Eine irische Dreifaltigkeit

von Theresa Valtin

Edinburgh, 3. September 2009. Das Gate Theatre aus Dublin feierte beim diesjährigen Edinburgher Festival den 80. Geburtstag Brian Friels, des wohl bedeutensten irischen Theaterautors der Gegenwart, mit der Aufführung drei seiner Stücke. Der 1929 geborene Friel schreibt seit einem halben Jahrhundert wegweisendes Theater. In der Ruhmenshalle irischer Dramatiker steht er neben Samuel Beckett, J.M. Synge and Sean O’Casey. Mit seinem poetischen und teils surrealen Stil, mit seiner Begabung, Wort und Bedeutung intelligent zu verschlingen, und mit Meisterwerken wie "Philadelphia", "Here I Come!"," Tranlastions" und "Dancing in Lughnasa" hat der in Derry geborenen Schriftsteller Irlands Theaterlandschaft entscheidend geprägt und sich einen Platz unter ihren Heiligen gesichert.

The Faith Healer
Dabei wurde "Faith Healer", eines der drei Stücke, die beim Edinburgher Festival zu sehen waren, zu Beginn der 80er Jahre mit der Begründung, es sei aufgrund fehlenden Dialogs und mangelnden Wechselspiels kein Theaterstück, zurückgewiesen.

"Faith Healer" ist die Geschichte des Wunderheilers Frank Hardy, der in der Vergangenheit durch Schottland und Wales reiste und mit seiner Gabe ein leichtgläubiges Publikum köderte. Allein durch Monologe Franks, seiner Frau Grace und seines Managers Teddy entfaltet sich die Geschichte. Die drei Akteure erzählen dem Publikum jeweils ihre Version davon, was auf ihren Reisen in abgelegen Orte geschah. Zunächst berichtet Frank selbst von diversen Begebenheiten und im besonderen von einem unangenehmen Vorkommnis in Donegal, bevor er eingesteht, dass seine Wunderkräfte doch ein wenig unberechenbar sind und nur in neun von zehn Fällen ihre Wirkung erzielen. Grace hingegen, die Frank als seine Geliebte ausgibt, präsentiert sich im folgenden als Ehefrau und fügt den bereits erwähnten Geschehnissen in Donegal gar ein totgeborenes Kind hinzu. Auch Manager Teddy bietet in seiner Version im dritten Akt weitere zum Teil widersprüchliche Details.

Ist Frank Hardy also wirklich ein Wunderheiler, dessen unzuverlässige Gabe allein durch Alkohol und Selbstzweifel getrübt wird, oder ist er ein geschäftstüchtiger Scharlatan? Ist Grace tatsächlich seine Frau, und was hat es mit dem Tod des Kindes auf sich? Wer sagt die Wahrheit?

Regisseur Robin Lefevre visualisiert diese Vieldeutigkeit in seiner schlichten Inszenierung, wenn er besipielsweise Frank (Owen Roe) nach der Hälfte seines Monologes seinen bedrohlichen, sargartig wirkenden Mantel abnehmen und plötzlich in einem viel verletzlicheren Licht dastehen lässt. Auch Ingrid Craigie gelingt es, Graces Charakter in Verwirrtheit zu zeichnen, während Kim Durham als Teddy durch seine unbeschwerte Plapperei eine unerwartete Hingebung schimmern läßt.

Afterplay nach Tschechow
Friels Stücke "Afterplay" und "The Yalta Game" basieren auf Werken Anton Tschechows. In "Afterplay" spekuliert Friel darüber, wie ein Weiterleben Sonjas, einem Charakter aus Tschechows Drama "Onkel Wanja", ausgesehen haben mag.

Bei ihm trifft Sonja als Mitvierzigerin in einem Café ausgerechnet auf Andrei, einen Protagonisten aus Tschechows "Drei Schwestern". In einer faszinierenden Begegnung verbergen Sonja und Andrei zunächst voreinander ihre Einsamkeit und Unsicherheiten, bevor sie nach und nach die entsponnenen Fantasien aufdecken und mehr und mehr vom wahren Ich preisgeben. Sonja, die zu Beginn als tüchtige Frau auftritt, die sich nicht unterkriegen lässt, und Andrei, der ein talentierter Violinist zu sein scheint, der in den renommiertesten Opernhäusern der Welt spielt, entblößen sich langsam als verletzliche Menschen, die vor den Wendungen ihres eigenes Lebens resigniert haben und ihre Schicksale als vertan anerkennen, anstatt sie selbst in die Hand zu nehmen.

Frances Barber und Niall Buggy haben in der erneut ganz schlichten Inszenierung unter Regie Garry Hynes Gelegenheit, ihre Talente als Charakterdarsteller unter Beweis zu stellen. Es gelingt Hynes mit fahler Beleuchtung und kargem Bühnenbild, die Verlorenheit der Protagonisten zu verbildlichen und ihren brillianten Dialog durchgehend glänzen zu lassen.

The Yalta Game nach Tschechow
Auch "The Yalta Game", das auf Tschechows "Die Dame mit dem Hündchen" basiert, thematisiert die Wechselbeziehungen von Wahrheit und Erfindung, Traum und Wirklichkeit. Das Stück erzählt von der Urlaubsromanze zwischen dem verheirateten Gurov (Risteard Cooper) und der ebenso vergebenen Anna (Rebecca O’Mara), deren flüchtige Begegnung so lange nachhallt und die beiden so sehr bewegt, dass sich erneut treffen und ein Leben voller Lügen und Täuschungen beginnen.

Der Titel des Stückes bezieht sich auf ein Spiel, das die Besucher des gleichnamigen Ferienortes spielen; um sich die Zeit zu vertreiben, erfinden sie hanebüchende Geschichten über die anderen Touristen. Doch sind Annas und Gurovs Existenzen etwa realer, ist ihre Affäre nicht ebenfalls nur eine Fantasie?

Patrick Masons akribisch einfache Inszenierung mit lediglich einer Anzahl von Holzstühlen auf der Bühne, verleiht dem Stück und seinem Text eine ungeheuer starke Präsenz. Risteard Cooper ist als Schwerenöter Gurov herrlich theatralisch, was im Einklang mit der komödiantischen Leichtigkeit von Tschechows Original steht. Im Zusammenspiel mit Rebecca O’Maras launischer aber zerbrechlicher Anna entsteht auch hier eine vielschichtige Bittersüsse.

"The Yalta Game", genauso wie "Faith Healer" und "Afterplay", bieten Friels Reflexionen über  die Kunstgriffe des Theaters, als einem Ort der Imagination. Im Grunde genommen ist das Theater selbst Ort des Yalta-Spiels, bei dem das Publikum die erfundenen Schicksale der Akteure beobachtet und sie meist als wahr und gegeben hinnimmt.

Tschechows Thematik von Realitätsentfremdung, Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht kommen Friel dabei sehr entgegen. In allen drei Stücken konfrontiert uns Friel mit der Frage, wieviel Vertrauen wir in Geschichtenerzähler, und damit auch in ihn selbst als Dramatiker, legen wollen und können. Wenn Gurov in "The Yalta Game" das Publikum bittet: "Glauben Sie mir!", beinhaltet dieser simple Satz wie alle noch so klar gezeichneten Stücke Friels gleichzeitig eine die essentielle Frage nach der Bedeutung und dem Sinn des Theaters selbst.

Faith Healer
von Brian Friel
Regie: Robin Lefèvre, Bühne: Liz Ascroft, Licht: James McConnell, Musik und Sounddesign: Denis Clohessy.
Mit: Ingrid Craigie, Kim Durham, Owen Roe.

Afterplay
von Brian Friel
Regie: Garry Hynes, Bühne: Francis O'Connor, Licht: James McConnell, Musik und Sounddesign: Denis Clohessy.
Mit: Frances Barber, Niall Buggy.

The Yalta Game
von Brian Friel
Regie: Patrick Mason, Bühne: Liz Ascroft, Licht: James McConnell, Musik und Sounddesign: Denis Clohessy.
Mit: Risteárd Cooper, Rebecca O'Mara.

Alle drei Stücke sind Produktionen des Gate Theatre Dublin.


Mehr zum diesjährigen Festival in Edinburgh: Eine Kritik zu Ong Keng Sens Diaspora und etwas über den Faust von Silviu Purcarete.

 

 
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