Gott hat uns verlassen

von Hartmut Krug

Oberammergau, 3. Juni 2009. Wenn die Musik dräuend dröhnt, kann von dem unterm Schlapphut finster dreinblickenden Mann nur Gefahr ausgehen, der sich da 1633 während des Kirchweihfests heimlich nach Oberammergau schleicht. Es ist der Tagelöhner Kaspar Schisler, der sich zwei Jahre in Eschenlohe hinterm Berg bei einem Bauern verdingte, und nun aus Sehnsucht nach seiner Frau und seinen Kindern in seinen Heimatort zurückgekehrt ist. Draußen im Land wütet nicht nur der 30jährige Krieg, sondern auch die Pest, nur nicht in Oberammergau. Bis dieser pestkranke Heimkehrer sie nun einschleppt.

Denn Schisler hatte fälschlicherweise geglaubt, er komme in ein ohnehin schon von der Pest heimgesuchtes Dorf zurück. Doch in Oberammergau versucht man noch, die heile Welt zu bewahren. Am Dorfrand brennen Feuer, um Soldaten und fahrendes Volk fernzuhalten, die aufgestellten Wachen sollen dafür sorgen, dass niemand in den Ort kommen und das Kirchweihfest stören kann.

Der Totengräber mit dem Totenschädel

In Christian Stückls Inszenierung herrscht stets Eindeutigkeit mit Bedeutung. Das hilft den Laiendarstellern, die ihre Figuren mit großer gestisch-mimischer Sicherheit und bemerkenswert guter Sprechtechnik als Klischees vorzeigen. Wie hier jemand redet und auftritt, ist dabei stets vollständig voraussehbar. Die Figuren entwickeln sich nicht in Sprüngen oder Widersprüchen, sondern zeigen uns das, was wir von ihnen denken. Dabei macht der schnörkellose laienhafte Realismus der Darsteller manche Figuren durchaus interessant, während er andere wiederum in unfreiwilliger Klischeekomik versacken lässt.

Der Totengräber, der mit einem Totenschädel aus dem Grab auftaucht wie sein Kollege im "Hamlet", überzeugt als shakespearisch gallig-weiser Narr, während der eifernde, demagogische Pfarrer als grelle Karikatur in hellgrauer Kutte nur nervt. Als Zuschauer schwankt man in seinen Reaktionen: Mal ist man beeindruckt von Laiendarstellern, die wie "richtige" Schauspieler agieren und dabei doch ihre offene Direktheit bewahren, dann wieder leidet man unter dem overacting einiger Sprechrollen-Darsteller.

Farbigkeit der Szenen

Hervorragend allerdings gelingen die Massenszenen. Sie sind von einer Sinnlichkeit, die zugleich selbstverständlich und im guten Sinne organisiert wirkt. Wie hier manchmal zugleich fast 150 Laien von ihrem Regisseur in einer einzigen Szene zu- und gegeneinander geführt werden, ohne je, auch nicht in Jubelszenen, in die von manchen Opern- und Operettenchören bekannte leere Beweglichkeit zu geraten, das ist so bewunderns- wie ansehenswert. Die Farbigkeit der Szenen wird auch befördert durch eine kleine Blaskapelle, die dem Volk voran-, und später durch ein auf Erde und Torf stehendes, dunkel-verwinkeltes Bühnengerüst mit vielen Treppen und Winkeln hindurchmarschiert.

Zu Beginn bauen Jugendliche eine Bühne und bereiten sich wie die Handwerker-Schauspiel-Truppe aus Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" auf ihre Rollen vor. Dann spielt eine riesige Schar von Kindern Krieg: die eine Jungengruppe spielt die Bayern, die andere die Preußen, - und die vergeblich meuternden Mädchen müssen die Schweden geben. Beim Kirchweihfest lässt eine Schauspieltruppe später den Teufel gegen Gott antreten, dann spendiert der Reiche eine große Essenstafel und tanzt auf dem Tisch.

Dieser grosse Jedermann ist wie vieles in der vom Regisseur bearbeiteten Stückfassung natürlich ein (selbstironisches?) Zitat, - 2002 besorgte Stückl bei den Salzburger Festspielen eine Neuinszenierung die Spiels vom Sterben eines Reichen Mannes - eine Figur, die auch in Oberammergau schließlich ganz klein wird aus Angst vor Pest und Tod (wobei man auch an Poes Erzählung vom roten Tod erinnert wird).

Gott liebt Gehorsam

Das Stück ist übervoll an Szenen, in denen Probleme allenfalls angerissen, angesprochen oder zitiert werden. Vieles ist plakativ und wird durchs Spiel eher platt: so, wenn die Frau des Pestbringers Kaspar mit den Worten "Gott liebt Gehorsam" teufelsaustreiberisch mit der Fackel bedroht wird, oder wenn Kaspar erklärt, er habe früher als Holzschnitzer immer wieder Gott erschaffen, ohne ihn zu fühlen.

Ohnehin erklärt hier jeder einmal kurz und folgenlos seine einstigen falschen Gefühle. Hier findet das Stück selten zur richtigen Sprache, die Darsteller zum richtigen Ton. Es ist ein Denk-, schlimmer: ein Vordenk-Spiel. Nachdem viele Oberammergauerer an der Pest erkrankt oder gestorben sind, führt die Suche nach dem wahren Gott nur zur scheinbaren Schuld der anderen, zu Ausgrenzung, zu Mordversuch, zu Hexenverfolgungen, zu Anklagen, jemand sei der Antichrist, und großen Klage: Gott hat uns verlassen.

Der Chor singt zu allen christlichen Schrecken seine Miseror dazu, wobei die von Fackelschein beleuchteten, mit Heugabeln bewehrten, lynchbereiten Sinn- und Gottsuchern leider doch nur folkloristisch wirken. So rüttelt uns dieser bunte, christlich sinnsucherische Abend am Ende weder auf noch reißt er wirklich mit. Wenn die Menschen schließlich begreifen, dass Gott nicht sie, sondern vielmehr sie Gott verlassen haben, dann raschelt bei der Verkündung des berühmten Gelübdes nur noch das historische Papier.


Die Pest. Das Spiel vom Oberammergauer Passionsgelübde
nach einem Text von Martin F. Wall und Motiven von Leo Weismantel
Regie: Christian Stückl, Bühne: Alu Walter, Kostüme: Uta Gruber-Ballehr, Musik: Markus Zwink. Sprechrollen: Anton Burkhart, Andrea Hecht, Benedikt Geisenhof, Vitus Norz, Barbara Dobner, Andreas Richter, Christian Bierling, Frederik Mayet, Michael Adam, Walter Rutz, Raimund Fussy, Maximilian Stöger, Ursula Burkhart, Martin Güntner, Tobias Eich, Jonas Konsek, Martin Schuster; dazu etwa 130 Männer, Frauen und Kinder von Oberammergau, der Gletscherschliff-Musi aus Mittenwald, Mitglieder des erweiterten Chores der Passionsspiele 2010, Mitglieder des Musikvereins Oberammergau.

www.passionstheater.de


Mehr lesen zu Christian Stückl? Der 1961 in Oberammergau geborene Regisseur leitet seit 1987 die Passionsfestspiele. 2002 wurde Stückl Intendant des Münchner Volkstheaters, wo er ua. im November 2008 Shakespeares Richard III. und im März 2008 Ibsens Peer Gynt inszenierte.

 

Kritikenrundschau

Christian Stückl bringe das Theater "auf eine Ebene der Leidenschaft hinauf, wo Laien und Profis ihren gemeinsamen Ursprung haben", schreibt voller Euphorie Wilhelm Hindemith in der Frankfurter Rundschau (7.7.). Im Fall der "Pest" erzähle er diese "sinnlichen Dorfgeschichten" erzählt bravourös, versetze sie "mit Welttheatererfahrung, wie er umgekehrt Oberammergauer Theaterinbrunst ins Welttheater zurückbringt, wenn er in München Regie führt". In Oberammergau habe das Theater tatsächlich noch eine religiöse Wurzel, aus der es Hindemith auch wieder wachsen sieht; "außerdem ein Publikum, das genau dieses Theater will, das Stückl nun reformiert im Sinne der Tradition samt bedachtsam eingesetzten modernsten Mitteln". Die Männer habe Stückl schon so weit, "sie schießen gerne übers Ziel", bei den Frauen braucht es seiner Einschätzung zufolge noch Zeit, bis sie ihre Laientum vollends entfesseln und enthemmen. Auch rühmt er die Musik des Komponisten Markus Zwink, deren "erschütterndes Miserere den stärker werdenden Kontrast zur zünftigen Kirchweih-Volksmusik immer mahnender zum Requiem verwandelt."

Sparsamer, verspielter und ungroßartiger als sonst fand dagegen Teresa Grenzmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7. Juli) 'Die Pest' in Oberammergau. Wer ein tiefenreligiöses Zwischenspektakel wie 'König David' (2005)  oder 'Jeremias' (2007) erwartet habe, werde vor allem in den ersten Szenen überrascht. "Denn hier herrscht neben dem haarigen auch ein audiovisueller Wildwuchs, eine muntere Stückl-Mischung, gespeist aus der Münchner Bierkrug-Gaudi des 'Brandner Kaspar', der Salzburger Allegorienschwere des 'Jedermann', dem grob geschnitzten Laienspielcharme des Passionstheaters, obendrein aus gutdeutschen Redewendungen, Shakespeare-Zitaten, flapsigen Slogans." Das findet die Kritiker insgesamt zwar ganz amüsant, mitunter aber auch stilbrüchig, befremdend und platt.

Alexander Kluy
weiß in der Welt (6.7.) zu berichten, dass in Oberammergau bei der Generalprobe und der freitäglichen Erstaufführung der "Pest" "gleich drei Mitwirkenden Bänder an Füßen und Knien" rissen, "so dass die Aufführung am Sonnabend die eigentliche Premiere war. Mit einem artistischen Michael Adam, der den reichen Steinbacher-Bauern spielt und dessen Tanzeinlagen durch ein hintersinniges Krücken-Ballett ersetzt. Und in Frederik Mayet, dem Totengräber Faistenmantel, nächstes Jahr einer der beiden Jesus-Darsteller und im Brotberuf Pressesprecher des Münchner Volkstheaters, sah man einen erstaunlich präzisen Widergänger Jürgen Vogels." Dankenswerterweise habe Regisseur Christian Stückl das 1933 von Leo Weismantel verfasste Stück modernisiert, irritierenderweise hätten jedoch "zu Illuminationszwecken auf zwei Meter hohen Dreibeinen Feuer" gebrannt, und die umgebenden Straßen seien abgesperrt gewesen. "Um welche Kontamination zu verhindern?"

 

 
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