Alle Kinder werden Brüder

von Michael Laages

Rostock, 21. Juni 2009. Der Theatermusiker Franz Wittenbrink ist wirklich ein vielbeschäftigter Mann. Und wer weiß – vielleicht werden die Theaterhistoriker späterer Generationen beim Blick auf die unsere, auf die vergangenen eineinhalb Jahrzehnte also, dermaleinst über mindere Größen von Castorf bis Thalheimer milde hinwegsehen, um sich dem wesentlichen Zeichen der Zeit zuzuwenden: den wie am Fließband produzierten und fast immer auch wie am Schnürchen erfolgreich auf die Bühnen in Hamburg oder Wien oder Hannover purzelnden Liederabenden der Marke Wittenbrink. Franz heißt die Epoche.

Zwischendrin aber erfüllt sich dieser workoholische Nimmersatt am Klavier auch noch Sonderwünsche – vertonte etwa ehedem (und mit durchaus weniger Erfolg) Hans Magnus Enzensbergers "Titanic"-Text, gab einem der Stücke des DDR-Altmeisters Eberhard Streul Musik mit auf den Weg und hat jetzt Erich Kästners unkaputtbares Berlin- und Kinder-Abenteuer um "Emil und die Detektive" mit Musik versehen. Die erweist sich bei der Premiere am Volkstheater in Rostock als mal mehr, mal minder munter zeitgeisternde Bauern-, respektive Kinderfängerei.

Viereckig leuchtende Kinderaugen

Matthias Thiemes Inszenierung spekuliert nur ein bisschen – lässt etwa Kästners ursprünglich Dresdner Neustadt zum etwas näher gelegenen Provinz-Nest Neustadt an der Dosse mutieren. Naja. Das gibt einen schönen Song mit Reim auf "Flosse" her. Emils ersten Berliner Helfer bei der Verbrecherjagd, die Kiez-Göre Gustav mit der Hupe, zeichnet Thieme zudem als Mitglied gleich mehrerer Randgruppen – dieser Gustav nämlich singt davon, dass er "schlechte Eltern" habe (und deshalb Emil und seine supertolle Mama mächtig bewundert), und agiert außerdem absichtsvoll ein bisschen behindert. Da wirkt dann das Hohelied ewiger Freundschaft später noch ein bisschen feierlicher und grundsätzlicher. Alle Kinder werden Brüder. Oder auch Schwestern.

Ansonsten herrschen vertraute Emil-Effekte vor: rasant vorgeführte (und auch angenehm durchschaubare) Theater-Effekte wie Emils Fahrt mit dem ruckelnden Regionalexpress oder die späteren Verfolgungsjagden mit dem Taxi über Berliner Straßen. So etwas lässt halt noch immer Kinderaugen leuchten, auch wenn die von der vielen Computerbildschirmkuckerei längst viereckig sind.

Da sich im Übrigen in Rostock die jüngeren und jüngsten Mitglieder des Volkstheater-Ensembles (und nicht etwa, wie beim mutigen Frank "Volksbühne" Castorf Ende 2007, echte Theater-Kinder!) an die Fersen des Kleingangsters Grundeis heften, wird auf allen Ebenen des Personals chargiert, wie es der Theatertruppe von Emanuel Striese würdig wäre; und bei den erwachsenen Rollen naturgemäß noch viel mehr. Dass da Bärte nicht fest genug kleben in der Premiere, mag zwar Pech sein im Tohuwabohu – es passt aber eigentlich prima.

Angeschärfter Stromgitarren-Sound

Wittenbrink seinerseits hat der schnellen kleinen Story eine Art großstädtisches Leitmotiv aus Blues und Soul mit auf den Weg gegeben – ein angenehm angeschärfter Dauersound von der Stromgitarre, irgendwo zwischen Phillysound und Wilson Pickett oder so. Natürlich bietet er auch Mainstream-Routine aus dem Bauchladen an, braven Reggae und ein bisschen Rap und Hiphop; er klaut sogar kurzzeitig Lindenbergs "Sonderzug nach Pankow". Dann aber blühen plötzlich echte Musical-Songs auf, klug changierend zwischen Dynamik und Drive im Sound und einfacher Eingängigkeit im Ton zum Text der runderneuerten Hamburger Fassung von Götz Loepelmann und Robert Koall von 1998. Schade nur, dass sich das Volkstheater keine kleine Live-Band leisten kann. Dann wär's vielleicht ein richtiger Knüller.

Der allerdings wäre nötig – denn auch "Emil und die Detektive", auch dieser Kästner-Evergreen ist Teil eines kleinen Rostocker Größenwahns. Auf wrackigem Terrain der alten Neptun-Werft, wo rundum gerade das Wohn-Areal einer "Hafen-City" für die eher betuchteren Kreise der Hansestadt entsteht, hat das Volkstheater eine alte Werfthalle aufgemöbelt: um dort den ganzen Sommer über "Broadway in Rostock" zu behaupten. Das ist sehr mutig – eine "Carmen", ein "Best of Musical"-Abend, Konzerte sollen die großen Werbe-Worte des finanziell eh schon unter prekären Bedingungen arbeitenden Theaters beglaubigen … und eben "Parole Emil". Na denn man tau.

 

Emil und die Detektive
nach Erich Kästner, in der Fassung von Götz Loepelmann und Robert Koall, mit Musik von Franz Wittenbrink
Regie: Matthias Thieme, Bühne: Falk von Wangelin, Kostüme: Susanne Suhr.
Mit: Benjamin Bieber, Özgür Platte, Hannes Florstedt, Caroline Erdmann und dem Rostocker Ensemble.

www.volkstheater-rostock.de

 

 

 

Mehr zum Volkstheater Rostock? Die letzten Nachtkritiken erschienen zu Insel Yksinen und Fühllosigkeit, die Erstaufführungen zweier finnischen Stücke im März 2009.

 

 
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