Faserland ist Geschichte

von Petra Hallmayer

München, 20. Juni 2009. Er ist auf niemanden angewiesen. Er ist jung, er ist schön, und er hat eine "Haut aus Zement". Marco ist 16 und er geht auf den Strich. Seine Schwester, die Analphabetin Jenny, und er sind vor langem von zu Hause ausgerissen. Alt und arbeitslos geworden taucht plötzlich ihr Vater auf und will den Scherbenhaufen Familie kitten.

"Father Land" nannte Bertram Schaffner 1949 seine Studie über die deutsche Autoritätshörigkeit, in der die Figur des Vaters "allgegenwärtig, allwissend und allmächtig" herrschte. Das ist Geschichte. Nach Jahrzehnten gründlicher Demontage erscheint der Vater mit Vorliebe als Leerstelle oder als sexueller Aggressor. Bei Anne Habermehl, deren Stück "Daddy" im Marstall Uraufführung feierte, treffen wir auf einen versagenden Papi, der um Verzeihung bettelt. Zugleich bezeichnet das Wort "Daddy" den Freier, der Strichern Geld und Geschenke zusteckt.

Dem prekären familiären Trio steht ein arriviertes Ehepaar gegenüber: Die Lehrerin Silvie, die sich sehnlichst ein Kind wünscht - und eine Pumpgun, um ihre Schüler abzuknallen. Und der Architekt Julian, der davon träumt, eine "zärtliche Stadt" zu bauen, "in der man keine Angst hat vor Berührung", und der sich in Marco verliebt.

Selbstbetrugsformeln der Mittelschicht

Von fragilen Patchwork-Beziehungen erzählte die 1981 in Heilbronn geborene Autorin bereits in ihrer bösen Farce "Letztes Territorium", in der ein algerischer Flüchtling in einer Scheidungsfamilie auftaucht, und auch auch dort war ihre Neigung zu erkennen, die dramatischen Schrauben mitunter einen Tick zu weit zu drehen. Die Verweise in "Daddy" auf den Krieg als sexuellen und emotionalen Thrill hat der Regisseur Alexander Nerlich klugerweise reduziert. Dafür spielt die Aufführung überzeugend die Stärken des Textes aus, die entgleisenden Verständigungsversuche, die jämmerliche Lächerlichkeit der Paargespräche.

Geschickt entfaltet Habermehl in wechselnden Konstellationen Dialogduelle, in denen zwischen Annäherung und Abwehr, Hasenhaken und zerstückelten Konversationsfloskeln immer wieder einer zum Schlag ausholt, die Gewalt aufflackert, und beweist dabei ein feines Gespür für die Selbstbetrugsformeln der liberalen Mittelschicht.

Yes, my heart belongs to Daddy

"Vielleicht braucht er Hilfe", meint Silvie, als sie Marco vor dem Fenster entdeckt. Tatsächlich jedoch sind es die Erwachsenen, die die "Kinder" brauchen. Der Vater, der aus Angst vor Alterseinsamkeit ihre Nähe sucht. Silvie, die vergebens auf ein Baby als Sinn- und Glücksspender hofft und die beginnt, die Geschwister zu bemuttern. Julian, dessen Hunger nach Schönheit und Jugend Marco stillen soll.

In einem verspiegelten Raum will er seinen Traum wahr machen, doch es ist ihm unerträglich, sich als das zu sehen, was er ist - ein Freier, der sich Liebe kauft. Letztlich aber münden seine romantischen Fantasien in knallharte Besitzansprüche, das Gebaren eines Geschäftsmannes, das Dirk Ossig kalt-routiniert vorführt. Felix Klare glänzt als markterfahrenes Chamäleon Marco, windet sich als schüchterner Knabe, räkelt sich als narzisstischer Verführer, ein verblendetes großes Kind, das mit seiner Unwiderstehlichkeit und den Scheinen seiner Kunden prahlt und im Schoß seiner Schwester Zuflucht sucht. Anne Schäfer als Jenny zeigt berührend eindringlich ein tief verstörtes Mädchen, Christina Scholz-Bocks Silvie balanciert als hilflose Frau hinter dem Schutzpanzer aus kühler Souveränität und dabei doch am Rande der Hysterie. 

Am Ende Verstummen

Trotz der Ernsthaftigkeit, mit der sich die Inszenierung dem Stoff nähert, blitzt zwischendrein trockene Komik auf, lastet nie ein Sozialdrama-Grauschleier auf ihr. Stellenweise allerdings haftet dem Skizzenmosaik etwas Unfertiges an, laufen Erzählstränge ins Leere. So wirkt das unvermittelte Verstummen des Vaters, der schließlich als heruntergekommenes Gespenst durch die Szenen geistert, bloß befremdend. Das Schlussbild, in dem Marco sein Gewehr entsichert, spart Nerlich aus, stattdessen liest Jenny stockend die Sätze über die Liebe aus dem Paulus-Brief an die Korinther vor. "Die Liebe", erklärt Habermehl als Vorbemerkung zu ihrem Stück, "ist der letzte Strohhalm" in einer utopielosen Welt. An den klammern sich alle ihrer Figuren irgendwann. Allein um einander Halt zu geben, dafür ist jede von ihnen selbst viel zu bedürftig.

 

Daddy (UA)
von Anne Habermehl
entstanden als Werkauftrag des TT Stückemarktes
Regie: Alexander Nerlich, Bühne und Kostüme: Christian Sedelmayer, Musik: Malte Preuss.
Mit: Anne Schäfer, Christina Scholz-Bock, Felix Klare, Hannes Liebmann, Dirk Ossig.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Mehr lesen? Ebenfalls am Bayerischen Staatschauspiel inzenierte Alexander Nerlich im Dezember 2007 Calderóns Das Leben ein Traum. Am Thalia Theater in der Hamburger Gaußstrasse brachte Corinna Sommerhäuser im November 2008 Anne Habermehls Letztes Territorium zur Uraufführung.

 

Kritikenrundschau

"Mit seiner Kraft, beim Zuschauer bittere Gedanken zum eigenen Leben hervorzurufen, ist dieser Abend ein großer", lautet der Schlusssatz von Egbert Tholls Kritik in der Süddeutschen Zeitung (22.6.2009) zur Uraufführung von Anne Habermehls "Daddy" am Bayerischen Staatsschauspiel. Habermehl wische "jede Absicherung, jede Anbiederung an aktuelle Reizthemen beiseite. (…) 'Daddy' ist ein kraftvolles politisches Stück, gerade weil es sich im Privaten aufhält. Die Figuren darin sind kaputt durch die Verhältnisse, in denen sie leben. Aber auch, weil sie an sich selbst, an ihrem Drang nach Wärme und Liebe, zugrunde gehen." Dafür entwerfe Habermehl "ein paar scharf geschnittene Dialogszenen". Die "exakte Zeichnung des Personals" nehme Regisseur Alexander Nerlich dankbar an: "Mit 'Daddy' beweist er, warum er einst Hausregisseur an Dieter Dorns Staatsschauspiel wurde: Weil er es meisterhaft versteht, ohne jedes Brimborium das Aufeinandertreffen zweier Menschen zu zeigen, die sich am liebsten das Herz herausreißen würden."

Wenig schmeichelhaft bezeichnet Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen (22.6.2009) "Daddy" als Anne Habermehls "drittes größeres Dramenkonstrukt". Gefühl sei bei Habermehl etwas, "für das man nie die richtige Dosierung findet. Deshalb bewegen sich ihre Figuren zwischen Euphorie und Zusammenbruch. Zu sehr", finde jedoch Regisseur Alexander Nerlich und stutze dem Stück "sanft die sprachlich etwas verklebten Flügel. Zu Recht. Denn ganz so seelenlos und lebensleer verloren, wie die Autorin ihre arg verformten Figuren beschreibt und in Reminiszenz an ihr erklärtes Vorbild Sarah Kane vielleicht gern hätte (…) wirken diese glücklicherweise in München nicht." Behutsam rette Nerlich "auch den Schluss des Stückes auf Kosten einer aufgesetzten politischen Gebärde: in die private Stille."

"Ein starkes Thema" hat Gabriella Lorenz von der Münchner Abendzeitung (22.6.2009) in "Daddy" ausgemacht, "aber als Stück eine unfertige Skizze. Die Dialogszenen führen Machtkämpfe vor, Selbstbetrug, Kommunikationsunfähigkeit, Buhlen um Zuneigung und Hilflosigkeit, die in Gewalt umschlägt." Alexander Nerlich habe "zum Glück die vielen Kriegsanspielungen reduziert" und inszeniere ansonsten "die Beziehungsunfähigkeit überzeugend". Der offene Schluss indes lasse "einen ratlos".

 

 
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