Vom Volkslied zum Sozialdrama

von Charles Linsmayer

Hofstetten/Brienz, 8. Juli 2009. Seit 1991 führt das Landschaftstheater Ballenberg an verschiedenen Spielorten innerhalb des gleichnamigen Freilichtmuseums oberhalb des Brienzersees im Berner Oberland Freilichtspiele mit Laien und in Brienzer Mundart durch. Adaptiert werden vorwiegend Stoffe von Schweizer Autoren (Keller, Gotthelf, Meyer, Inglin), und der Spielort erhielt seinen Rang und seine Popularität durch den Regisseur Louis Naef, der in den ersten vier Produktionen jenes Konzept eines naturnahen Landschaftstheaters entwickelte, dem sich auch die nachfolgenden Regisseure anschlossen.

Ein Lied als Ausgangspunkt
2009 steht nicht ein literarisches Werk, sondern ein anonym überliefertes Lied im Mittelpunkt des Ballenberger Landschaftstheaters: "S'Vreneli ab em Guggisberg", das wohl bekannteste Schweizer Volkslied überhaupt, das von einer unglücklichen Liebe zwischen einem Vreneli und einem Hansjoggeli erzählt und das mit der Magie seiner repetitiven Verse und mit seiner traurigen Melodie in früheren Jahrhunderten so sehr mit dem zu Depressionen führenden Schweizer Heimweh identifiziert wurde, dass sein Absingen bei den im Ausland stationierten Berner Regimentern bei Todesstrafe verboten war.

Anna statt Vreneli

Stefan Meier, der Regisseur und Arrangeur der diesjährigen Produktion, lässt aber die Liebesgeschichte von Vreneli und Hansjoggeli nur am Schluss ganz kurz aufklingen und fokussiert die Aufführung auf die dramaturgisch ergiebigere Vorgeschichte, wie Walther Kauer (1935-1987) sie 1986  in seinem letzten Roman "Gastlosen" erfunden hat.

Danach ist Vrenelis Mutter Anna um 1777 in der Gegend zwischen Bern und Fribourg Magd eines Berner Landvogts, der sie schwängert. Als sie nirgendwo Hilfe fand, tötet sie den adligen Bastard und findet mit ihrem Verlobten Ruedi, der als Deserteur gesucht wird, bei den Zigeunern im Rüschegg-Graben Aufnahme. Dort kommt Ruedis Tochter Vreneli zur Welt.

Bei einer Verfolgung durch Berner Dragoner fliehen die Zigeuner über die Grenze, während Anna mit dem Kind in der Ruchmühle unterkommt. Die Frau des Müllers nimmt Vreneli an Kindesstatt auf, als Anna nach dem Tod von Ruedi ins Wasser geht. 20 Jahre später lässt Hansjoggeli Vreneli sitzen, als er von einer alten Magd erfährt, dass die Verlobte die Tochter einer Kindsmörderin ist.

Ein Gesamtkunstwerk

Von der Zuschauertribüne aus blickt man rechts auf ein altes Steinhaus, das die Ruchmühle darstellt, während sich links auf einer Wiese am Waldrand das Lager der Zigeuner befindet und ganz oben im Hintergrund, in einem Hof, der Sitz der gnädigen Herren sichtbar ist.

Stefan Meier setzt die Geschichte auf eine Weise um, die mit wenigen, treffenden, pointierten Dialogen auskommt und das Geschehen wie eine bildgewordene Stilisierung des in regelmässigen Abständen vom Chor der Zigeunerinnen a capella gesungenen Guggisberg-Lieds erscheinen lässt. Die erschütternde Geschichte der unglücklichen jungen Frau wird so konsequent mit komödiantischen Elementen durchsetzt, dass das Unterhaltsame und das historisch Belehrende sich auf eine schöne Weise die Waage halten.

Die Stimmung des sich allmählich verdunkelnden Abends in den natürlichen, von Bühnenbildner Peter Aeschbacher geschickt verdeutlichten Kulissen spielt für die eindrückliche Wirkung der Aufführung dabei ebenso eine Rolle wie die vor Augen geführte bunte historische Szenerie mit wild romantischen Zigeunern, rot uniformierten, hoch zu Ross daherkommenden Berner Dragonern und barock herausgeputzten Adligen.

Imponierende Leistung starker Frauen

Das Ganze wirkt zwar choreographisch weniger exzessiv als in anderen Jahren, aber man ist doch auch diesmal wieder erstaunt über die Disziplin und die schauspielerische Leistung der 46 kleinen und grossen Mitwirkenden, von denen nur ein einziger eine Schauspielausbildung mitbringt. Obwohl ohne Verstärkung gesprochen und gesungen wird, geht kein Wort unter und wird die Geschichte auch von den Dialogen her plastisch und klar erzählt.

Dass dabei die Frauen einen stärkeren Eindruck hinterlassen als die Männer, gibt dem Theaterabend eine ungewöhnliche, modern wirkende Prägnanz. So ist Esther Feuz als Müllerin klar die dominierende Instanz im vielköpfigen Mühle-Haushalt und führt ihren Mann, den von Paul Eggenschwiler drollig gespielten Müller und Gerichtssässen, mit Lust, Bosheit und Berechnung am Gängelband herum.

Die stärkste Frau im Stück ist aber unbestreitbar Bettina Amacher als betrogene und ausgebeutete und doch nicht unterzukriegende Anna. Sie, und nicht Vreneli, ist die Hauptfigur des Abends, und die Szene, als sie vom Müller im Beisein des modisch herausgepützelten geckenhaften Amtsschreibers (Michael Schraner) über ihr Vorleben verhört wird und in kurzen Rückblenden ihre Karriere als zur Prostitution gezwungene Magd der gnädigen Herren von Bern nachgespielt wird, ist nicht nur thematisch und emotionell, sondern auch vom Schauspielerischen her unbestreitbar der Höhepunkt der Aufführung.

Immanente Sozialkritik

Anna und ihr Verlobter sind keine Zigeuner, sondern werden, als sie rebellieren und sich den Aussenseitern und Verfolgten anschliessen, von der Obrigkeit quasi dazu gemacht. So aber bekommen sie – und mit ihnen das Publikum –  einen ganz direkten, unmittelbaren Eindruck davon, auf was für eine zynische und opportunistische Weise die Staatsmacht und die herrschenden Kreise damals mit Minderheiten umsprangen. Ruedi wird als vermeintlicher Zigeuner erschossen, Anna käme, wenn sie sich nicht umbrächte, ins Arbeitshaus, ihr Kind trägt den Makel der Diskriminierung in die nächste Generation.

Ohne direkte Aktualisierungen ist "Vreneli ab em Guggisbärg" von da aus gesehen keineswegs eine sentimentale Hommage an ein populäres Volkslied, sondern eine brilliant inszenierte Parabel zum nach wir vor virulenten Thema Fremdenfeindlichkeit. Eine Parabel, die um so eindringlicher und provokanter daherkommt, als in dem Stück das Guggisberg-Lied nicht von den Berner Bauern, Bürgern und Adligen, sondern von den als landesfremd beschimpften Zigeunern gesungen und zum stimmungsmässigen Mittelpunkt des Abends gemacht wird.

 

Vreneli ab em Guggisbärg
Regie und Stück: Stefan Meier, Bühne: Peter Aeschbacher, Kostüme: Sarah Bachmann, Licht: Martin Brun.
Mit: Michael Schraner und 45 Laiendarsteller aus der Region Brienz.

www.landschaftstheater-ballenberg.ch

 

 

 
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