Rossellini, der Hummer und der Mann von der BEWAG

von Sarah Heppekausen

Mülheim, 19. Juni 2009. Etwa zehn Minuten dauert der Fußmarsch vom Ringlokschuppen zum eigentlichen Spielort. Vorbei an Werksgebäuden der Schutzschuhfirma Otter, an Lastwagen der Ruhrtaler Waffelfabrik, an abrissreifen Hallen und von Bauzäunen umgebenen Rohbauten. Baustellenromantik im Sonnenuntergang. René Pollesch hat sich auch für den zweiten Teil seiner Ruhrtrilogie einen außergewöhnlichen Spiel-Platz ausgesucht.

Nachdem Bühnenbildner Bert Neumann seine Containerbühne für das "Tal der fliegenden Messer", Teil 1 der Ruhr-Trilogie im vergangenen Jahr, am Flussufer platzierte, steht die Rollende Road Schau diesmal in der öden Weite einer Gewerbebrache. Genug Fläche also für (neo)realistische Action-Szenen. Denn Pollesch, der immer schon gerne mit Kameras auf der Bühne hantierte, verlagert seine neueste "Boulevardkomödie" konsequenterweise komplett in ein Film-Setting.

"Cinecittà Aperta" heißt schließlich der Titel, Pate steht das Filmstudio bei Rom. Federico Fellini, Roberto Rossellini und Luchino Visconti haben hier gedreht. Und selbstverständlich tauchen all die großen Filmemacher wieder auf im gewohnten Zitierreigen des Diskursverwerters Pollesch, als Rolle, als Rollenvater oder Szenenvorleger.

Rote Erde Mülheim

Im brünetten Anita Ekberg-Verschnitt mit auftoupierten Haaren, im schwarzen Kleid und auf hohen Schuhen über die Steine stolpernd macht sich Catrin Striebeck auch gleich auf die Suche nach dem legendären Trevi-Brunnen. Die Autos und Wohnwagen (filmgerecht heißen die hier natürlich Trailer) werden Staub aufwirbelnd vorgefahren und im Hintergrund täuschen die Kulissen in der aufkommenden Dunkelheit zunehmend echt Hausfassaden vor.

Gedreht wird aber weder "La dolce vita" noch "Kleopatra", sondern – wir sind im Ruhrgebiet – "Rote Erde", die Bergarbeiter-Saga, die in den Achtzigern als Fernsehserie ausgestrahlt wurde. Dafür reiben sich die Schauspieler einfach Kohle ins Gesicht. Die passenden Namen Pauline Boetzke (Striebeck), Sylvia von Kampen (Inga Busch) und Erna (Christine Groß) tragen die Schauspielerinnen sowieso schon. Auch wenn sie ihre Rollen, Identitäten und Geschlechter immer wieder wechseln.

Tausche ahistorisches Subjekt gegen verderblichen Körper

Aber Pollesch wäre nicht Pollesch, wenn er die Filmzitate nicht in einen größeren Zusammenhang aus Theoriegemengen stellen würde. Darwinismus und Marxismus werden analysiert, und Foucaults Ansichten über den Körper als Filmkritik bereitgestellt. "Es geht immer nur um die Seelen und nicht um die Körper", beklagen sich die Schauspieler. Dabei seien doch gerade die Körper die geschichtlichen Wesen, weil sie da sind. "Rosselini und der Ranicki, die nehmen den Schauspielern immer die Körper weg." Reich-Ranicki habe sein ahistorisches Subjekt gegen den geschichtlichen Körper von Matthias Schweighöfer eingetauscht.

Einige amüsante (Film-)Szenen und Theorietiraden später ist ein Schauspieler dann wieder bei Darwin angelangt: "In einem Bild der Geschichte, die immer als unsere Geschichte erzählt wird, zeichnet sich keine Gestalt unseres Wesens ab, das hab ich immer vermutet, dass die Historie nichts mit mir zu tun hat. Und das ist Darwin." Wir können uns noch so viele sinnzuschreibende, "historische" Filme anschauen, das menschliche Wesen erfassen wir dadurch nicht, denn das ist kontingent und grundlos – vielleicht lässt sich Polleschs Kritik so kurz zusammenfassen.

Die vertraute Kapitalismuskritik verpackt der Regisseur ganz anschaulich in technischen Stilmitteln: Per splitscreen zeigt die aufgebaute Videoleinwand auf der einen Seite Arm (nachgestellte Szenen aus "Deutschland im Jahre Null" in Schwarz-Weiß-Aufnahme), auf der anderen Reich (Hummer vernaschende Schauspieler in Farbe). Über derartige Offensichtlichkeit lästern selbstverständlich auch die Schauspieler.

Die anderen müssen kalt duschen

Und doch ist es eben dieser theatralische Umgang mit dem Film (oder die filmische Umsetzung des Theaters), der in "Cinecittà Aperta" dem Theoriegeschwader einen ansehnlichen, durchaus ironischen Subtext liefert und dank der Schauspieler für größtes Vergnügen sorgt. Martin Laberenz rollt sich in Stuntman-Manier in Zeitlupe über das langsamst fahrende Auto, schnappt sich die Handtasche der Fahrerin und springt heldenhaft über auf das Wohnmobil.

Christine Groß begibt sich als Regisseurin zum Dreh auf die Suche nach der Drehbühne ("Der Mann aus Rimini hat sie erfunden"). Und wenn sich die Stars im Startrailer die Haare fönen, kommt der Mann von der Bewag und die anderen müssen kalt duschen.

Kurzweilig-komische Szenen in außergewöhnlicher Kulisse – bleibt sonst noch etwas? Das sollten am besten die Zaungäste beantworten. Von den Balkonen der angrenzenden Häuser und vom Straßenrand aus haben sie das Spektakel beobachtet. Trotz der Kälte sind sie bis zum Ende geblieben.

 

Cinecittà Aperta – Ruhrtrilogie Teil 2
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Kamera: Ute Schall, Andreas Deinert.
Mit: Inga Busch, Christine Groß, Martin Laberenz, Trystan Pütter, Catrin Striebeck.

www.ringlokschuppen.de

 

Wollen Sie etwas über die letzten Polleschiana lesen? Bitte schön:

Die Besprechung von Das Tal der fliegenden Messer - Ruhrtrilogie, Teil 1, aus dem Juni 2008.
Die Besprechung von Fantasma, aufgeführt im Dezember 2008 in Wien.
Die Besprechung von Du hast mir die Pfanne versaut, Du Spiegelei des Terrors!, aus dem Januar 2009 in Berlin.
Die Besprechung von Ping Pong d'amour, vom Februar 2009 in München.
Die Besprechung von Ein Chor irrt sich gewaltig, April 2009, Prater der Volksbühne zu Berlin.
Die Besprechung von Wenn die Schauspieler mal einen freien Abend haben wollen, vom Mai 2009 in Stuttgart.

Hier lesen Sie den Auszug aus Cinecittà aperta, den Pollesch zum Dank für den Publikumspreis der Mülheimer Theatertage bei der Preisverleihung am 14. Juni 2009 gemeinsam mit seinen Schauspielern als szenische Lesung präsentierte: Unsterbliche Überreste.

 

Kritikenrundschau

Erstmal müsse man mehr als zehn Minuten "über Schotter und löchrige Pisten durch ein Gewerbe-Ödland (...) bis man endlich vor einer riesigen Brache steht, auf der ein einsames Zelt winkt", beschreibt Regine Müller in der taz (22.6.2009) den Weg zum zweiten Teil von Polleschs Mülheimer Ruhrtrilogie. Die obligatorische "Videospielerei" sei "diesmal nicht bloß systemkritisches Stilmittel, sondern integraler Bestandteil des neuen Stücks", beschwöre Pollesch mit "Cinecittà Aperta" doch die Aura der legendären Filmstudios bei Rom. Wie immer bei Pollesch gebe es natürlich keine "Handlung im traditionellen Sinne", und die Spieler tauschten "munter die Rollen, Identitäten und Geschlechter". Dabei erweise sich der italienische Neorealismus "als treffliche Folie für Polleschs berüchtigtes Hochgeschwindigkeitstextgewitter", und die Krise scheine Polleschs "Dauerthema, der Kritik der totalen Ökonomisierung der Verhältnisse", noch "zusätzlichen, erfrischenden Rückenwind zu verleihen". Die Kritikerin konstatiert "mehr Biss, Witz und diskursive Spannung" als im ersten Ruhrtrilogie-Teil und findet, "Cinecittà" sei "ein idealer Ort für Kapitalismuskritik".

Auch Jens Dirksen, der für das Portal Der Westen (21.6.2009) berichtet, führt der "bodenhaftungshaltige Schritt" erstmal weit weg vom "Guckkasten-Theater". In dieser Cinecittà werde nicht nur "gedreht", sondern "vorzugsweise abgedreht und durchgedreht, von Menschen wie Reifen. Manchmal wird auch umgedreht, Darwins Satz vom 'Survival of the fittest' etwa oder Theoreme von Michel Foucault." Marx, Marcel Reich-Ranicki und Matthias Schweighöfer kämen auch noch vor und alle Finanzkrisenkritik werde der Oberflächlichkeit verdächtigt, "solange sie so tut als gäbe es einen 'gesunden' Kapitalismus". Das Ganze klinge "atemlose anderthalb Stunden wie Theater für Menschen, die vor lauter Aufklärung schon ganz abgeklärt sind". Dass das alles nicht in "postdramatisches Theater" münde, "wie der verräterisch paradoxe Begriff für inszenierte Langeweile lautet", liege daran, dass hier "fantastische Schauwerker den Sätzen und Wörtern Beine machen (...) und Arme und Gesichter und Gefühle dazu". Ohne deren "energiegeladenen Seelenüberschuss stünde Pollesch vielleicht nur als Phrasendreschflegel dar. So aber gerät das Ganze sehr absurd, bizarr, trashig, gaga, kitschig und dunkel".

 
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