7. August 2008. Heftig umstritten ist Daniel Kehlmanns Salzburger Rede über bzw. gegen das Regietheater. Uns verhieß Kehlmann wenig Gutes.

Hat er etwa recht?

DIE REDE

Zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2009 hält Daniel Kehlmann am 26. Juli eine Rede über bzw. gegen das Regietheater.

DIE DEBATTE – 1. TEIL

Tags darauf berichtet Stefan Bläske für nachtkritik.de (27.7.) über das, was Kehlmann gesagt hat und fragt sich: "Was interessieren solche Aussagen bei der Eröffnung eines Theaterfestivals? Und was bedeuten sie? Für das Theater jedenfalls nichts Gutes. Denn bürgerliches Theater wie Kehlmann es begreift und fordert ist eines, das in ganz besonderem Maße von Konventionen und Gewohnheiten eingeschnürt ist."

"Niemand murrte, niemand buhte, alles applaudierte, manche frenetisch," schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (27.7.) "Diese Rede ist ein Musterbild dumpf-reaktionären Denkens, ressentimentgeladen und argumentfrei zugleich. Sie wirkt in ihrem Bemühen, die Welt wieder zurechtzurücken, die Dinge wieder in ihre natürliche Ordnung zu bringen, herrlich harmlos, und doch laufen einem, wenn man genau hinhört, kalte Schauer den Rücken herunter. (...) Kurz nachdem Daniel Kehlmann seine Rede gehalten hatte, hielt die Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler im Museum der Moderne, droben auf dem Mönchsberg, ihrerseits eine Eröffnungsrede, und zwar vor dem Österreichischen Industriellenverband. Sie schimpfte auf die Herren Mortier und Kusej, ehemals Intendant und Schauspielchef in Salzburg, die nun, je ferner sie Salzburg seien, immer mehr meinen, auf Salzburg schimpfen zu müssen. "Sie scheinen ja großes Heimweh zu haben", sagte sie. Dass es noch andere Gründe geben könnte, auf Salzburg zu schimpfen, schlechte, langweilige Kunst etwa, kam ihr nicht in den Sinn."

Für Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (27.7.) ist Kehlmanns Rede "auf unangenehme Weise von Ranküne statt von Sachverstand und eigener Erfahrung getragen. Kehlmann, TV-Freund der 'intelligentesten amerikanischen Serien', geht offenbar nicht ins (deutschsprachige) Theater, nimmt dieses nur 'als fernen Lärm' wahr. Weshalb er auch keine Beispiele nennt und sich auf die vage Zeugenschaft ausländischer Theaterbesucher beruft: 'Was das denn solle, fragen sie, was denn hier los sei, warum das denn auf den Bühnen alles immer so ähnlich aussehe, ständig Videowände und Spaghettiessen, warum sei immer irgendwer mit irgendwas beschmiert, wozu all das Gezucke und routiniert hysterische Geschrei?' (...) Der gekränkte Sohn als Rächer und Haudrauf. Die (tödliche) Macht, die Kehlmann dem Theaterbetrieb letzten Endes zuschreibt - sie hält sich doch sehr in den Grenzen einer schriftstellerischen Phantasie."

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (27.7.) druckt die Rede kommentarlos als Feuilletonaufmacher ab. Dokumentation oder Affirmation, das ist hier die Frage. Anlässlich des Todes von Peter Zadek nimmt Gerhard Stadelmaier dann aber in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (31.7.), ohne den Namen Kehlmann zu erwähnen, Bezug auf die Debatte um das Regietheater: "In einer Zeit, in der die jüngeren marktbeherrschenden, längst konventionell und gängig gewordenen dumpf-progressiven Regisseure nie von sich absehen und sich auch auf der Bühne exakt mit dem beschmieren, beschreien, beschallen und bekleckern, was ihnen völlig werk-, text- und figurenunabhängig privatlebensmäßig so durch die Rüben rauscht, wurde Zadek unzeitgemäß." Er war ein "Riese des Regietheaters". Denn Theater sei "naturgemäß" immer Regietheater. "Was einem Zadek (...) entgegenstand, ist das Regisseurtheater. Es ist das schauerliche Theater der Selbstfüllknirpse, der phantasie- und geistlosen, von allen Dichtern verlassenen Zwerge. Ein mieses Genre."

Cornelia Niedermeier dagegen meint in der Wiener Tageszeitung Der Standard (27.7.), Kehlmanns Rede gelte wohl weniger "einer Ablehnung des Regietheaters als der Warnung vor einem repressiven kulturellen Klima im Kostüm der Avantgarde. Ein Klima, das dem Andersdenkenden keine Chance lässt. 'Als mein Vater durch den Wandel der Umstände seine Arbeit nicht mehr ausüben konnte, senkte sich allmählich die Krankheit des Vergessens auf ihn herab, bis ihn ganz zuletzt die Demenz vom Bewusstsein der Enttäuschung befreite.'"

"Wird Zeit, dass die neue Saison beginnt", seufzt Rüdiger Schaper im Berliner Tagesspiegel (27.7.) "Schrecklich langweilige Vorbereitungsspiele der Bundesligisten, fiese Verletzungen im Training, immer höherere Ablösesummen, wie soll man da in Stimmung kommen! Bei den Künstlern ist es nicht besser. Sie vertragen die Festspiel-Sommerzeit besonders schlecht. Landauf, landab wird geholzt und nachgetreten, wie es in Thomas Bernhards selig Gesammelten Werken steht." Und Kehlmann? Kehlmann beruft sich "ausgerechnet auf Max Reinhardt, den Festspiel-Erfinder und Pionier des bösen Regietheaters. Eine kleine theaterhistorische Recherche hätte bei der Vermessung der Bühnenwelt nicht geschadet".

Tilman Krause zeigt sich in der Tageszeitung Die Welt (28.7.) im Wesentlichen mit Kehlmann d'accord, findet seine Einlassungen aber nur in einem Punkt wirklich interessant. "Kehlmann nennt nämlich nicht Ross, nicht Reiter. Er gibt sich nicht einmal die Mühe mehr, anhand von Beispielen seine Thesen zu untermauern. Und er muss es auch nicht. Wir sind inzwischen an einem Punkt der Diskussion über das Theater angelangt, wo selbst intellektuell satisfaktionsfähige Menschen gar nicht mehr konkrete Übelstände zu benennen brauchen, um ihrer Mißbilligung des Regietheaters Ausdruck zu verleihen. So sehr ist diese Missbilligung communis opinio, Allgemeingut geworden. Regietheater ist Unsinn - das versteht sich von selbst." Trotzdem werde Regietheater reflexartig weiterproduziert, trotzdem die immer selben "Texteverhackstücker gebeten, ihre fragwürdige Arbeit zu verrichten. Warum? Weil es schlichtweg egal geworden ist, ob wir ein gutes, will sagen: Stücke adäquat umsetzendes Theater haben oder nicht. Theater ist kein Muss mehr (...) Theater ist gesunkenes Kulturgut, von unserer Überflussgesellschaft verwaltet, nicht gestaltet. Es hat seine Zeit gehabt."

"Das zeitgenössische Theater wäre nur halb so schön, wenn nicht immer einer dagegen wäre, prinzipiell, pauschal und mit allem Donner, der dazugehört", meint Harald Jähner in der Berliner Zeitung (28.7.). Kehlmanns Rede ist ihm zufolge dabei "mehr ein familienpsychologisches als ein theaterkritisches Dokument" über den Kehlmann-Vater: "Und was war Vater Kehlmann in Wahrheit für ein Gott! Sein größtes Theatererlebnis sei es gewesen, erzählt Kehlmann, dass er als Vierjähriger bei den Proben zugeschaut habe. Leere dunkle Bühne, leerer Zuschauerraum, der Vater habe etwas nach oben gerufen und ein gewaltiger Kristallluster habe sich aufleuchtend aus der Dunkelheit herabgesenkt: "Der gewaltige Raum wurde hell." Dieser mächtige Vater, der – siehe, es ward Licht! – so viel Schöpferkraft in sich vereinigte, hat es nie wieder zu ähnlichem Erfolg gebracht. Der Sohn nun hat es in Salzburg den Ungläubigen heimgezahlt. Diesen schon irrwitzig subjektiven Ausgangspunkt seiner Kritik nicht unterschlagen zu haben, das hat doch schon wieder Größe."

Als Reaktion auf Kehlmann und die Debatte um seine Rede melden sich auch mehrere Regisseure und Intendanten zu Wort. Das Hamburger Abendblatt (28.7.) zitiert folgende Stimmen:

Matthias Hartmann, Intendant des Wiener Burgtheaters: "Ich hege große Sympathie für Daniel Kehlmann. Seine Literatur ist intelligent und spielerisch. Ich würde mich freuen, wenn er etwas fürs Theater schriebe. Leider macht er aus seiner Ideologiekritik eine neue Ideologie. Regietheater ist genauso wichtig und notwendig wie der Dienst am Autor. (...) Nur weil das Regietheater oft langweilig geworden ist, darf man es nicht grundsätzlich verdammen."

Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theater Berlin, meint, Kehlmann bleibe "abstrakt und allgemein. Das ist unproduktiv". "Kehlmann unterstellt quasi, das Regietheater sei eine sich untereinander absprechende Kamarilla. Das ist völlig absurd. Jedem Kritiker muss man sagen: Bleib konkret. Das, was hier stattfindet, ist pauschales Verschwörungsgedudel."

Frank Baumbauer wiederum, zuletzt Intendant der Münchner Kammerspiele, betont: "Es gibt kein Regietheater. Es gibt nur gutes und schlechtes Theater. Gutes Theater ist immer auf der Höhe der Zeit, entweder durch Texte oder durch Interpreten. Daniel Kehlmann soll bitte solche Reden nicht mehr halten."

Jürgen Flimm, Leiter der Salzburger Festspiele und ab 2010 an Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden, war von Kehlmanns Rede "sehr berührt".  Allerdings: "Er hat nicht in dem Maße recht, wie er es gern hätte. Er spricht ja meine Generation an, und die war eigentlich vergleichsweise brav. (...) Ich halte allerdings auch viele der heutigen Regisseure für sehr begabt. Die haben das Theater von der Literatur befreit – das kann man positiv sehen oder negativ. (...) Und wenn wir über Texttreue sprechen, fällt mir der Theaterdirektor Goethe ein, der sinngemäß gesagt hat: Es muss alles wie frisch aus der Pfanne sein."

Andrea Breth sagt dagegen (Salzburger Nachrichten, 29.7.), "die Rede Daniel Kehlmanns ist gut und wichtig für die sich selbstüberschätzende momentane Theaterszene. In der Tat wird das deutsche Regietheater im Ausland mit höchster Verwunderung beobachtet. Ich befürchte nur, dass Kehlmanns Rede besondere Anerkennung findet von dem Publikum, das für sich in Anspruch nimmt, zu wissen, was Werktreue ist. Die sogenannten modernen Regisseur/-innen werden diese Rede verdammen, da sie sich ja sonst ernsthaft mit sich selbst auseinandersetzen müssten. Und wer tut das schon gern? Ich bin ja bekannt für Textgenauigkeit, oftmals belächelt ob dieser altmodischen Ansicht. Ich finde es aber in der Tat verwerflich, Stücke der Weltliteratur so zu verstümpern, dass sie nicht mehr zu erkennen sind. Gleichermaßen wird einem leider oft ungebildeten Publikum vorgegaukelt, dass es sich um ein Werk der Weltliteratur handle. Das halte ich für Modeerscheinungen, die sich hoffentlich bald legen werden."

In der Frankfurter Rundschau (29.7.) spricht schließlich auch der Salzburger Schauspielchef Thomas Oberender mit Peter Michalzik über Daniel Kehlmanns Rede: "Die Rede ist, das verliert man leicht aus den Augen, ein Plädoyer für Offenheit, eine Ermahnung, sich jenseits ideologischer Lager den Blick frei zu halten und nicht zum Gesinnungsrichter zu werden. Das hat sich bei Daniel Kehlmanns Rede auf oder gegen Bertolt Brecht, die er vor einem halben Jahr nahezu unbemerkt in Augsburg hielt, als furioser Protest gegen eine unreflektierte Auffassung vom "Fortschrittlichen" bereits angedeutet. Insofern steht seine Festspielrede eigentlich der Debatte ums Ekeltheater weitaus ferner als Botho Strauß' "Bocksgesang" oder Peter Handkes Konsensverweigerung im Nato-Krieg gegen Serbien. Fatal ist nur, dass Daniel Kehlmann selbst so gesinnungsrichterlich wirkt."

Peter Kümmel wiederum wendet in Der Zeit (30.7.) gegen Kehlmann ein, das "Regietheater" sei in der "Reihenhauskonversation" das, was einst das "miese Wetter", das "miese Fernsehen und zuletzt die miese deutsche Bahn" gewesen sei: "eine Institution, bei der sich alle einig seien, dass es früher besser war. All diese Leute brauchen bei Gott nicht das Theater, um sich als aufgeschlossene Bohemien zu fühlen. Meine Beobachtung ist eher die, dass der aufgeschlossene Bohemien derjenige ist, der in die Klage über 'das deutsche Regietheater' als Erster einstimmt." Uns so, wie übers miese Wetter am liebsten jene sprächen, die ihm kaum ausgesetzt sind, sprächen übers miese Theater am liebsten jene, die nicht mehr hingehen. Wie Kehlmann eben. Aber wer nicht mehr hingehe, und den "Boten aus Skandinavien das Feld überlässt, der versäumt auch das Grandiose". Denn im deutschen Theater gebe es "neben fadem Mummenschanz" eben auch "die tollsten Geistererscheiungen der Welt" zu sehen.

Am gleichen Tag ruft der Regisseur Nicolas Stemann in der Süddeutschen Zeitung (30.7.): "Was meint der Mann? Wann wurden zuletzt auf einer Bühne Spaghetti gegessen? Hat Stanislawski das nicht mal inszeniert? Hilfe!" Stemann wirft Daniel Kehlmann vor, mit seiner unspezifischen Salzburger Polemik "eine fundierte Debatte über gegenwärtige Aufgaben, Ästhetiken, Möglichkeiten und vor allem auch Defizite des Theaters" zu verhindern. Auch treffen sich "im Aufschrei gegen das 'Regietheater'" Stemanns Ansicht zufolge "die Konservativen von vor dreißig oder vierzig Jahren, die seit damals den Niedergang des Theaters beklagen, mit eben jenen, die damals als Vertreter des 'Regietheaters' galten, und die heute beleidigt sind, dass sie den Anschluss an den Diskurs verpasst haben. Mit heutigen Theatertendenzen hat das wenig zu tun. Eher mit einem dem Theater wohl immanenten Spiel: Diejenigen, die aus dem Markt zu kippen drohen, giften über den allseitigen Kulturverlust und die Verflachung und Verblödung des jeweils angesagten Theaters. Man schreit verzweifelt gegen sein eigenes Verschwinden an."

Die taz (1.8.) stellt daraufhin die Frage "Ist Daniel Kehlmanns Kritik am 'Regietheater' berechtigt?" und bringt ein Pro und Contra. Für Pro plädiert der Schriftsteller Joachim Lottmann: "Das Regietheater ist doch wunderbar. Selbst Kehlmann schaut sich die jeweils üppigsten Blüten des aktuellen Event-Schmarrns gerne an, und ich auch, jeder tut es. Mit Theater hat es natürlich nichts zu tun. Deshalb sollte auch nicht Theater draufstehen (...)." Denn die "beliebigen Einfälle der Regisseure" sind nicht "Ausdruck des Stücks". Außerdem: "Die Bühnen haben das Theaterpublikum verloren und dafür ein zahlenmäßig größeres Zirkuspublikum gewonnen." Katrin Bettina Müller, Theaterredakteurin der taz, hält dagegen: "Der Vorwurf Kehlmanns, das Regietheater sei eine letzte Schrumpfform linker Ideologie, entbehrt nicht der unfreiwilligen Ironie. Das Theater, mal eben so pauschal wie Kehlmann gesprochen, wäre ja gerne mehr links, weiß aber auch nicht mehr ganz genau, wo das liegt." Denn der Mangel an Utopien von größerer sozialer Gerechtigkeit sei eines seiner Themen, und das Leiden an diesem Defizit wird offen zur Schau gestellt.

Tobi Müller weist in der Welt (2.8.) darauf hin, dass die Regietheaterdebatte regelmäßig von Leuten losgetreten werde, die nicht mehr ins Theater gehen: "Es sind kluge und oft lustige Zeitgenossen, die ihr Niveau plötzlich und seltsamerweise unterschreiten und im Abschwören des Neuen das Alte beschwören, das am Ende ihr Eigenes ist." Das Problem beginne, meint Müller, mit der Unehrlichkeit der Rufer und ende mit einer vorsätzlich anmutenden Unterschreitung ihres eigenen Wissens. Denn "der Eingriff in den Text ist keine neue Tendenz im Theater, sondern der Kunstform wesenseigen". Wohin man nämlich auch blicke: "Das Theater hat den Text immer verändert, vereinnahmt, wenn man will: liebend verstoßen." Und warum reißt die Debatte für die Regietheaterdebatte nicht ab? Weil sie, erstens, so "unkonkret" geführt und weil man sich, zweitens, "immer über Theater aufregen soll, wenn eine Ästhetik, die an einem bestimmten Ort aus bestimmten Gründen erfunden wurde, auf einmal als Schwundstufe große Verbreitung findet", Castorfs Ästhetik zum Beispiel, weil es folglich immer wieder Gründe geben wird, "das Theater zu verändern".

DIE INTERVIEWS

Im Spiegel (Ausgabe vom 3.8.) erklärt Daniel Kehlmann in einem Gespräch noch einmal, worum es ihm in seiner Rede ging: Er habe lediglich für "ästhetische Offenheit" plädieren wollen. Gleichzeitig erneuert er seine Kritik an den Zuständen des Gegenwartstheaters: "Was im deutschen Theater herrscht, ist ein epigonaler Pseudoexperimentalismus, ein Mainstream, der auch deshalb so aggressiv verteidigt wird, weil es um die Verteilung von sehr viel Geld geht." Er habe also lediglich bloß darauf hinweisen wollen, dass man "eine bestimmte Art von Theater nicht als reaktionär abtun" möge, dass "die ästhetische Position des Ernstnehmens der Texte nicht unter Generalverdacht stehen sollte". Beispiele für misslungenes Regietheater nennt er, trotz Nachfrage, keine. Aber er sagt, was er für gelungen hält, Peter Steins Inszenierung "Der zerbrochne Krug" am BE zum Beispiel. Doch, sagt Kehlmann weiter, "wer könnte gegen Experimente sein?" "Es gibt keine Regeln in der Kunst. Ein guter Regisseur kann alles machen, aber gute Regisseure sind selten."

Einen Tag später veröffentlicht auch Bernhard Flieher in den Salzburger Nachrichten (4.8.) ein Interview mit Kehlmann. Ja, natürlich habe er mit einer Diskussion gerechnet: "Ich habe ja gesagt, das Theatermilieu sei geprägt von hochgradig autoritären Strukturen. Wäre da keine Diskussion entstanden, so hätte ich ja Unrecht. Aber wie sehr und von welcher Wut und welchem ideologischem Furor getragen viele Reaktionen ausfielen, davon war ich doch überrascht. Und dass die Empörung so gut wie ausschließlich von Leuten kam, die genau in und von dem von mir kritisierten System leben, war wie eine angewandete Lektion in Sachen Bourdieu." Falsch sei es, "sich gegenseitig für geistesgestört zu erklären und einander die Redefreiheit zu entziehen".

DIE DEBATTE – 2. TEIL

Im Redaktionsblog von nachtkritik.de (4.8.) fragt sich Dirk Pilz, wie es komme, dass diese Debatte sich derart auswachsen konnte: "Womöglich liegt es daran, dass es, wieder einmal, auch jetzt nicht um das Theater geht, sondern um sehr verschiedene und sehr eigene Dinge, nämlich darum, sich das Theater so herbeizureden, wie man es gern haben möchte, es naturgemäß aber nie ist, weil das Theater ja immer wer anderes, nie man selber macht." Und so lange "allseits das wahre, wirkliche, echte Wesen des Theaters beschworen wird, wird dieser Streit über das Wesen der Regie nicht aufhören."

Für Ulrich Weinzierl ist, nach Kehlmanns Interview im Spiegel, dagegen "alles wieder gut". Kehlmann tauge "auf längere Sicht" nicht zum "Feindbild", schreibt er in der Welt (5.8.). Denn was er in dem "Spiegel"-Interview sagte, "dürfte nicht einmal die erbittertsten Verfechter des so genannten "Regietheaters" auf die Palme treiben. Nein, Daniel Kehlmann hat darin nichts aus seiner mittlerweile berühmt-berüchtigten Rede zur Eröffnung der Festspiele widerrufen. Allein, auch hier macht der Ton die Musik". Er habe eben nur darauf hinweisen wollen, dass ein guter Regisseur alles machen könne, gute Regisseure eber selten seien. "Sehr richtig, indes müssen auch Selbstverständlichkeiten zuweilen ausgesprochen werden. Und damit sind wir auch bereits zufrieden. Der Rest erschöpft sich in ideologischen Grabenkämpfen, einer Lieblingsbeschäftigung deutschsprachiger Intellektueller, die – verglichen mit westeuropäischen Kultursitten und -gebräuchen – in besonderem Maße zu Verbissenheit und Unterstellungen neigen."

"Hat Kehlmann also recht?", fragt Christopher Schmidt (Süddeutsche Zeitung, 5.8.). Ist das Theater, so fragt er weiter "blind dafür, dass es mit seinem gratismutigen Schockertum nur noch einem Phantom nachjagt?" "Wer so argumentiert", mein Schmidt, "begeht selbst den Denkfehler, den er kritisiert. Denn er setzt den Begriff des Fortschritts voraus, den er in Frage stellt." Man müsse die Sache vielmehr umdrehen: "Gerade weil die Zeit der normativen Ästhetik vorüber ist, kann man einen Theaterabend nicht mehr daran messen, wie er zur Tradition steht." Das bedeutet: "Man muss heute statt ideologischer Maßstäbe qualitative anlegen, und wem das zu kleinkariert oder relativistisch klingt, der sollte sich klarmachen, dass solches close reading zu vernichtenderen Urteilen führen kann als das bloße Durchwinken der immergleichen Denkfiguren." Dennoch bleibe ein "Rest an Unbehagen": "Warum ist für viele nicht das Theater der Spiegel ihrer Zeit?". Die Chance des Theaters könne jedenfalls nur darin liegen: "sein Publikum ernst zu nehmen, und das geht nur, wenn es frei ist von wirtschaftlichen wie ideologischen Zwängen, gleich welcher Couleur". Das Regietheater sei, so gesehen, "ein ewiger Jungbrunnen, und gerade da, wo es scheitert, geht der Autor gestärkt hervor".

"Das Theater lebt", stellt schließlich Jens Jessen in der Wocheitung Die Zeit (6.8.) fest. Denn "so viel Erregung, so viel Durcheinander kann nicht von einer sterbenden Kunst ausgehen". Dabei muss, sagt Jessen, das Theater "immer wieder entrümpelt werden". Freilich könne die "Entrümpelung" nicht auf Dauer gestellt werden: "Das ist das Problem des modernen Regietheaters. Irgendwann ist alles auf dem Sperrmüll gelandet, und vom Ausmisten bleibt nur die leere Geste." Heute etwa bestehe die "größere Provokation" womöglich darin, "wieder still und andächtig, den Vorgaben der Theaterautoren zu folgen; Kehlmann hat es in seiner Rede angedeutet". Respekt vor dem Text heiße dabei aber nicht "sklavisches Herunterbeten, sondern ihm ein Maximum an Wirkung zu geben". Manches spreche dafür, dass der heutige "Publikumsverdruss" nichts mit dem Stichwort zu tun habe, sondern "der Verdruss darüber, dass sich das Theater seiner Kritisierbarkeit durch behauptete Modernität entziehen will". Das Publikum sei aufgerufen, "sich nicht einschüchtern zu lassen". Es brauche den "Mut zum eigenen Urteil".

"Es bringt nichts, Punkt für Punkt auf Kehlmanns Laudatio temporis acti einzugehen. Obwohl sie eitle Töne nicht scheut, gemahnt sie von der Argumentation her eher an einen Stammtisch, auf den Kehlmann unter Gleichgesinnten seine gegen die "Linken" erhobene Faust gern poltern", schreibt Barbara Villiger Heilig (NZZ, 7.8.). "Genau gesehen polemisierte Kehlmann, an dessen flächendeckender Kenntnis der Theaterszene wir hier nicht zweifeln wollen, ohnehin mehr gegen die Kritik als gegen das – für ihn, der den Ausdruck ahistorisch verwendet – unheilvolle Regietheater. Denn die Theaterkritik ist es, welche, oft in Personalunion mit Preisjurys, modischen Tendenzen unterliegt, sie fördert und verbreitet, ihnen zu Subventionen verhilft und damit zu Verbreitung und Durchschlagskraft". Diese Prozesse aber wären ein Thema für sich. "Wobei es sich vielleicht bald in Luft auflöst – mit der Krise der Presse verliert auch die Theaterkritik an Gewicht." Denn "andere Formen der Auseinandersetzung mit dem Bühnengeschehen machen ihr bereits Konkurrenz. Zum Beispiel das Chat-Forum des Webportals nachtkritik.de, wo das Publikum selbst sich äussert zu aktuellen Inszenierungen – oder zu Debatten wie derjenigen, die ausgelöst worden ist durch Kehlmanns Rede".

Im Interview mit den Salzburger Nachrichten (11.8.) bekennt Peter Handke (für die Premiere seines Stückes "Bis dass der Tag euch scheidet" in Salzburg): "Ich bin als öffentlicher Mensch einfach nicht gut" – im Gegensatz zu Daniel Kehlmann. "Heute gehen die Öffentlichkeit und der Schriftsteller nicht mehr gut zusammen. Da spielen sicher einige sehr gut – so wie der Herr Kehlmann das macht. Der ist ja fast dafür geboren, aus dem Mutterleib geschlüpft und war schon ein kleiner Showman. Warum auch nicht?! Für mich ist das nichts."

DAS FINALE PRESSEGESPRÄCH


In einem Pressegespräch zum Abschluss der Reihe "Dichter zu Gast" hat sich Daniel Kehlmann, gemeinsam mit Thomas Oberender, abermals zu seiner Eröffnungsrede geäußert. Für nachtkritik.de (11.8.) war Reinhard Kriechbaum vor Ort und zitiert Kehlmann: Es habe "einige vernünftige und nachvollziehbare Stellungnahmen im Feuilleton" gegeben, aber "eine Unmenge" von "hysterischen und grellen" Statements.  Wenn man Kehlmann so reden und ausweichen hört, schreibt Kriechbaum, festigt sich der Eindruck, dass die ganze Aufregung eigentlich nicht hätte sein sollen. Zu unverbindlich die Argumente, zu klein der Horizont. Auch wenn Thomas Oberender, der Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele von der Eröffnungsfestrede jetzt als einem "Plädoyer für Scheuklappenlosigkeit" spricht.

Für Christine Dössel (Süddeutsche Zeitung, 12.8.) sieht Kehlmann bei dem Pressegespräch in seinem roten Poloshirt wie ein euphorischer Sportler nach einem siegreichen Match aus. Während sie Kehlmanns Rede immer noch für undifferenziert und unqualifiziert hält und seine neuerlichen Äußerungen vornehmlich referiert, ohne sie zu kommentieren, findet sie den "Watschn-Tausch" zwischen den beiden Showmännern Handke und Kehlmann herrlich.

Patrick Bahners
erwähnt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.8.), wie wichtig es Kehlmann gewesen sei, festzustellen, "dass er durchaus ins Theater geht, und nicht nur in London". Die Fragen der Journalisten hätten Schauspielchef Oberender außerdem die Gelegenheit gegeben, "sich im Stil heutiger Theaterbeamter über seine Befindlichkeit zu verbreiten". Und wenn Kehlmann antwortet, schicke er "seiner Antwort jedes Mal den Satz voraus, das sei jetzt seine letzte Antwort zum Thema". Statt "zur Sache der Rede" habe er sich "über die Umstände des Auftrags verbreitet", was bei Bahners den Eindruck nährt, "so weit her sei es mit der Provokation vielleicht doch nicht, manche seiner kulturpolitischen Ansichten seien bei näherem Hinsehen wenig originell, um nicht zu sagen fad".

Im Kurier (12.8.) wird Thomas Oberender zitiert, der, wie er sagt, "ja selbst Stücke geschrieben und Regisseure verflucht" hat. Aber eben "auch bewundert. Manchmal erweisen sie sich als Retter eines Stückes. Regie ist eine Kunst, ohne die Theater heute nicht denkbar wäre. Daniel Kehlmann hat sich nicht davon zurückhalten lassen, in ein Minenfeld zu springen. Den Impuls dazu kann ich gut verstehen." Oberender zeigt sich, trotz inhaltlicher Differenzen, froh über Kehlmanns Rede: "Sie hat den Festspielen ein Nachdenken über die Kunst mit auf den Weg gegeben, den ich für sehr fruchtbar halte."

Gerhard Stadelmaier besteht in der Frankfurter Allgemeinen (12.8.), anlässlich eines Textes über Kehlmanns finales Dichter-Gespräch mit Georg Kreisler, noch mal auf dem von ihm in dieser Debatte – bzw. in seinem Zadek-Nachruf, in dem er Kehlmann namentlich gar nicht erwähnte – geprägten Begriff des "Regisseurstheaters", das für ihn das "fatal-falsche Wort 'Regietheater' ersetzen sollte". Die Kehlmann-Rede bezeichnet Stadelmaier hier als "eigentlich frische sympathische Festspieleröffnungsrede (...), die ja weithin für eine dumpfe pauschale Erregung der publizistischen Regisseurtheaterquasselfreunde sorgte, aber halt auch an einer gewissen pauschalen Beispiels- und Beweisarmut litt (mehr Butter bei die Regiefische!)".

Joachim Kaiser schreibt in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung (12.8.) noch mal Grundsätzliches zum Thema "Werktreue" auf und empfiehlt Differenzierung und Maß. Für ihn stellt sich der "Frontverlauf" in der Regietheater-Debatte auf den ersten Blick "als Generationsgegensatz" dar: Die Jungen akzeptierten "bereitwillig Aufführungen, in denen sich die Regisseure nicht bloß als 'Interpreten' verhalten, sondern auch als 'Autoren' (...). Ältere Theaterinteressenten hingegen beklagen den Verlust des hohen Stils, ordinäre Aktualisierungsmaschen, munteren Infantilismus." Andere wiederum verhielten sich "neutral" und umgingen "prinzipielle Entscheidungen mit der schwer widerlegbaren, aber ein wenig sophistischen These, absolute Texttreue sei ohnehin unmöglich". Künstlerischen Werken eigne jedoch keine beliebige, sondern eine "gebundene Vieldeutigkeit", die bei der Interpretation keineswegs alles zulasse. Dass Unheil im gegenwärtigen Theater: dass das Gefühl dafür verloren gegangen sei, "was gemeinsam wichtig und darum interessant ist. Schauspiel-Aufführungen suchen notgedrungen ihr Interessantheitsheil oft genug in ideologischer Zuspitzung oder simpler Aktualisierung". Dabei sollten heutige Interpreten auch das, was uns an der Kunstsache "fremd, ja befremdend" sei, "so respektvoll wie möglich zu vergegenwärtigen versuchen". Auch beklagt Kaiser, "dass im publizistischen Meinungsgetümmel" solcher Debatten "kaum je von Stücken, Komponisten oder Autoren konkret die Rede ist" (er selbst nennt in seinem langen Artikel viele Einzelbeispiele). Kaisers Fazit: "passive, unleidenschaftliche, phantasielose Werktreue" grenze an Trägheit. Wenn Regisseure jedoch nicht mehr die "Demut vor großen Texten, ihrem Stil und ihrer Ferne produktiv (...) mit origineller Vergegenwärtigungsfreiheit" zu verbinden wüssten, sei eine "liebenswerte Tradition" in unserem "von Internet-Faszination und TV-Allgegenwärtigkeit beherrschten 21. Jahrhundert" wohl vom allmählichen Verschwinden bedroht.

EIN NACHSCHLAG

Tilman Krause, vornehmlich Literaturkritiker, legt später noch einmal nach. Am 24.8. blickt er in der Welt auf die inzwischen abgeklungene Debatte und verlautbart: Sie, die Theaterkritiker, "verstehen sich offenbar mehr und mehr als Theater-Lobby. Das ist leider ein Zug der Zeit, der alle Kultursparten zu erfassen droht, aber in einem einst so agonal ausgerichteten Feld wie der Theaterkritik ist das besonders bedauerlich". Der "enge Schulterschluss" mit dem Gegenwartstheater habe, glaubt Krause, vermutlich auch damit zu tun, dass die Theaterkritik, "anders als beispielsweise die Literaturkritik, eine große Selbstverständigungsdebatte bisher nicht geführt hat, jedenfalls keine, die über kleine Zirkel der Eingeweihten hinausgegangen wäre".

Hier lesen Sie die nachtkritik-Texte zur Kehlmann-Debatte: den Kommentar zur Eröffnungsrede, den Redaktionsblog über das Mediengemurmel und den Kommentar zum Pressegespräch.

 
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