Die Aussprache des Ungeschriebenen

von Wolfgang Behrens

Berlin, 1. Juli 2009. Nun neigt er sich langsam seinem Ende entgegen, der kurze Sommer der Antike: In anderthalb Wochen wird die Volksbühnen-Agora ihre Pforten wieder schließen. Ein ausgesprochener Hochsommer ist es nicht gewesen – das Wetter wollte bei der Griechenland-Simulation nicht so recht mitspielen und bescherte wahlweise kalte oder feuchte Luft oder beides zusammen; und auch der künstlerische Ertrag der sechs Premieren unterm freien Himmel der Götter ist durchwachsen. Es war halt nicht für die Ewigkeit gezimmert, das hölzerne "Amfiteatr" des Bert Neumann.

Kurz vor Toresschluss hat sich die Volksbühne noch einmal Verstärkung aus einer anderen Antike geholt, aus der West-Berliner Antike gewissermaßen. An zwei aufeinanderfolgenden Abenden nämlich geben sich die besten Kräfte der alten, der unvordenklich vergangenen West-Berliner Schaubühne die Ehre: Da wird zum einen – heute Abend – die Regie-Legende Peter Stein die Entstehung der Tragödie erläutern; den Auftakt aber machte eine von Steins großen Schaubühnen-Diven, Edith Clever, mit schwerem Geschütz: mit den späten Hymnen Friedrich Hölderlins.

Im schwarzen Kleid

"Hölderlins Dichtung ist für uns ein Schicksal. Es wartet darauf, dass die Sterblichen ihm entsprechen." Noch ehe die Clever das Halbrund des "Amfiteatrs" betritt, senkt sich mit schwarzwäldlerischem Seins- und Langmut die Stimme Martin Heideggers auf uns Sterbliche herab. Und der Philosoph (der selbst eine Platte mit Hölderlin-Gedichten aufgenommen hat) gibt uns auf, worauf zu achten sein wird: "Durch das wiederholte Hören werden wir hörender. Aber auch achtsamer auf die Weise, wie das Gesagte des Dichters gesprochen sein möchte. Denn schwieriger noch als die Auswahl der Gedichte ist das Treffen des Tones. Es kann in dem einen Augenblick des technisch festgehaltenen Sprechens glücken, es kann ebenso leicht mißglückt sein."

Dann aber kommt sie, im schlichten schwarzen Kleid mit schwarzem Jackett, und sie lässt vom ersten Augenblick an keinen Zweifel, dass das Missglücken kein Thema sein wird. Denn wenn jemand heute noch hohen Ton "kann", dann sie. Und sie trifft ihn mitten ins Herz.

In die Stille gestürzt

Vor einigen Wochen führte an gleicher Stelle eine andere Diva, Silvia Rieger (in Brechts "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar"), die Kunst des Staccatos vor, eines förmlich den Sinn zerhackenden Sprechens. Edith Clevers Kunst ist von anderer Art: Sie pflegt das Legato, sie spannt Bögen von unermesslicher Weite, die auch dann nicht in sich zusammenfallen, wenn ein vorm Theaterrund vorbeiknatterndes Gefährt eine gar nicht so kurze Rezitationspause erzwingt. Überhaupt die Pausen: Dort, wo Hölderlin das Papier weiß und Verse unvollendet gelassen hat (etwa: "Ich, der dich zeugte, dein Vater, / derselbe der,   "), phrasiert Edith Clever die Leerstellen und Löcher gleich mit, wie selbstverständlich stürzt sie sich in die Stille und gestaltet in ihr das Ungeschriebene.

Im hochgespannten Sprechen, im unvermuteten Registerwechsel, im kunstvoll zelebrierten Ritardando, in der jähen Geste des Staunens oder im genüsslich wiederholten Abschmecken einer Zeile glaubt man sich dem euphorisch trauernden Sinn der Hölderlin'schen Hymnen ganz nah, auch wenn die Aufmerksamkeit der Zuhörer zwischendurch äonenweit abgleitet und man längst nicht mehr dem Inhalt, sondern nur noch der Sprachmelodie folgt. Doch was tut's? Ohnehin gilt, was der Altphilologe Hermann Fränkel einmal über ein Idol Hölderlins, den antiken Hymniker Pindar, sagte: dass hier ein "Meister, wissend und gläubig, zu Verstehenden und Gläubigen spricht, in gesammelter, abkürzender Kunstform, nicht beschreibend und erklärend, sondern andeutend und erinnernd."

Anrufung höherer Kräfte

Das trifft gleichermaßen auf Hölderlin und nicht zuletzt auch auf Edith Clever zu. Denn ja, in der Tat, auch die Clever spricht wie eine Meisterin zu einer Gemeinde, andeutend und erinnernd. Ihre Gemeinde scheint an diesem Abend auch weniger die der Volksbühne als die der alten Schaubühne zu sein (gesichtet wurden u.a: Jutta Lampe, Corinna Kirchhoff, Hans-Jürgen Syberberg), und heraufbeschworen wurde eine ironiefreie Rezitations- und Theaterkunst, die es so eigentlich schon gar nicht mehr gibt.

Am Ende dann, nach knapp anderthalb Stunden, nimmt die Clever noch einmal alle Kraft zusammen und schreit (falls bei derart vollendeter Stimmkontrolle von Schreien die Rede sein kann) die Klage der Erinnerung, die dritte Fassung von "Mnemosyne" in die schwüle Dämmerung hinaus: "Und immer / Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. Vieles aber ist / Zu behalten. Und Not die Treue. / Vorwärts aber und rückwärts wollen wir / Nicht sehn." Zornestrunken überkommen einen die Sätze, wer eben noch andächtig zusammengekauert saß, wird nun von solchem Furor in die Senkrechte geblasen. Großartig. Überwältigend. Eine solche Anrufung hat man lange nicht vernommen.


Mnemosyne – Die späten Hymnen
von Friedrich Hölderlin
Mit: Edith Clever. Einrichtung: Stefan Rosinski.

www.volksbuehne-berlin.de

Mehr über die Inszenierungen in der Freiluft-Agora vor der Berliner Volksbühne, die jetzt komplett sind: Mikael Marmarinos hat dort Agora: Ein Chor Stasimon inszeniert. Antigone//Elektra gab es in der Regie von Werner Schroeter. Frank Castorf hat Medea inszeniert. Jérôme Savary versuchte Aristophanes' Vögel ohne Grenzen von der komischen Seite zu nehmen. Und viel Sand gab es in Prometheus, von Dimiter Gotscheff inszeniert.

Mehr zu Stefan Rosinski, der nicht nur diesen Hölderlin-Abend mit Edith einrichtete, sondern auch das dramaturgische Gesamtkonzept für die Agora entwarf, im nachtkritik-Archiv.

 

Kritikenrundschau

"Nun steigt Edith Clever (...) mit gewohnt höhensicherer Souveränität auf die steilsten lyrischen Gipfel des sich zwischen Genie und Wahnsinn, Antike und Aufklärung erstreckenden Hölderlinschen Kosmos", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.7.). Sowohl junge Besucher als auch zahlreiche Künstler aus dem Goldenen Zeitalter der Schaubühne seien gekommen um die Clever zu sehen, "die sich wahrhaft wundervoll in die Aura einer philologisch-poetischen Schamanin zu hüllen versteht". Eine Erscheinung, ein Erfolg! Immer sei "zu hören, wie sie nach den Sternen greift". Ihr Maß sei nie "mittel", und doch habe sie sich "nach den letzten Worten bescheiden in die erste Reihe" gesetzt, "als wolle sie in der schweigenden Menge untertauchen."


 
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