Die Ziegen an der Abendkasse

von Matthias Weigel

Giebelstadt, 18. Juli 2009. Wer mal wieder etwas wirklich "dramaddisches" erleben will, der mache sich auf den Weg nach Giebelstadt. Am besten dann, wenn auf dem Niederschlagsradar viele dunkle Flecken in Richtung Unterfranken wabern. Denn dort toben nun schon im dreißigsten Jahr die Florian-Geyer-Freilichtspiele auf der Ruine des Florian-Geyer-Schlosses in der Florian-Geyer-Straße unter freiem Himmel. Und wenn ab der ersten Minute der Regen für die kommenden zweieinhalb Stunden gleichermaßen auf Publikum wie Darsteller herunterprasselt, erhält die fränkische Begrüßung "in den heillosen Wirren des Bauerngrieges im dramaddischen Jahr 1525" (über die harten Konsonanten ist in dieser Gegend bis heute die Reichsacht verhängt) eine neue Bedeutung.

Schönster Held der Bauernkriege

Bemerkenswertes trägt sich in der 5000-Seelen-Gemeinde Giebelstadt Jahr für Jahr zu: Einwohner opfern ihren Jahresurlaub, die umliegenden Bauern führen Schafe, Hasen, Pferde und Kühe zur Schlossruine (wenn man an der Freilicht-Abendkasse beim Abholen der Karten angeblökt wird, kann man in diesem Fall rechtmäßig von Ziegen sprechen). Überhaupt scheint in allen Giebelstädtern ein bisschen Florian Geyer zu stecken, denn sie arbeiten hier "nebenberuflich" als Organisatoren und Darsteller. IT-Techniker Oliver Tell beispielsweise hat sich vom jugendlichen Statisten über einen Sprechrollen-Bauern inzwischen bis zur Titelrolle hochgearbeitet.

Schließlich ist dieser Ritter auch ihr Lokalheld: Von seinem Schloss aus führte er zur Zeit der Reformation die Bauern in den – vergeblichen – Aufstand gegen Adel und Klerus, überwarf sich also im Kampf für Gerechtigkeit mit Seinesgleichen und gab sein Vermögen für die Aufstellung eines kleinen Heeres aus. Dieses Heldenmotiv wurde nicht nur sowohl im Dritten Reich wie auch in der DDR missbraucht, sondern bildet auch die Grundlage für literarische und dramatische Bearbeitungen, wie in Gerhart Hauptmanns "Florian Geyer", worauf teilweise auch die Giebelstädter Aufführung basiert.

Was das Volk hervorbringt

Der ehemalige Chefdramaturg des Würzburger Stadttheaters Renier Baaken schrieb nicht nur eine eigene Fassung der Geschichte zusammen, sondern zeichnet auch für die Inszenierung verantwortlich. Und was er vollbracht hat, ist durchwegs erstaunlich. Die fast 100 (!) Darsteller legen ein perfektes Timing hin (obwohl es schon eine Leistung ist, nicht andauernd im Schlamm auszurutschen), gerade die Massenchoreographien leben von der beeindruckenden Disziplin und Genauigkeit. Es werden meterlange Kanonen von Pferden durchgeschleppt, ein prachtvolles Gespann zieht die adelige Kutsche, während die Bauern ihren Ochsen vorantreiben; da wird geklotzt und nicht gekleckert. Solch opulente Bilder verfehlen ihre Wirkung nicht, bleiben vor allem auch nie länger stehen als nötig.

Längere Dialogpassagen von nicht ausgebildeten Schauspielern werden ja erfahrungsgemäß nur zu oft zur Wohlwollens- und Geduldsprobe des Publikums, nicht jedoch hier. Baaken inszeniert stets viele kleine, pointierte Nebengeschichten, die einen auffangen und weitertragen: Wie den liebenswerten Trottel, der es nie lassen kann, an seinem Brotlaib zu knabbern, auch wenn er gerade den Bösewicht Ritter von Grumbach höchstpersönlich mit seiner Sense in Schach halten muss. Oder der tattrige Greis, der sich bei Fuchs- wie Frauenjagd permanent überschätzt.

Haltung, Handwerk, gutes Timing

Überhaupt sorgen viele sauber herausgearbeitete Typen wie Verrückte, Geldgierige, Gefräßige, Gaukler oder Feiglinge für zündende Witze wie auch einen gewissen Überblick über die Horden an Bauern, Nonnen, Adeligen und Leibwächtern. Bevor all das Spektakel in eine Rentner-Jubelshow entgleist, schneidet immer wieder jäh die drastische Brutalität der Herrschenden ein. Doch genauso wie die Adeligen ihre Untergebenen verstümmeln, vergewaltigen die Bauern die Fürstentöchter, kaum gewinnen sie einmal die Übermacht.

Dass bei den Akteuren kein Moment der Unsicherheit zu spüren ist, muss entweder am bedingungslosen Einsatz der Giebelstädter für "ihre" Freilichtspiele liegen, oder aber Baaken weißt ein enormes theaterpädagogisches Talent auf. Wer auf der Bühne steht, weiß zu jeder Zeit genau warum, und mit welcher Haltung. Und so bleiben die Florian-Geyer-Festspiele kein hohles Spektakel, sondern bieten handwerklich sauber gearbeitetes Theater. Und wer es noch schafft, den Glücksfall eines Dauerregens abzupassen, erlebt nicht nur eine leidenschaftlich-dramaddische Zuspitzung des Ganzen, sondern auch, dass Pausen-Glühwein auch Mitte Juli schmecken kann.


Florian Geyer - Der Rebell
In einer Fassung von Renier Baaken
Künstlerische Leitung: Renier Baaken, Kostüme: Josef Gruß, Kampfchoreographien: Ria Beinhölzl, Uwe Beinhölzl.
Mit: Leo Reuß, Ludwig Lesch, Stefan Ebert, Tobias Klenk, Bernhard Rappert, Ria Beinhölzl, Uwe Beinhölzl, Oliver Tell, Steffen Jung, Mike Schlör, Norbert Kunz, Herbert Hausmann, Volker Kleinfeld, Rita Schlör, Maria Barthel, Diethelm Richter, Fred Sahlmüller, Volker Schmitz, Helmut Baumann, Willi Gruber, Benjamin Rösch, Christiane Brust, Carmen Wallenda, Lara Winkler, Georg Lunz, Hanjo Golinski, Erika Auerochs, Diana Hufnagel, Annette Ratschmeier, Valentin Gross, Felix Osadca, Birgit Lesch, Kurt Wurm, Klaus Ratschmeier, Christian Grimm, Ludwig Schirmer, Christian Bauer, Sebastian Spahn, Lilian Motschiedler, Renate Scheuermann, Michael Grimm, Evi Zobel, Doris Gröschl, Stanley Thomas, Herbert Veeh, Ernst Haag, Annika Billich, Dan Willis, Ulrike Englert, Jochen Kaiser, Michaela Reif-Schnaidt, Fabian Schnaidt, Manfred Gröschl, Alfred Kudler, Frank Osadca, Christian Schäffner, Florian Rietz, Andreas Gross, Lamin Bouteraa, Erika Auerochs, Irene Elsäßer, Lilian Motschiedler, Annette Ratschmeier, Margarethe Schlombs, Evi Zobel, Annika Billich, Sabine Elsäßer, Franziska Jung, Victoria Jung, Rosi Lesch, Annette Ratschmeier, Stephanie Wurm, Erika Auerochs, Lilian Motschiedler, Evi Zobel, Marius Endres, Yvonne Göbel, Alexandra Haag, Tobias Klenk, Regina Kneuer, Saskia Neige, Sylvia Neige, Benjamin Roesch, Maximilian Steiger, Lena Wilhelm, Rainer Burkard, Yvonne Göbel, Bianca Haupt, Regina Kneuer, Bianca Reuß, Sabine Schnurrer, Irene Konrad, Helmut Konrad, uvm.

www.florian-geyer-spiele.de

 

 
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