar Kreidestriche, aber mit Harmoniumklängen, wenigen groben Hockern, Bänken, Säcken und einem langen Tisch ist er gut bedient. Daraus werden ein kutschenartiges Auto, eine enge Sklavenhütte mit Stockbetten, eine rhythmisch klappernde Erntemaschine, eine Hobelbank und mehr.

Wenn Bäume abgeholzt werden, purzeln aufeinander getürmte Schauspieler um; der Sandsturm, der die Ernte begräbt, ist mundgemacht und drückt und zaust die Körper. Alles gleitet ineinander, nichts rumpelt, dazwischen eingefrorene Bilder von melancholischer Schönheit. So etwas gelingt sonst vielleicht dem Theatre de Complicite, dessen "Drei Leben der Lucie Cabrol" Schölch bezeichnenderweise auch schon inszeniert hat.

Und Brecht steht Pate unterm Mond

Wie in "Dogville", mit dessen Bühnenversion Schölch vor zwei Jahren begeisterte, tragen die Schauspieler in "Manderlay" grob individualisierte Masken - oft auf der Stirn des gesenkten Kopfes, wodurch die Gestalten mit den ernsten Gesichtern fast halslos und sehr archaisch wirken.

Der Regisseur, der seit 2002 auch Leiter des Studiengangs Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie ist, hat diesmal zehn Studenten hinter den Masken versteckt, und erstaunlicherweise vermisst man nichts. Anders als Grace, die ihre Schützlinge mit ihrer Version der Freiheit überfiel und dafür am Ende von ihnen in die Rolle der Sklaventreiberin gezwungen wird, steckt Schölch der Spiel- und Entfaltungsfreude der Seinen einen Rahmen aus chorischen und exakt choreografierten Gruppenszenen, in dem Einzelaktionen schön zur Blüte kommen.

Fünf Graces schlüpfen nach und nach aus der Larve eines Maskierten und verschwinden so elegant wieder in einer anderen, dass man sich die Augen reibt. Eben sah die Frau in dem rosagepunkteten Kleid noch ganz anders aus. Wo ist die alte geblieben?

Ein blauer Mond hängt über allen südstaatenwarm beleuchteten Szenen; es könnte der Mond über Soho sein, denn Brecht steht hier ebenso Pate wie in von Triers Original. Dramaturgisch wurde ohnehin kaum etwas geändert, die Dialoge, Erzählpassagen und leider auch einige Ungereimtheiten bleiben dem Stück erhalten. Doch so phantasievoll und spannend, wie diese Geschichte von der Überheblichkeit amerikanischen Gutmenschentums erzählt wird, fällt das kaum ins Gewicht.

 

Manderlay
von Lars von Trier
Regie: Jochen Schölch, Ausstattung: Christl Wein, Licht: Peter Platz,Musik: Friedrich Rauchbauer, Maskenbau: Ninian Kinnier-Wilson.
Mit: Peri Baumeister, Marius Borghoff, Claudia Carus, Nahuel Hafliger, Rudi Hindenburg, Josephine Kohler, Philipp Lind, Matthias Renger, Sophie Rogall, Lea Woitack, Harmonium: Friedrich Rauchbauer.

www.metropoltheater.com

 

Mehr lesen? Im Juni 2008 nahm sich am Schauspiel Stuttgart Volker Lösch Lars von Triers Filmstoff Manderlay vor.

 

 

 
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