Trolle, Schweinemenschen und ein silberner Elefant

von Georg Kasch

Wunsiedel, 17. Juli 2009. Was hat dieser Peer eigentlich falsch gemacht? Wie er so über die felsige, waldige Naturkulisse der Luisenburgfestspiele Wunsiedel jagt, engergiegeladen, kraftvoll, blond, mit wildem Übermut, er dann in sich hineinlauscht und dort eine fantastische Geschichte findet, wie er sich damit trotzig zu behaupten versucht, scheitert und trotzdem die Frauen immer wieder fesselt, fasziniert er als ein wankelmütiger, aber allemal interessanter Sympath, dem hin und wieder die bürgerlichen Sicherungen durchbrennen.

Zweieinhalb Stunden lang füllt Sebastian Semms kraftvoller Träumer und sensibler angry young man die riesige Naturbühne, und lange wünscht man dem Flausenkopp mit Hang zum Hochmut aus ganz uneigennützigen Gründen ein schnelles Glück in Solveigs Schoß und nicht nur, weil man nicht mehr sitzen kann. Damit hat Christian Nickels Inszenierung von Henrik Ibsens "Peer Gynt", die vierte und letzte Wunsiedel-Premiere der Saison (nach Michel aus Lönneberga, Der Brandner Kaspar und Mutter Courage), schon mal eine Grundvoraussetzung des Volkstheaters erfüllt: die Identifikationsmöglichkeit.

Brecht-Gardine im Freilichttheater

Und auch sonst lässt er wirkungsvolle Geschütze auffahren, um die nicht eben unkomplizierte Geschichte um den Brauträuber, Liebenden, Sklavenhändler, Egoisten und Scheiternden, mit dem Ibsen 1867 seinen Landsleuten den Spiegel vorhielt, bildreich und handfest in Szene zu setzen. Der Schmied Aslak schwingt seinen Vorschlaghammer und drischt auf alles ein, um seine Kraft zu demonstrieren, die Trolle, Schweinemenschen mit überdimensionalen Geschlechtsteilen, rülpsen und schmatzen auf der lilanen Szene vor sich hin, dass es eine Freude ist, die Wüste (ausgerechnet da regnet es, aber Freilichttheater hat eben seine eigenen Gesetze) markiert Bühnenbilner Peter Engel mit einer riesigen Stoffkarte von Afrika, als Brecht-Gardine eine Reverenz an den anti-naturalistischen Geist des Stücks.

Auch nutzt Nickel die Landschaftskulisse als Simultanbühne, um die wartende  (und ergreifend das von Edvard Grieg maßgeschneiderte Lied singende) Solveig wiederholt ins Spiel zu bringen. Auch Kabarett und Karneval gehören zum Volkstheater, aber hier läuft Nickel die Geschichte etwas aus dem Ruder. Witzig ist er ja, der silberne Elefant, der zunächst den den Propheten Gynt hereinträgt und später, bereits zweigeteilt in die Jungs unter der Hülle, maulend abzieht.

Gedankenmassiv ohne Wanderkarte

Aber braucht's den Affen, der über die Bühne turnt? Wozu die Diskokugel in der Halle des Bergkönigs? Und die Nationalkarikaturen der vier falschen Freunde in der Wüste schillern schlecht verständlich nur um ihrer selbst willen als ein mit Szenenapplaus bedachtes Aperçu, das für die Handlung nicht weiter wichtig ist – ihr Raub und ihre missglückte Flucht sind gestrichen.

So ist Nickels wild-bunter Bilderbogen immer in Gefahr, Textkenntnislose links liegen zu lassen. Das rächt sich gegen Ende, wenn der so oft unterhaltsamen Inszenierung die Puste ausgeht. Da hilft es wenig, wenn bei Peers Zwiebelmonolog der scharfe Geruch des zerpellten Gemüses als weiteres sinnliches Moment ins Parkett vordringt – die moralischen Apelle von Pastor und Knopfgießer, vom mephistopehlischen Mageren und dem heruntergekommenen Trollkönig überfrachten die letzten zwanzig Minuten mit grauem Gedankenmassiv ohne Wanderkarte.

Grieg und rauschende Oberfränkische Wälder

Kein Wunder, wenn die Zuschauer hier aussteigen, die vorher dem Semm'schen Gynt so gebannt folgten. Dass Peers (moralische) Mittelmäßigkeit ein Problem war, lässt sich auch schneller erzählen. In Anbetracht des Stuhls, der sich dann doch erstaunlich hart in den Rücken frisst, wird schnell egal, ob Peers Problem irgendetwas mit einem selbst zu tun hat: Man wünscht sich, er möge endlich im Schoß der blinden Solveig zusammenbrechen, die hier als unvergängliches Wunschbild nicht gealtert ist.

Dass der Abend zuvor gute zwei Stunden lang fesselte, ist neben dem beeindruckenden Semm Caroline Hetényis zurückhaltend-präsenter Solveig zu verdanken, die Innigkeit nie mit Sentimentalsirup verwechselt. Auch die Nebenrollen sind teils bemerkenswert besetzt, Master Cotton, Dr. Begriffenfeldt und der Pastor etwa, in die sich Gerd Lohmeyer virtuos und mit punktgenauer Komik verwandelt. Griegs Musik besorgt gesummt, gesungen und als emotionsgeladener Orchestergroßklang den Soundtrack, dazu rauschen die nordisch-oberfränkischen Wälder.

 

Peer Gynt
von Henrik Ibsen, übersetzt von Christian Morgenstern
Regie: Christian Nickel, Bühne: Peter Engel, Kostüme: Anja Müller, Musik: Edvard Grieg. Mit: Bastian Semm, Caroline Hetényi, Barbara Macheiner, Ina Meling, Christine Nonnast, Uschi Reifenberger, Adolf Adam, Jan H. Amke, Michael Boettge, Peter Kaghanovitch, Gerd Lohmeyer, Holger Matthias Wilhelm, Günther Ziegler, uva.

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Mehr lesen? Bei den Luisenburg Festspielen in Wunsiedel spielte in diesem Jahr Rosel Zech Bert Brechts Mutter Courage.

Kritikenrundschau

Eva Maria Fischer von der Süddeutschen Zeitung (24.7.) sieht bei den Luisenburg-Festspielen in Wunsiedel eine Gesamt-Dramaturgie am Werk: in den gezeigten Stücken seien alle Titelfiguren "Aufbegehrende; sie spreizen sich gegen Konventionen, kämpfen gegen überkommene Moralvorstellungen, sind Grenzgänger der Gesellschaft." Christian Nickel bändige beim "Peer Gynt" "durch kluge Striche die überbordende Fülle des Stoffes und unterstreicht dessen epischen Grundcharakter, indem er die immer phantastischer anmutenden Schauplätze revuehaft vorführt." Dennoch bleibe "seine Inszenierung stets auf dem Punkt, wird die immense Spielfreude der Darsteller ästhetisch veredelt". Besonders überzeuge "Bastian Semm in der Titelrolle, der mit dem diesjährigen Rosenthal-Nachwuchs-Preis ausgezeichnet wurde".

 

 
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