Schräge Töne, steife Figuren

von Christian Rakow

Schwerin, 10. August 2009. Es geht weiter auf kleiner Urlaubstour durch Mecklenburg-Vorpommern ("MV tut gut!"). Mit dem Greifswalder Komödienkleinod im Gepäck treibt uns ein frischer Wind von der Küste hinein ins Binnenland, in die Landeshauptstadt.

Auf dem Alten Garten zwischen dem Staatstheater und dem ockerfarbenen romantischen Schloss am Schweriner See ist eine kolossale Bühne aufgebaut, die Tribünen bieten Platz für schätzungsweise 3.000 Zuschauer. Außen auf ihrer Bühnenverschalung stellt der Maler und Installationskünstler Jörg Herold eine Bilderserie aus: "Zeitenfries hinterm Eisernen Vorhang". Und anstelle einer Rückwand besitzt die Bühne ein riesiges Gitter aus Glasperlenstäben. Das lässt den Blick aufs Schloss frei und dient später in der Inszenierung als pixelige Röhrenwand für Computeranimationen.

Mit einem Esel kommt er daher
Alles ist bei den Schlossfestspielen eine Nummer größer. Gewichtige Sponsoren geben sich ein Stelldichein; Reisebusse aus Bad Segeberg und Oldenburg parken vor dem Areal. Denn ein Starmusical ist angesetzt: "Gojko Mitic ist Sorbas" liest man auf Plakaten in der ganzen Stadt. Gojko Mitic wurde als "Winnetou des Ostens" mit DEFA-Western populär und hat in den 90er Jahren noch Pierre Brice bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg beerbt. Nun ist für den heute 69-jährigen gebürtigen Jugoslawen die Zeit der "Lebensrollen" angebrochen.

Alexis Sorbas, der in die Jahre gekommene Instinktmensch und Lebenskünstler aus dem Romanklassiker von Nikos Kazantzakis (einschlägig verfilmt mit Anthony Quinn), soll es also sein. Und zwar in der Broadway-Musicalfassung von Joseph Stein, John Kander und Fred Ebb.

Applaus brandet auf als Gojko Mitic mit einem Esel nach gut fünfzehn Minuten auftritt. Und die Vorschusslorbeeren sind nicht vergeudet. Denn Mitic hat Mutterwitz und bringt mit seiner kräftigen, sonoren Stimme auch das nötige Quäntchen Getragenheit in die Unternehmung. Der Sirtaki bleibt etwas steif (war das bei Quinn anders?); aber Mitic besitzt, was in dieser Inszenierung ansonsten allerorten schmerzlich fehlt: Präsenz.

In grenzenloser Ferne
Festgemauert in der Erden stehen die Mitspieler, wie aus Lehm gebrannt. Sie verkrampfen die Hände auf dem Rücken, wenn Schüchternheit signalisiert werden soll (Rüdiger Daas als Nikos, Vorgesetzter und Freund von Sorbas). Regungsfrei harren sie farblose Kennenlernszenen aus (kläglich zur Hausfrau herabkostümiert: Ute Kämpfer als Mme. Hortense). Auch sitzen sie auf den blauen Tonnen, die überall platziert sind (eine Reminiszenz an den Öl-Tanker-Magnaten Onassis?).

Die Bühne von Olaf Grambow macht es ihnen aber auch wirklich nicht leicht. Eine riesige Sandarena, die lediglich für einige Trommler reserviert ist, trennt das erhöhte Spielplateau von den Rängen und rückt die Figuren in grenzenlose Ferne. Computeranimationen flackern gelegentlich dahinter. Von der Möglichkeit, die Figuren durch Handkameraeinsatz näher zu rücken, macht man nur ein Mal Gebrauch. Ansonsten schwirren im Video bevorzugt Schiffe, Blümchen und Schmetterlinge vorbei.

Mit ein paar Riverdance-Einlagen vermag hier allein das Ballettensemble in Bauerntracht qua Masse zu punkten. Doch ihre leidlich simultan getanzten Choreographien (von Jens Peter Urbich) kreisen um die stets gleichen Einfälle. Die Mecklenburgische Staatskapelle musiziert unter der Leitung von Thomas Möckel unauffällig. Gesungen aber wird, dass es einem das Trommelfell zerhaut.

Und tragisch wird's
Derart schräge Töne gibt es sonst nur im Vorausscheid von DSDS. Und das zu Schlagerliedern, die eher von schlichten Melodien und schlichter Geistigkeit beseelt sind: "Leben ist die Zeit, die der Tod dir gewährt", "Lass dir Zeit", "Nur die Liebe zählt"! Das alles aber wäre nicht weiter schlimm, wenn sich Regisseur Peter Dehler (Schauspieldirektor des Staatstheaters) nicht einige fulminante Einfälle gegönnt hätte. Ein Conferencier (Katrin Huke) und zwei Clowns in Fracks (Isa Weiß und Ulrike Hanitzsch) geleiten als Erzähler durch den Abend. Sie bleiben blass und zurückhaltend, wo das Stück in der ersten Hälfte durchaus etwas Aufpeppung verdient hätte.

Denn dort werden die Männerfreundschaft zwischen Nikos und Sorbas und ihre zwei zentralen Liebesgeschichten (Sorbas mit Mme. Hortense; Nikos mit einer jungen Witwe, gespielt von Jana Kühn) eher mühsam angeschoben. In der intensiveren zweiten Hälfte aber drängeln sie sich mit Penetranz herein. Da wohnte man grad dem "Ehrenmord" einer Bauernsippe an der Witwe bei und erfährt Rührung über den Tod der Mme. Hortense – und schon tollen wieder die Clowns, breit schluchzend: "Ja, wir hatten gesagt, es wird tragisch." Was soll das? Wenn sich die Männer auf Nimmerwiedersehen verabschieden und sich die Fäuste leicht gegen die Brust stoßen, lässt Dehler Feuerwerk aus Tonnen hochschießen.

Der Effektblödsinn vertreibt noch den letzten Gefühlsmoment aus dieser Geschichte. Kurzum: Es gibt in diesem Sommer eine Vielzahl von Gründen, nach Schwerin zu reisen. Kanufahrten, Spaziergänge im Schlosspark und in der historischen Altstadt und natürlich die BUGA 2009. "Sorbas" gehört nicht dazu.

 

Sorbas
Musical in zwei Akten von John Kander, Joseph Stein und Fred Ebb Deutsch von Robert Gilbert und Gerhard Bronner
Für die Schweriner Schlossfestspiele bearbeitet von Peter Dehler

Regie: Peter Dehler; Musikalische Leitung: Thomas Möckel; Bühne: Olaf Grambow; Kostüme: Bettina Lauer; Video: Stéphane Maeder, Choreographie: Jens Peter Urbich; Lichtdesign: Torsten König; Dramaturgie: Henriette Hörnigk; Vocal Coach: John Lehman.
Mit: Gojko Mitic, Ute Kämpfer, Jana Kühn, Rüdiger Daas, Katrin Huke, Isa Weiß, Ulrike Hanitzsch, Johann Zürner, Hagen Ritschel, Knut Fiete Degner, Klaus Bieligk, Gottfried Richter, Bernhard Meindl, Andreas Lembcke, Florian Anderer, Beate Rothmann, Samira Hempel, Anna Jamborsky, Kathleen Rabe, Sven Jenkel, Jannes Zotos sowie der Mecklenburgischen Staatskapelle und den Damen und Herren des Ballettensembles

www.theater-schwerin.de


Mehr von Peter Dehler? Zuletzt sahen wir seine Inszenierung von Ibsens Wildente in Schwerin.

 
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