Nichts mit First we take Agora

von Christian Rakow

Berlin, 24. Juni 2009. Behaupte niemand, dass wir nichts gelernt haben: "Was ist der Chor?" – "Individuen in einem gemeinsamen Zustand." Und in welchem Zustand haben wir die Individuen an diesem Abend erlebt, die Schauspieler, den Chor der werktätigen Volksbühne, den Jugendschauspielclub P 14? Festgetackert am Portal der Volksbühne, hockend oder stehend, annähernd schamfrei Texte ins Offene deklamierend, die selbst bei Wikipedia wegen ihrer Erkenntnisarmut gelöscht würden.

Wenn schon von "Agora" die Rede ist, dann aber auch richtig, muss sich der griechische Regisseur Mikael Marmarinos gedacht haben und schickt uns gewissermaßen auf einen Marco-Polo-Touristentrip durch die antike Polis von Athen. Als Pauschalreiseleiterin fungiert Young-Shin Kim, deren bewundernswerteste Leistung es an diesem Abend ist, beim gelegentlichen Herumschwirren keine der kleinen Sandmininaturen in der Arena zu zertreten.

Anfänger auf Griechenlandexpedition

Das ist die Agora, das die Stoa Poikile, das die Münzprägeanstalt, werden wir belehrt. Und der Chor der Gewerke raunt die zentralen Begriffe nach: "Kentron" – das Zentrum. Es folgen kurze, mit maximalem Staunen vorgebrachte Assoziationsschübe: Ah, Zentrum, zentral, exzentrisch! Ah, Stoa, Stoiker, Philosophie! Diese Griechenlandexpedition auf Grundschulniveau lässt auch das Publikum nicht schlecht staunen.

Spätestens mit dem Sprung in die Berliner Gegenwart aber wird die Unterforderung zur Beleidigung. "Wenn wir über Plätze reden, dann reden wir doch immer über Gemeinschaft und Öffentlichkeit." Und na klar, beides ist natürlich verloren gegangen am Alex, am Potsdamer Platz, am Breitscheidplatz. Mit größtem Ernst werden hier ganze Eulenscharen aus Athen gen Rosa-Luxemburg-Platz gescheucht, wobei sich einige Schauspieler unbehaglicher mit dem aufgetragenen Lehramt zu fühlen scheinen (Luise Berndt), andere ihren Schwof auf dem Gemeinplatz ungerührt bis enthusiastisch absolvieren (offensichtlich mit dem Selbstverständnis eines Feierabend-Philosophen vorneweg: Werner Eng).

Botschaften von ausgetretenen Plätzen

Um diesem Abend ein Moment von Restrelevanz abzugewinnen, muss man sich schon erinnern, dass Autor und Regisseur Mikael Marmarinos jüngst an der spleenig heiteren und durchaus diskursfesten Totalitarismusrecherche Stalin beteiligt war, die beim Festival "Politik im Freien Theater" den Preis der Bundeszentrale für Politische Bildung gewann. Damals im November siegte er mit Beherztheit, Mut zur Überforderung und einer gehörigen Portion Dilettantismus. Hier fehlt alles bis auf die letztere Zutat. First we take Agora, then we take Berlin. Nichts ist draus geworden.

Reizvoll sind einzig eine oder zwei Choreinlagen des Duos Lisa Hrdina/ Nele Stuhler (mit rasendem Kleinbürgerinnengeschwätz). Ansonsten nehmen wir Botschaften mit, die einzeln von der angetretenen Mannschaft an zentraler Stelle (Kentron!) auf einem blauen Punkt zum Besten gegeben werden: "Deine Mutter ist Dein Vater!", "Die Kunst dem Volk!" und ja: "Perfektion weckt Aggression!". Aber so unperfekt hätte es dann doch nicht sein müssen.


Agora: Ein Chor Stasimon
von Mikael Marmarinos
Regie: Mikael Marmarinos, Kostüme: Kathrin Krumbein, Musik: Dimitris Kamarotos, Dramaturgie: Myrto Pervolaraki, Sabrina Zwach. Mit: Luise Berndt, Werner Eng, Young-Shin Kim; Lisa Hrdina, Nele Stuhler, Nicole Gerdon, Paula Thielecke, dem Chor der werktätigen Volksbühne und P14.

www.volksbuehne-berlin.de

 

Mehr über die Inszenierungen in der Freiluft-Agora vor der Berliner Volksbühne? Wir schrieben zuletzt über Antigone//Elektra in der Regie von Werner Schroeter. Frank Castorf hat dort Medea inszeniert. Jérôme Savary versuchte Aristophanes' Vögel ohne Grenzen von der komischen Seite zu nehmen. Und viel Sand gab es auch in Prometheus, von Dimiter Gotscheff inszeniert.


Kritikenrundschau

Vom "Wikipedia-Theater" in der Agora der Volksbühne, schreibt Christine Wahl in der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel (26.6.2009): "Bei dieser Kunstform wird das, was der strebsame Zuschauer vorbereitend zu Hause selbst gegoogelt hat, noch einmal in aller epischen Breite von der Bühne herab wiedergekäut." Mikael Marmarinos’ Abend "Ein Chor Stasimon" schaffe nun "das Kunststück", noch "mindestens drei Stufen" hinter Wikipedia zurückzufallen. Es handele sich hier um eine "Bodenlosigkeit". Marmarinos lasse das "antike Vokabular von Polis bis Demokratie durchdeklinieren" und dabei den jeweils "allernächst liegenden Bezug" zum heutigen Berlin herstellen. Die einzige Kategorie, die dabei wirklich funktioniere, sei das Mitleid. Und zwar mit den Schauspielern, dem "Chor der werktätigen Volksbühne" sowie der hauseigenen Jugendtheatertruppe P14, die auf dem Sandbühnenhalbrund für diesen frechen Regie-Dilettantismus ihre Gesichter hinhalten müssten. Und wenn dann irgendwann in diesen siebzig Minuten der Satz falle: "Uns fällt nichts Besseres ein; das ist doch unser Problem", sei der Abend "wirklich ganz bei sich selbst angekommen".

In der Berliner Zeitung (26.6.2009) schreibt Doris Meierhenrich: Die Volksbühne biete nun auch eine als "Chor Stasimon" betitelte "Theatertouristenführung ins antike Athen an". Der griechische Regisseur Mikael Marmarinos gebe vor, das Land der Griechen mit den Mitteln der Volkshochschule zu suchen. "Ein Spiel für die dramatische Anfängerklasse auf und vor der Bühne, in dem "nur blind doziert werde." Gemeinsam buchstabierten alle "Platz", "Zentrum", "Nostalgie", "Demokratie" auf griechisch und deutsch und "zerwürfeln die Schlüsselbegriffe gleich auch noch phonetisch, dass bloß alle Bedeutungsnuancen zum Vorschein kommen". Das aber, was den Chor für "ie Geburt der Tragödie und daraus folgender Weltverständnisse so interessant"mache was ihn von Friedrich Nietzsche über Einar Schleef bis heute immer wieder aus der Versenkung holt, kommt nicht vor: "ein dionysisches Raunen, das vorindividuelle, irrational Lebendige, das Gegenteil also von emanzipierten Vernunftreden und "sokratisch naiver Kunst" (Nietzsche), wie Marmarinos sie betreibt."

 

 

 
Kommentar schreiben