Steinbruch der Weltmachtansprüche

von Andreas Klaeui

Avignon, 7. Juli 2009. Es sind schon diese Momente, weshalb man immer wieder gern nach Avignon fährt. Wenn die Aufführung und ihr Ort sich zu einem Ganzen überlagern, das mehr ist als die einzelnen Teile. Im alten Steinbruch von Boulbon hat Amos Gitai das Festival eröffnet mit einem Schlachtenbericht mit dem etwas umständlichen Namen: "La Guerre des fils de lumière contre les fils des ténèbres". "Der Krieg der Söhne des Lichts gegen die Söhne der Finsternis", das mag an einschlägige Achsen des Guten und des Bösen erinnern, geht aber zurück auf Flavius Josephus und dessen "Geschichte des Jüdischen Krieges". Masada ist sein Symbol. Es geht darin um die Eroberung Jerusalems und das brutale Ende des jüdischen Aufstands 70 n. Chr.

 

In Flavius Josephus' (jaja: Flavii Josephi) Biografie spiegelt sich der Krieg selbst auf die eigenartigste Weise: Er kam aus einer jüdischen Priesterfamilie, war also zum Gegner der römischen Usurpatoren prädestiniert. Als Kriegsgefangener wurde er aber selbst zum römischen Propagandisten: am Leben gelassen unter der Bedingung, dass er über die Triumphe der Weltmacht schreibt.

Dass dies ein unterworfener Jude tun sollte, war natürlich alles andere als eine zufällige Wahl; je mehr er den Widerstandsgeist der Juden hervorhob, desto größer die Glorie der Sieger. Also nahm Joseph einen römischen Namen an, Titus Flavius, und eine römische Identität, in der er fortan aufging, als wäre er zu einer Art Diapositiv seiner selbst geworden.

Flavius Josephus' Chronik abhorchen

Der israelische Filmemacher Amos Gitai war in Masada; der Josephus-Stoff begleitet sein Œuvre seit langem. Es scheint, als wolle er ihn in immer neuen Räumen abhorchen, ihn an immer anderen Resonanzkörpern ausprobieren: in den Ruinen von Gibellina, im jüdischen Ghetto von Venedig, jetzt in der Felsenfestung von Boulbon.

Alles ist Stein, Felsen, mineralisch: der theatrale Raum selbst, die Bühne mit lediglich zwei fahrbaren Gerüsttürmen, die Felsklötze am Boden, selbst die Musik, die auf einem Ostinato von fünf Steinhauern aufbaut. Beim Einlass sind sie schon am Hämmern, Sägen, Klopfen, ein minimalistischer Soundteppich. Später kommt der Perkussionist Shahar Even Tzur hinzu, hämmert, trommelt, streicht über die Gerüstrohre, es ist ja unglaublich, was so ein unscheinbares Theaterpodest an Klängen hergeben kann!

Und da spricht nun Jeanne Moreau den Text von Flavius Josephus, den Kriegsbericht aus der Distanz der ambivalenten Position, der auch literarisch in beide Richtungen geht, zugleich nüchtern ist und sehr anschaulich, Gemälde und Chronik, und Fragen sowohl an die Römer als auch an die Juden aufwirft. In denen dann heutige Weltmachtansprüche und die unabgeschlossene kriegerische Gegenwart in Palästina iheren Widerhall finden.

Geschichte als Musik

Der französische Text mischt sich mit der Steinbruchmusik, mit der anfeuernden Polemik der jüdischen Rebellen, die unversehens auch arabisch sprechen, palästinensisch (Eric Elmosnino, Shreda Jabarin), der Sänger Menachem Lang singt sehr berührende melismenreiche jüdische Klagegesänge, den römischen Imperator Vespasian verkörpert der US-amerikanische Schauspieler Jerome Koenig, da bekommen Termini wie "Empire", "Army" gleich noch einen Beiklang – und was jetzt so blank beschrieben vielleicht nach ein bisschen too much tönt, ist am Ort durchaus nicht zu viel; auch musikalisch stimmig.

Die Gerüste werden zu römischen Kampfmaschinen, zur jüdischen Festung, bleiben natürlich immer der Steinbruch, sozusagen der Ort zum Schürfen an dieser Geschichte. Gitai arbeitet mit einem extremen Chiaroscuro, einer Hell-Dunkel-Dramaturgie (oder vielmehr Dunkel-Hell), die auch wieder beides leistet: konkret herausleuchten und im Dunkeln lassen; dem Blick keine eindeutige Richtung geben, den Wirrwarr nicht eilfertig ordnen.

Jeanne Moreaus Abgeklärtheit

Allein Jeanne Moreau als Erzählerin zu hören, würde die Reise lohnen (und einige werden sie ihretwegen unternehmen). Sie war, nebenbei, schon im allerersten Festival von Avignon präsent, 1947, als neunzehnjährige Jungschauspielerin an der Seite von Gérard Philipe. Heute ist sie "la vedette", aber es ist eben auch nicht untypisch für Avignon, dass das Festival bei aller Verjüngung die Tradition nicht aus dem Blick verliert. Und es ist schon faszinierend, mit welcher abgeklärten, aber alles andere als desinvolvierten Nüchternheit Jeanne Moreau den Geschichtsbuchtext durchdringt und durchlebt.

Gitai entwickelt aus dem Bericht ein sparsames Spiel, konzentriert, zeichenhaft, näher bei der Lesung als bei so etwas wie Son-et-lumière, und in der Kumulation der sparsamen Mittel verdichtet sich der Abend stetig; selten habe ich einen ganzen Abend lang ein so ruhiges, konzentriertes Publikum erlebt. Und inmitten von alldem Jeanne Moreau an ihrem Lesepult. Unbekümmert von Krieg und bitterem Frieden zeigten sich einzig die Grillen, die unbeirrt ihr provençalisches Nachtlied vor sich hin zirpten. Ob es in Masada auch Grillen gegeben hat?


La Guerre des fils de lumière contre les fils des ténèbres
nach der "Geschichte des Jüdischen Kriegs" von Flavius Josephus
Regie: Amos Gitai. Mit: Jeanne Moreau, Jerome Koenig, Gérard Benhamou, Eric Elmosnino, Shreda Jabarin, Mireille Perrier, Menachem Lang. Den Musikern Shahar Even Tzur, Tamar Capsouto, Yahel Doron, Alexeï Kotchetkov, und den "Tailleurs de pierre" Vincent Cabrol, Charles Fichaux, Xavier Loire, Cyril Romel, Patrick Turini.

www.festival-avignon.com


Mehr lesen? Wajdi Mouawad zeigte bei der von ihm kuratierten Edition 2009 des Festivals von Avignon im Papstpalast seinen Menschheitsgesang Le Sang des promesses.

 

Kritikenrundschau

Für die Frankfurter Allgemeine (10.7.) hat Joseph Hanimann den Aufgalopp des Festivals von Avignon beobachtet. Auf dem "Kampfplatz des Schilderns, wo Chronisten, Propagandisten, Phantasten miteinander wetteifern", habe das Festival in diesem Jahr seine Szene eröffnet. Und siehe da: "Die große Erzählung, die in den letzten Jahren auf dem Theater per Schnitttechnik entsorgt wurde, meldet sich fulminant zurück."
Amos Gitai etwa habe – mit Jeanne Moreau in der Hauptrolle – den Bericht des Historikers Flavius Josephus über den "Jüdischen Krieg" "als großes Lautgedicht" neu bearbeitet: "Gezeigt wird große Geschichte ohne Heldengesang. (…) Für die Zurückhaltung des in römischen Diensten stehenden Juden Flavius Josephus braucht der Regisseur Gitai keine kostümierten Krieger, keine Pappfestungen, Rammböcke und Theaterblutlachen. Mit Anklängen an die politische Aktualität lässt er Gesang und Geschichte in der kalten Luft der historischen Fakten aufeinandertreffen."
Die Figuren Wajdi Mouawads hingegen, die dieser in der elfstündigen Trilogie "Le Sang des promesses" zeige, sträuben sich laut Hanimann gegen historische Größe: "Sie wollen in ihren Einzelschicksalen bleiben." Doch immer weniger gelinge es ihnen "im Fortgang der Handlung, sich aus den großen Geschichtsverläufen herauszuhalten". Mouawad habe "als Autor wie als Regisseur ein Gespür für weite Erzählbögen und szenische Bildhaftigkeit. Die Zeitläufte springen federnd vor und zurück, tragische Unabwendbarkeit kippt in Slapstick-Beliebigkeit, technokratische und archaische Kulturwelten schaukeln elegant gegeneinander, Antigone und Klytämnestra kullern unerwartet aus Sprechblasen." Talentvoll habe er "die großen und kleinen Geschichten auf die Bühne zurückgeholt." Er laufe nur Gefahr, "sich von ihnen wegtragen zu lassen".

 

 
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