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Das verbotene Klicken der Fotoapparate

von Stefan Bläske

Epidauros, 10. Juli 2009. Wie langweilig eine Inszenierung auch sein mag, im antiken Theater von Epidauros verzeiht man alles – Helios und Dionysos sei dank. Der über zweitausend Jahre alte Spiel- und Schauplatz weckt wie sonst wohl nur wenige Orte ein schauderndes Gänsehautgefühl für die Tradition unseres Theaters, unserer Kultur, für ihre Eigentümlichkeit, Nichtigkeit und Schönheit gleichermaßen. Unzählig sind die Tragödien, die sich hier abgespielt haben.

Scheinbar unbeeindruckt davon lacht Sonnengott Helios hier jeden Tag auf's Neue, bringt staubige Touristen zum Schwitzen und tränkt die Steinstufen so sehr mit Wärme, dass Theaterbesucher noch spät in der Nacht eine komfortable Sitzheizung genießen. Über den olivenbaumbewachsenen Hügelketten wird das Naturschauspiel Sonnenuntergang zum Prolog für das Schauspiel auf der Bühne, für der Menschen Untergang.

Keine Linderung der Liebeswut
Diesmal trifft es Helios' Enkelin: Phädra, "die Strahlende". Königlich mutet es an, wenn Helen Mirren, die oscargekrönte Schauspiel-Queen, diese attische Herrschergattin gibt, in einer Inszenierung von Nicholas Hytner, dem Leiter des National Theatre of Great Britain, und einer Übersetzung von Ted Hughes, der bis zu seinem Tod im Jahr 1998 lorbeerbekränzter Hofdichter der echten Elisabeth II. gewesen ist, "poeta laureatus".

Hughes übersetzte Racines poetisch-fließende Alexandriner in ungereimtes, klares und kraftvolles Englisch, das die Handlungen und Schicksalsschläge unerbittlich vorantreibt. Als die Nachricht von Theseus', ihres Gatten Tod eintrifft, wagt Phädra, ihrem Stiefsohn Hippolytos ihr lange qualvoll unterdrücktes Begehren zu gestehen. Doch schafft dies keine Linderung der Liebeswut, stattdessen führen Hippolytos entsetzte Reaktion und die Rückkehr seines totgeglaubten Vaters zur Katastrophe. Um Phädras Ehre und Leben zu retten, klagt ihre Amme den unschuldig-hübschen Hippolytos (Dominic Cooper) des blutschänderischen Verhaltens an, der tosende Theseus (Stanley Townsend) verstößt und verflucht seinen Sohn. Hippolytos stirbt, Amme und Phädra begehen Selbstmord.

Passender Pilot für NT-Live
Der Abend steckt voller Pathos und geht doch recht undramatisch an einem vorüber. Auf dem sandigen Rund der Orchestra laufen die Darsteller gefühlsgetrieben und doch unmotiviert hin und her, meist um den Mittelpunkt, die Thymele herum, fallen auf die Knie und strecken jammernd ihre Arme aus; dauert ein Bericht oder ein Geständnis länger, setzt sich das Gegenüber auf einen der rumstehenden Stühle; wurde jemand zu stark aufgewühlt, wäscht er sich Hände oder Gesicht in einer Wasserschale. Mehr ist da nicht.

Zu wenig für Epidauros, wo man kreativeren Umgang mit antiken Stoffen gewohnt ist, und wo das Schauspiel dem enormen Ort und seinen 7.000 Zuschauern angepasst gehört. Was nützt Mirrens Mimik, ihre phantastische Schauspielkunst, wenn für die Mehrzahl der Zuschauer ihr Gesicht schlicht nicht sichtbar ist?

Wie anders das Broadcasting vor zwei Wochen, eine Übertragung live und in High Definition aus dem National Theatre in über 60 Kinos. Im filmischen Close-up wusste Mirren zu begeistern, Hynes Inszenierung mit den Filmstars war ein passender Pilot für NT-live, eine neue Reihe von Theater-Übertragungen ins Kino. Im Vergleich wird deutlich, wie sehr die heutigen Massenmedien andere Inszenierungs- und Spielweisen erfordern als die antiken – ganz gleich etwa, wie gut die Akustik im antiken Theater gewesen ist.

Wie harmlos wirkt so ein Menschenschicksal
Man hört die Münze noch in der letzten Reihe fallen, ja. Und man versteht auch jedes Wort der angestrengt artikulierenden Schauspieler. Aber irgendwie ist es dann doch schöner, dem Grillenzirpen zu lauschen, dem verbotenen Klicken der Photoapparate, einem Lachen oder Raunen, das durch die Reihen geht, und besonders – und nach der Vorstellung – dem Menschenmassenmurmeln.

Die geschwungene Bühnenrückwand, die an Richard Serras "Berlin Curves" erinnert, an eine rauhe und oxidierte Stahlskulptur, spiegelt andeutungsweise die Zuschauertribüne, nimmt den Platz der Skene ein, bildet einen wohlgeformten Abschluss der runden Orchestra und öffnet den Blick in den sternübersäten Himmel. Wie klein, wie harmlos wirkt ein Menschenschicksal vor dieser Kulisse. Welch fantastischer Ort also gerade für Theater, das das Menschenleiden ach so ernst und tragisch überhöht.

Dass die texttreue und eher altmodische "Phèdre" in diesem Setting nicht zu überzeugen vermochte, zwar schlicht war, aber wenig ergreifend, lässt sich indes nicht als Argument gegen, sondern gerade für die Linie des Festivalmachers Yorgos Loukos lesen. Seit drei Jahren leitet er das Athens & Epidauros Festival und hat es, gegen zahlreiche Widerstände, zu öffnen verstanden – international wie ästhetisch.

Ehemals ausschließlich auf griechische Produktionen antiker Stoffe fixiert, bewegt sich das Festival nun irgendwo zwischen Avignon und Wiener Festwochen, mit Inszenierungen von Romeo Castellucci, Guy Cassiers, Michael Thalheimer, Alain Platel – gibt sich dem Festspielzirkus glücklicher Weise aber doch nur soweit hin, dass es seine griechischen Wurzeln und Besonderheiten bewahrt. Spielorte wie das Theater in Epidauros tragen ihren Teil dazu bei.

 

Phèdre
von Jean Racine
in englischer Übersetzung von Ted Hughes
Regie: Nicholas Hytner, Austattung: Bob Crowley, Licht Design: Paule Constable, Sound Design/ Musik: Adam Cork, Company Voice Work: Kate Godfrey. Mit: Dominic Cooper, Chipo Chung, Giorgos Liakopoulos, Helen Mirren, Wendy Morgan, Ruth Negga, John Shrapnel, Stanley Townsend, Margaret Tyzack. (Premiere im Antiken Theater von Epidauros, 10. Juli 2009)

www.nationaltheatre.org.uk

www.greekfestival.gr

 

Mehr lesen? 2008 brachte Thomas Ostermeier seine Inszenierung von Shakespeares Hamlet mit Lars Eidinger in der Titelrolle in Athen als Koproduktion mit dem Epidauros-Festival heraus.

 

Kritikenrundschau

Hartmut Krug schreibt auf der Webseite des Deutschlandfunkes (12.7.): Ted Hughes habe die "tödliche Tragödie" in ein Alltagsenglisch mit flachen Metaphern übersetzt. Und die Inszenierung schwanke zwischen "hohem Pathos und Alltagston", orientiere sich dabei "stets an der direktesten Wirkung". - "Zerrissen von Leidenschaft und Scham, leidend und liebend, wirft sich Phädra in den Sand der offenen Bühne. Einen fließenden Schleier über langem goldblonden Haar und purpur prunkendem Gewand, gibt sich die Schauspielerin Helen Mirren bei Phädras mitleidheischender innerer Konfliktsituation ganz dem äußerlichen theatralen Effekt hin …". Was Nicholas Hytners an dem Stück interessiert habe, bleibe undeutlich. Die Inszenierung mit den Filmstars Helen Mirren und Dominic Cooper gebe die "große Tragödie als Sprech- und Stehtheater". Die hohlen Pathostöne, vor denen schon Schiller angesichts dieser Tragödie gewarnt hatte, und große Gesten bestimmten, sagt Hartmut Krug, das Spiel von Helen Mirren. "Die Schauspielerin hebt die Hände gen Himmel, legt den Kopf in die Hand und stützt beides auf den anderen Ellenbogen, ihre Phädra wird in jeder Szene von gestisch überdeutlicher Bedeutung bestimmt." Die Darstellerin der Arikia flattere mit "ausgebreiteten Armen im weißen Unschuldskleid umher", Dominic Cooper als Hippolytos stelle "sich selbst im Unterhemd aus", und der Darsteller des Theseus dröhne mit der "gesamten Palette abgenutzten Repräsentationstheaters durch das Stück".

Der britischen Schauspielerin Helen Mirren, "deren Aura aus Disziplin, Leidenschaft und Zurückhaltung zuletzt ihrer Rolle der 'Queen' zugute kam", traue man zu, die Sehnsucht nach einer Größe, die über die Gegenwart hinausgeht, mit Wahrhaftigkeit zu verbinden, schreibt Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (16.7.). "Vor diesem Horizont der Erwartungen wirkt Jean Racines 'Phèdre' enttäuschend museal und hölzern". Als ob der Regisseur Nicholas Hytner versucht hätte, mit Racines Text zugleich das deklamatorische Gestenrepertoire der Klassik wieder zu rekonstruieren, werden Arme zum Himmel erhoben, Handflächen geöffnet, Kniefälle geübt. Mit Dominic Cooper, der den von Liebe verfolgten und bald auch aus Eifersucht verratenen Hippolytus spielt, stünde zwar ein zweiter Filmstar im antiken Rund. "Doch er zeigt neben wohl definierten Muskeln eine Schlichtheit des Gemüts, die schon unfreiwillig komisch wirkt."

"Dem einen oder anderen ist das gewiss zu viel des Guten, will sagen: zu viel der mimischen wie gestischen Mittel, und vor allem: zu viel des Ausdrucks", schreibt Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (16.7.). Doch überlässt man sich dem antik-heroischen Espressivo, wirkt Mirrens Agieren wie eine Droge: "Man verfällt ihr, in jeder Sekunde. Man tut es, weil Mirren vom sinistren, düsteren Sinnieren, das sie immer wieder überfallt wie eine dunkle Wolke, die sich vor ihre sonnige Utopie schiebt, ohne Vorankündigung in eine niederschmetternde Hysterie verfällt." Helen Mirren habe alle Facetten, die nötig sind, um den Melos und den Rhythmus des Originals zu wahren. Virtuos wandelt sie zwischen den Tonlagen, Tonarten, Tonfällen, Tongebungen. "Das besitzt etwas Einflüsterndes, das besitzt aber auch etwas Krankhaftes, mithin jene Mixtur, die diese Phädra für den Zuschauer gleichzeitig abstoßend und so faszinierend lieblich macht." Den größten Moment aber spare sich Mirren für die letzte Szene auf. Wie ein "Geist aus einer Gruft" erscheine sie, schon geschwächt vom todbringenden Gift, "ihre Sätze sind nurmehr Fragmente, verstümmelt wie ihre Seele, verstümmelt wie der Körper des Hyppolit, der dort liegt als Torso. Kaum je hat man auf dem Theater einen zerstörteren Menschen gesehen."