Die Neuhardenbergpredigt

von Christian Rakow

Neuhardenberg, 14. August 2009. Aus Wolkenlücken fallen die letzten Strahlen der Abendsonne über die weißen klassizistischen Fassaden von Schloss Neuhardenberg. Eher bedeckte Anzugfarben bevorzugt die erlesene Schar Sommertheaterfreunde, die sich gemütlichen Schritts paarweise oder in kleinen Grüppchen durch den Schlosspark bewegt. Es ist die Haute-Volée der Berliner Kultur und Kulturpolitik. Ihr Ziel ist ein flaches Open-Air-Podest von den Ausmaßen einer Kammerbühne mit kaum fünfzehn Stuhlreihen davor.

Ein Ereignis der Gourmet-Klasse ist angesetzt, hier im Landkreis Märkisch-Oderland, gute 70 km vor der Hauptstadt. Oscar-Regisseur Volker Schlöndorff gibt eines seiner seltenen Bühnengastspiele mit einem späten, Fragment gebliebenen Stück von Lew Tolstoi: "Und das Licht scheint in der Finsternis" (geschrieben in den 1890ern). Dimiter Gotscheffs Bühnenbildner Mark Lammert hat eine seiner reduzierten Anordnungen beigesteuert – bewegliche, bläulich eingefärbte Wände, die Platz für Stühle und Tische lassen.

Selbstkritik eines Reichen
Cello-Untermalung geleitet eine bis in die Nebenrollen hinein illustre Schauspielerschar über die Wiese zum Podest. Wer nicht in Aktion ist, spaziert weiter unter den Birken und Eichen ringsherum. Stets mit gemessenem Schritt. Denn Tolstois Spätwerk verlangt anscheinend einen würdevollen Duktus. Es ist eine Geschichte zwischen religiöser Erweckung und Verzweifelung, das Drama eines Gutsbesitzers, der im Geiste der Bergpredigt "wahrhaftig", arbeitsam und ohne Eigentum zu leben beansprucht. Doch scheitert er am materialistischen Besitzstandsdenken seiner Frau und Kinder.

Ein autobiographisches Bekenntniswerk hat Schlöndorffs Dramaturg Gerhard Ahrens darin entdeckt und seine Textfassung unter Einbeziehung von Tagebuchreflexionen Tolstois entsprechend konsequent auf die Haupt- und Alter-Ego-Figur Nikolai Sarynzew ausgerichtet. Schlöndorff versäumte nicht, in Interviews vorab auf die Aktualität dieser Tolstoischen Bühnenrarität hinzuweisen. Die Selbstkritik eines Reichen und sein Plädoyer für Entsagung mag nach der jüngsten Wirtschaftskrise Gehör finden.

Für Momente glüht der Schloßpark
Allein die Inszenierung kommt diesem Wink ins Heute nicht nach. Sie schwelgt vielmehr in der Manier eines auf Kostümfilm getrimmten Fernseh-Dreiteilers. Bedachtvoll und distinguiert eröffnen Angela Winkler als Nikolais Ehefrau und Naomi Krauss als seine Schwägerin ihre Familienfront gegen den Hausherrn. Max Hopp als Schwager sekundiert ihnen laut auflachend und unbeirrbar jovial. "Ich verstehe es nicht", so wehren sie Nikolais radikale, wortgläubige Bibeltreue ab. Das wird an diesem Abend häufiger gesagt, mal pikiert, mal der Resignation nahe.

Denn mit Verve tritt er auf: Hans-Michael Rehberg ist Nikolai, in Reitstiefeln und weißem Leinenhemd. Er drückt einem Lakaien fest die Hand – und für Momente glüht der Schlosspark. "Die Erde / ist für alle da. / Sie kann also niemandem wirklich gehören. / Wir haben nicht einen Handschlag für dieses Stück Erde getan." Wort für Wort, wuchtig, donnernd birgt er die Glaubensformeln aus der Tiefe seiner späten Jahre. Ein düsteres Vorwehen von einem Lebensendorkan, ein König Learsches Manifest der Gottesfurcht.

Fromme Milde, hitzige Emphase
Doch, ach, mit diesem ersten Auftritt ist alles gesagt. Tolstois Stück erweist sich zu Recht als Ladenhüter der Weltliteratur, denn es gönnt seinen Figuren keine Entwicklung. Die Erweckungsprosa stemmt so unterinformiert wie argumentationsfrei platteste Gutmenschenallüren auf die Bretter (Eigentum ist Raub). Abwechselnd mit frommer Milde oder hitziger Emphase gibt Nikolai den verhinderten Bettelmönch. Taten folgen seinen egozentrischen Mantras nicht. Stellvertretend biegt sein zarter Schwiegersohn in spe (Tammo Winkler als Boris) in die religiöse Selbstbeschränkung ab, wird Wehrdienstverweigerer und landet dafür in Irrenanstalt und Arbeitslager.

Bei Tolstoi wird in einer Variante für den Dramenschluss Boris’ resolute Mutter (Traute Hoess) zur Rächerin an Nikolai. Schlöndorff/Ahrens lassen hier stattdessen den Helden (gleich seinem Autor) vor der tanzenden Familie fliehen und kollabieren. Das Schlussbild, dem Boris hinzutritt, aber bleibt so bedeutungshubernd kühl wie der Rest. Es geht der Inszenierung wie dem Tolstoischen Drama: Alles ist redlich gedacht, nichts vital ausgeführt.

Narkotisiert vom Thesentext
Voll Kummer verfolgt man das glanzvoll aufgestellte Ensemble, wie es sich an einem faden Thesentext selbst narkotisiert, allein gelassen von einer Regie, die sich verzweifelt nach Kamera und Schnitt zu sehnen scheint. Nirgends gibt es Nähe, Berührung. Man atmet lediglich Staubiges aus der Rumpelkammer. Junge Fräulein dürfen gackern und verschämt den Avancen von sittsamen Herren zunicken (Ninja Stangenberg als Nikolais Tochter Ljuba). Winkler und Krauss begegnen Rehbergs Nikolai wiederholt unschlüssig, ob sie nun selbst kindisch vor ihrem Herrn oder herrisch mit diesem Kind sein sollen. Schließlich wissen sie von der ersten Szene an: "Dein Mann macht sich zum Narren."

Vereinzelte Lacher und Kommentatoren aus dem Publikum ("Durchhalten!") können dieses Wachsfigurenkabinett des vorrevolutionären Russlands nicht aufschrecken. Alle halten tapfer durch. Und das Gros des Publikums quittiert den seelengut seelenfreien Museumsschinken in angemessen statuarischer Weise: mit kurzem, freundlichen Applaus – sitzend und stehend.

PS.: Die Inszenierung ist eine deutsch-russische Koproduktion der Stiftung Schloss Neuhardenberg und des Staatlichen Museums Landgut Lew N. Tolstoi Jasnaja Poljana (mit russischen Untertiteln gespielt). Sie hat am 9. September 2009 in Jasnaja Poljana Premiere.

Und das Licht scheint in der Finsternis
von Lew N. Tolstoi
In der Textfassung von Gerhard Ahrens nach der Übersetzung von Werner Creutziger
Regie: Volker Schlöndorff, Bühnenbild: Mark Lammert, Kostümbild: Mark Lammert, Nina Gundlach, Dramaturgie: Gerhard Ahrens, Musik: Jan Tilman Schade.
Mit: Hans-Michael Rehberg, Angela Winkler, Julian Bisesi, Gideon Finimento, Ninja Stangenberg, Naomi Krauss, Max Hopp, Traute Hoess, Tammo Winkler, Ulrike Beerbaum, Sebastian Straub, Willem Menne, Jan Tilman Schade, Hubert Münster.

www.yasnayapolyana.ru
www.lew-tolstoi.eu
www.schlossneuhardenberg.de

 

Mehr lesen über Tolstoi auf deutschsprachigen Bühnen?  Im März 2009 untersuchte Barbara Weber in Zürich anhand einer Bühnenfassung von Anna Karenina heutige Glücksansprüche. Jan Bosse inszenierte bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2008 die Uraufführung von Armin Petras' Dramatisierungsversuch des Romans mit Fritzi Haberland in der Titelrolle.

Kritikenrundschau

Katrin Bettina Müller (taz, 17.8.) erinnert das Schlosspark-Ambiente in Neuhardenberg, wo Volker Schlöndorff Tolstois spätes Drama "Und das Licht scheint in der Finsternis" inszeniert hat, stark an eine "Liebhaberbühne": "Gebildete Dilettanten spielen für ein feudales Publikum." Mit "gutem Grund" werde diese Stück "nur selten aufgeführt. Es ist zäh." Was den Stoff trotzdem interessant mache, sei "die Ambivalenz, mit der Lew Tolstoi auf Probleme blickt, die auch seine eigenen waren", zwar die Ansichten seines Protagonisten teile und dennoch zeige, "wie dessen Selbstgerechtigkeit, sich als einziger Christ unter lauter Heuchlern zu wissen, zum Tyrannen macht". Schlöndorff habe draus allerdings nicht viel gemacht. Die Inszenierung, insgesamt das "Puppenstubenbild einer verlorenen Utopie", klebe am Text, sie wirkt, als habe man sie "mit Ausschneidefiguren aus Papier eingerichtet", auch wenn die Schauspieler "für einige bewegende Szenen" sorgten.

Dirk Pilz, für die Berliner Zeitung (17.8.) in Neuhardenberg, hat sinnfreies "Kostüm-, Star- und Deklamiertheater", "peinvolles Herumstehen", "seltsam entrückte Gesten-, Silben- und Pathoswerferei" gesehen. Abgesehen von den Schauspielern, die über jeden verunglückten Theaterabend hinwegzutrösten vermögen, findet er das Ganze einfach "furchtbar". Nirgends verstehe man, was die Regie "bewogen haben mag, diesen Text an diesem Ort zu dieser Zeit" zu inszenieren. Dass Schlöndorff mit dem Stück nichts anzufangen weiß, sei allerdings allzu verständlich: ein "thesenhaftes, seltsam fleischloses Stück", alles "papieren, letztlich privatistisch", bei den Figuren "keine Entwicklung, kein Erkenntnisgewinn, kein ästhetischer Mehrwert". Einzig die Strichfassung weiß Pilz zu loben. Auf der Bühne herrsche meist "das nackte Bühnenelend", ganz "nach dem Muster eines Museumstheaters gestrickt". Schlöndorff wisse "seine Figuren nicht zu führen und mutet den Schauspielern zu, sich irgendwie durch die Rollen zu wurschteln. (...) Von Theaterspielen kann dabei kaum die Rede sein" –  "Wie lieb- und einfallslos verschleudert die Regie das Potenzial dieses Edelensembles!"

Bezüglich der Textvorlage ist Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel (17.8.) anderer Meinung: Für ihn sprüht es geradezu vor Aktualität, er fühlt sich an den Fall der fristlos gefeuerten Kassiererin Emmely erinnert. In jedem Moment merke man dieser Schlosspark-Veranstaltung allerdings an, dass sich hier mit dem Romancier Tolstoi und dem Filmregisseur Schlöndorff "zwei theaterferne Künstler" begegneten. Schlöndorff klebe "eine kleinteilige Szene an die andere". Lammerts Bühne produziere als "Illusionsmaschinerie" "Innenräume unter freiem Himmel", dazu "schlechter, künstlicher Mikroport-Sound". Es fehle "jegliches Gefühl für Raum und Rhythmus". Die Schauspielerin hätten "überhaupt keine Zeit, einen Konflikt zu entwickeln (...). Da ist kein Satz, der sich setzen kann, der ein Echo hätte; nur Rumsteh- und Aufsagetheater". Schlöndorffs Missverständnis ist es, so zu tun, als sei der Dramentext "kein Fragment, sondern ein dramaturgisch ausgereiftes Stück". Er hätte lieber "eine offene Form (...) für Tolstois Sozialdebatten" finden sollen, statt den "Sprengstoff" in "vordergründigem Salontheater" einzusperren.

Für Christopher Schmidt von der Süddeutschen Zeitung (17.8.) ist die "fehlende Distanz zur Hauptfigur" das Hauptproblem des Tolstoi-Textes mit seinem "klassischen Konflikt zwischen Moral und Hypermoral", der Protagonist ein "wandelnder Widerspruch", dem Rehberg "durchaus komödiantische Momente" abgewinne. Die "autobiographische Nähe" des Stücks werde auch von der Inszenierung beglaubigt. Das Spiel der Darsteller erstarre auf der Bühne "in hölzernen Tableaux" und verströme "die gepflegte Langeweile einer diplomatischen Stehparty. Unendlich langsam und deutlich wird der Text aufgesagt, ohne Rhythmuswechsel oder Verdichtung". Zwar sei Schlöndorffs filmisches Auge der "Delikatesse der Arrangements" zuträglich, die Schauspieler jedoch seien "in diesen Bildern wie festgeschraubt". Schnelle Szenenwechsel und ansonsten eine "Statuarik, die den Schauspielern wenig Gestaltungsraum lässt".

Derart "radikale Worte über das Verhältnis von Eigentum als (Kapital-)Verbrechen und Religion als Opium fürs Volk" habe man in Neuhardenberg seit dem Ende der DDR gewiss nicht mehr vernommen, schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen (17.8.). Sie hat den Eindruck von einem richtigen Film im falschen Medium. Die Darsteller agierten bei "gemütlichem Parlando" "so diskret, als vergrößere eine Filmkamera ihre Gestik und Mimik". Die Atmosphäre des Ganzen, das sich allzu bald "in prätentiöser Langeweile" verliere, erinnere dabei "an ein Kurkonzert der gehobenen Sorte, bei dem man sich als Hors d'oeuvre fürs Abendessen ein bisschen Ideologiekritik, Moralbeilage und Kunsternst gönnt".

Matthias Heine
von der Welt (17.8.) überzeugen an Schlöndorffs "kreuzbraver, von jeder Regietheateranwandlung freier Inszenierung" vor allem die Schauspieler. Während Rehbergs Hauptfigur auf ihn "mehr und mehr wie ein suppenkasperhaft insistierender Dickkopf" wirkt, "der sich selbst und andere ins Verderben stürzt", ist ihm dessen von Winkler verkörperte Gattin schon wesentlich sympathischer, "solche Zerrissenen sind auf der Bühne immer interessanter – vor allem, wenn sie von Deutschlands größter Schauspielerin dargestellt werden". Weitere "mimische Glanzlichter": Max Hopp und Naomi Krauss.

"Statt gegen die Schönheit im Schlossgartern anzukämpfen, malt Schlöndorff sie aus", schreibt Rainer Burkard (Die Zeit, 20.8.). Es gehe dieser Inszenierung dabei nicht nur die "Konzentration des Gedankenstücks" verloren, sondern auch die "Kernszene", jene Szene, in der Sarynzew die armen Bauern besucht: Sie ist gestrichen. Für Sarynzew gebe es danach kein Zurück mehr, "aber auch der Zuschauer kann ihn dann nicht mehr für einen Don Quichotte halten oder Kapitän Ahab". Weil sie fehle, versuche Rehberg im Alleingang, "die Sache seines guten Menschen vorzubringen". "Großes Theater würde seine Zuschauer zwingen, dabei zuzusehen, wie ein guter Mensch vor die Hunde geht. Großes Theater würde den Menschen vorlügen, es wäre ihr eigenes Leben." Schlöndorff aber verkitsche das Tolstoi-Drama zum "Rührstück".

 
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