Vom Glück des Obersts, einen Zug zu berühren

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 16. Juli 2009. Sie sehen grauenhaft folkloristisch kostümiert aus, sitzen reglos da und warten aufs Zeichen des Regisseurs. Auf dessen Kommando kommt plötzlich Leben in die Szene – ein paar Schauspieler markieren unter dem Motto "Willkommen auf dem Balkan" eine "Zigeunerhochzeit". Geheuchelte balkanische Lebensfreude auf Abruf. Der Regisseur mäkelt herum, die Schauspieler sind sauer. Niemand hat Lust auf blöde Folklore-Klischees. Man probiert mehrfach, es endet im Zoff. Knapp bevor sich alle gegenseitig verprügeln, bricht der Regisseur ab und verordnet eine Pause.

Mit diesem Intro gibt der rumänische Beitrag des Festivals Orient-Express gleich eine klare Ansage ans Publikum: Vergesst die herzallerliebste Reiseführer-Lyrik über uns! Und wenn es beim südosteuropäischen Treffen im Stuttgarter Hafen jetzt schon ein Zwischenergebnis gibt, dann dies: Theater sprengt Grenzen, kippt Vorurteile und weitet den Blick. Mehr noch: Theater aus den Balkanländern spiegelt uns oft deutlich, wie flüchtig, aufgeblasen und luxuriös manche unserer Bühnenkrisen und -debatten sind – angesichts dringender, real existierender Probleme in Südosteuropa.

Modulares Theater

Die Rumänen präsentieren auf dem Orient-Express nun eigenwilligerweise einen "Occident Express" – der "Zug" nach Westen ist ihr Thema. Der Autor Matéi Vişniec, der seit 1987 in Frankreich lebt und auch hierzulande mit der "Geschichte von den Pandabären" bekannt ist, hat zudem ein Faible fürs Absurde – Ionesco schimmert immer ein bisschen durch. So auch im "Occident Express", einem Stück, das modular gebaut ist, sprich: der Regisseur hat einen Baukasten von Szenen, die er beliebig anordnen, umstellen oder weglassen kann. Genauso macht das auch Regisseur Alexandru Boureanu, der mit Szene 4 des Originals beginnt und einzelne Module streicht, in denen Vişniec denn doch zu plakativ mit West-Ost-Stereotypen jongliert.

Die Raffung tut dem Ganzen gut. Die modulare Szenen-Folge – das Ensemble des rumänischen Nationaltheaters "Marin Sorescu" aus Craiova agiert ansteckend spielfreudig aus dem Waggon heraus – gibt groteske Einblicke in die geschichtsträchtigen Abgründe der rumänischen Gegenwart. Da taucht ein mittlerweile in Paris lebender, offenbar geschäftstüchtiger Sohn bei seinem verarmten Vater in Rumänien auf, heuchelt enorme Wiedersehensfreude und will doch bloß den Alten abzocken. Der soll gefälligst seine Erfahrungen als Spitzel des Ceauşescu-Regimes zu Papier bringen, und dieses Bekenner-Buch, glaubt der Sohn, werde großen Erfolg haben – so lässt sich auch die dunkelste Vergangenheit noch skrupellos zu Kohle machen. In Boureanus Regie lässt dieser Sohn auch gleich einen Geldsammelhut durchs Publikum kreisen.

Vielsagende Verrücktheiten

Oder ein blinder Oberst erscheint, gebrochen nach 15 Jahren Gefangenschaft in Sibirien: Er will in seinem Leben nur noch eins – den Orient-Express berühren. Doch der donnert durch, und so kann der Blinde den Reisenden nur gutgemeinte Tipps zurufen, die niemand hört: "Glaubt keinem Kommunisten! Vorsicht mit der Demokratie!" Weil der Zug nie halten wird, tun Freunde des Mannes aus Mitleid einfach so, als ob. Sie imitieren Zug-Geräusche mit einem Ventilator, lassen den Blinden eine herbeigetragene Zugtür betatschen und sorgen mit Aroma-Stoffen dafür, dass er meint, den Duft der prächtigen Pullman-Waggons zu schnuppern. Eine starke Szene: Manchmal kann eine Lüge unendlich viel Glück verbreiten. Der Blinde jubelt: "Ich habe den Orient-Express berührt!"

Was sonst noch alles Revue passiert: lauter kleine, vielsagende Verrücktheiten. Ein Paar, das sich nach langer Fahrt im gelobten Westen wähnt und dabei nur versehentlich in Albanien gelandet ist. Und ein kantiger Senior, der nach langen Jahren Unterdrückung sich endlich die Freiheit nehmen darf, auf Grenzen zu pinkeln – 17 hat er schon nass gemacht, filmisch dokumentiert von seiner Tochter; auch kein leichter Job, denn es kommen stets neue dazu.

"Wir blicken nach Westen!"

Boureanu erzählt Vişniecs Geschichten über rumänische Befindlichkeiten im neuen Europa als lockere Szenen-Revue mit einer gewissen Leichtigkeit – quasi-improvisatorisch, teils in Straßentheater-Manier, meist in poetischer Schwebe. Nie larmoyant, dafür häufig in berührender, tief lotender, bizarrer Tragikomik. Am Ende sitzen alle an der Wagenrampe – und heben an zu einem selbstkritischen südosteuropäischen Epilog, bei dem die rumänischen Schauspieler auch für Ungarn, Bulgaren, Serben, Kroaten und andere sprechen: "Wir blicken nie den anderen an. Wir blicken nur nach Westen. Wir haben eine gemeinsame Sprache." Und die heißt: "Bye-bye. See you."

Apropos Straßentheater, nach dem Applaus gibt es noch eine ungelöste Frage ins Publikum: "Wo ist der Hut?"

 

Occident Express
von Matéi Vişniec.
Regie: Alexandru Boureanu, Bühne: Adrian Damian.
Mit: Geni Macsim, Adela Minae, Raluca Pãun, Dragoş Mãceşanu, Ştefan Mirea, Marian Politic, Alexandru Boureanu.

Teatrul National "Marin Sorescu" Craiova
Orient Express Blog
www.staatstheater.stuttgart.de/orientexpress

 

Mehr Nachtkritiken zum Orient Express? Hier geht's zur Eröffnung mit 80 Tage, 80 Nächte und hier zum kroatischen Beitrag Sieben Tage in Zagreb.

 

Kritikenrundschau

Matéi Visniec' Stück "Occident Express", mit dem sich das rumänische Nationaltheater "Marin Sorescu" aus Craiova beim Stuttgarter Festival Orient Express vorstellte, mache "in einem kirmesartigen Panoptikum voller tragischen Ernsts deutlich: Die Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit ist so groß wie Europa", schreibt Petra Bail in der Eßlinger Zeitung (20.7.). Regisseur Alexandru Bourneanu habe aus dem absurden Szenenreigen "einen Bilderbogen voll mystischer Sinnlichkeit aufgefächert: Parodien in farbigem Pathos. Details und Bruchstücke von Menschen, ihrem Alltag und den vergangenen Werten werden stark über die Körpersprache transportiert."

 

 
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