Geiseln des Schicksals

von Daniela Barth

Hamburg, 4. September 2009. Richtig spannend wird Theater, wenn es von der Realität – der wirklichen Wahrheit sozusagen – eingeholt wird: Während der letzten Proben zur Uraufführung vom "The truth about The Kennedys"- Projekt, dessen Premiere gestern die Spielzeit im Hamburger Thalia Theater endgültig eröffnete, verstarb der letzte Patriarch des Kennedy-Clans, Edward "Ted" Kennedy, der jüngste Bruder des ermordeten Präsidenten JFK.

Inszenator und gleichzeitig neuer Leitender Regisseur im Musentempel am Alstertor, der belgische Regisseur Luk Perceval, konnte diese Tatsache kaum ignorieren. Und so bekamen die letzten Szenen der über dreieinhalbstündigen Eröffnungspremiere, in denen Bernd Grawert sich schweißtreibend in die Rolle des Ted stürzt, der am Mythos seiner erfolgreicheren Brüder John F. und Robert regelrecht verzweifelt, schließlich doch noch so etwas wie existenzielle Wucht.

Urformen mündlichen Erzählens

Edward Kennedy, der sein Schicksal brüllend gegen einen Hurrican herausfordert wie ein tollwütiger Affe; der tobend an der Familien-Hybris scheitert. Und der kurz vor seinem irdischen Abgang einen neuen Polit-Hybriden generiert: Barack Obama. Die scheinbar plötzlich über die Bühne hereingebrochene Wirklichkeit verschafft der ansonsten dokumentarischen Montage von Zeitzeugentexten eine unerwartete überspitzte Dramatik, die das transportiert, was man an diesem Abend sonst eher vermisst: Emotion. Der bisher beobachtende Zuhörer wird ergriffen. Endlich!

Er glaube nicht mehr so richtig an das illusionistische Theater, sagt neulich der hochgelobte Regisseur Luk Perceval (zuletzt für Kleiner Mann, was nun? an den Münchner Kammerspielen). Ein Abgesang? Perceval sieht diese Haltung wohl eher als Aufbruch, der einen neuen künstlerischen Geist im Thalia hervorrufen soll: ihn interessiert die Urform des mündlichen Erzählens – und er erweckt sie nun zur ganz eigenen Bühnensprache.

Sein dokumentarischer Blick hat zunächst auch durchaus seinen Reiz. In "The truth about THE KENNEDYS" schickt Luk Perceval seine neun (durch die Bank überzeugenden, weil mit einer geradezu faszinierenden textlichen Besessenheit durchdrungenen) Schauspieler mitten hinein in eine 160 Jahre umfassende Erzählung vom politischen Aufstieg, Wirken und Fall der Kennedy-Dynastie. Sie sind die Boten, die "the truth", also "die Wahrheit" verkünden, um sie zu ihrer eigenen zu machen. Zwar schlüpfen sie nie in eine Rolle. Die "Ich"-Form bleibt gänzlich ausgespart.

Königsdrama im Fluss

Doch allein schon die exzessiv vorgetragenen Berichte lassen die Figuren lebendig werden. Das Kino, das sich in den Köpfen der Schauspieler abspielt, zu denen Stars wie Bibiana Beglau und Hans Kremer gehören, wird sichtbar gemacht. Aber eben – bis auf die oben genannte Ausnahme – nur sichtbar, nicht fühlbar. Denn dieser starren dokumentarischen Form der Darbietung fehlt zwangsläufig ein wichtiges dramatisches Element: die Figuren sind festgelegt, ihre Entwicklung auf der Bühne ist somit natürlich nicht möglich.

Die stets routierende Drehscheibe (Bühne: Annette Kurz), auf der die Protagonisten häufig laufen wie im Hamsterrad, und der kongeniale Gitarrenkommentar des Bühnenmusikers Lothar Müller halten diese außergewöhnliche Text-Inszenierung dieses als zeitgenössisches "Königsdrama" aufgefassten Stücks im Fluss. Und man bleibt trotz fehlender Handlung am Ball.

Was neben dem dokumentarischen Interesse Percevals und der Infragestellung von "Wahrheit" an sich (die Friedrich Nietzsche zufolge "krumm" ist) sonst noch zur Inszenierung dieses Familienstoffes motiviert hat, bleibt irgendwie schwammig. Es geht um klassische menschliche Themen wie Ehrgeiz, Machstreben, Manipulation, Gewalt, Schuld, Sühne, Schicksal..., die vermutlich auch unsere Politiker hierzulande antreiben oder hemmen. Ja. Aber das sind keine Neuigkeiten. Hier überstrahlt die theatralische Form den eher blass bleibenden Inhalt.

Marionetten des Erfolgs

Spannend ist sicherlich die Darstellung der Kennedy-Familien-Struktur: "Neun Geiseln des Schicksals" seien seine Kinder, sagt der Übervater Joe einmal – ein Patriarch, der seinen politischen Ehrgeiz auf die Söhne projiziert, sie zu seinen Marionetten macht und zu Erfolgsmenschen erzieht. Am gleichen Strang zieht Mutter Rose, eine kontroll- und herrschsüchtige Frau. Statt Liebe setzt es Hiebe. Aber das wissen auch die Leser von "Gala".

Ob gewollt oder nicht: die Inszenierung erinnert auch ein bisschen an Luk Percevals mehrfach ausgezeichnete legendäre "Schlachten" vor zehn Jahren am Hamburger Schauspielhaus: großformatiges episches Theater, stofflich und sprachlich komplex gefüllt mit Shakespeares Königsdramen. Erinnerungen lösen bekanntlich Emotionen aus: gestern im Thalia waren es, wie den hörbaren Buh-Rufen zu entnehmen war, allerdings nicht nur positive.

 

The Truth about THE KENNEDYS
ein Projekt von Luk Perceval
Inszenierung: Luk Perceval, Bühne: Annette Kurz, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Musik: Lothar Müller, Video: Philip Bußmann, Licht: Mark Van Denesse. Mit: Hans Kremer, Bibiana Beglau, Bernd Grawert, Christina Geiße, Sandra Flubacher, Oda Thormeyer, André Szymanski, Rafael Stachowiak, Nadja Schönfeldt.

www.thalia-theater.de


Mehr
lesen? In München triumphierte Luk Perceval im April 2009 mit seiner Theaterversion von Hans Falladas Wirtschaftskrisenroman Kleiner Mann, was nun? in Szene. Auch die Thalia-Eröffnungspremiere 2009, das Hamlet-Bürgerprojekt 2beornot2be beruht auf einer Idee Percevals.

 

Kritikenrundschau

"Thalia bleibt Spitze!" befindet Werner Theurich auf Spiegel Online (5.9.) nach Inaugenscheinnahme von Luk Percevals Projekts "The Truth about THE KENNEDYS", das dank seines "souveränen Konzepts", einem "blendend aufgestellten Ensemble" und beeindruckend effizientem Bühnenbau "vom Start weg" spannend und swingend fand. "Ein monumentales Bauwerk aus Zeitungen begrenzt den Bühnenraum nach hinten, einschüchternde Medienmacht und Projektionsfläche für die überlebensgroßen Portraits der historischen Figuren - ein ebenso schlichtes wie kraftvolles Bild." Das Ensemble spiele "heldenhaft gegen dieses Verschwinden an. Tempo ist das Stilprinzip. Es gibt kaum feste Rollen, ständig wechselt die Perspektive, die Sprachebene, der Klang, das Arrangement der Stimmen und Körper: ein Lehrstück über Personenregie, das Luk Perceval hier über Stunden zelebriert und das zu keiner Sekunde an Intensität verliert." Besonders hat den Kritiker Bibiana Beglau mit ihrer "atemberaubend gespenstische Darstellung der Clan-Mutter Rose Kennedy" begeistert.

"Nein, das war wirklich noch nicht der große Wurf, den man von einem Spielzeitbeginn unter einem neuen Intendanten erwartet", bedauert Armgard Seegers vom Hamburger Abendblatt (6.9.) Ein langweiliger und farbloser Abend, "Dramaturgentheater und Textbewältigung, kein Theaterspiel, bei dem man die Tragödien in den Menschen wieder erkennen kann. Die Wucht des Schicksals oder die Abgründe der Liebe - hier wird nur davon gesprochen." Das Schlimmste was man über den Abend sagen könnte: "Er wirkt, wie ein abgelesener Wikipedia-Text. Und in der Tat lesen die Schauspieler ihre Texte auch von einer Art Teleprompter am Ende des Zuschauerraums. Das Beste was man über diesen Abend sagen könnte: Er eignet sich sehr gut als Geschichtsunterricht für Schulklassen."

"Wikipedia auf der Bühne!" findet auch Volker Corsten in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (6.9.) "Etwas, das wie die Vorlage für eine Illustriertenserie wirkt - der 'Stern' sollte sich das Material sichern für den Fall, dass er mal etwas anderes als 'Sex in aller Welt' machen will. Die fünf Frauen und fünf Männer, die laut Titel nach der Wahrheit suchen sollen, erzählen linear und brav den Aufstieg und Verfall dieser Familie, schlüpfen ab und zu in die Rollen einzelner ihrer Mitglieder, sparen dabei das berühmteste aus ('Wo ist Jack? Jack ist weg!')." Einzig Bibiane Beglau gelinge es, der eisenharten Patriarchin Rose Kennedy so etwas wie Persönlichkeit einzuhauchen.

Für Stefan Grund von der Welt (7.9.) zeigt diese Uraufführung einmal mehr, dass nicht jeder gute Regisseur und Dramaturg auch ein guter Dramatiker ist: "miserabel" findet er Percevals Textcollage, die dieser gemeinsam mit den Dramaturgen Marion Tiedtke und Malte Ubenauf "verbrochen" habe. Zwar mühten sich die "vorzüglichen" Schauspieler "tapfer, Nektar aus dieser Pappblüte zu saugen, die stark an einen leicht in die Länge gezogenen 'Stern'-Artikel erinnert, wobei das Niveau des Magazins leider nie erreicht wird". Perceval schaffe "das Unvorstellbare: Er findet eine spannungsabsorbierende Form, die selbst diese hochexplosive Geschichte stinklangweilig macht. Der Zuschauer erfahre den ganzen Abend über "nicht eine einzige wesentliche Neuigkeit über die Kennedys", und "auch neue Informationen verpuffen überwiegend emotionslos. Jedes Komma in einem Königsdrama von Shakespeare entfaltet mehr dramatische Sprengkraft, als dieser gesamte Text". Nur ein gutes Haar lässt der Kritiker an dieser Inszenierung: Gerade in dieser "komplett vermurksten Eröffnungspremiere" sei die "Kraft des neuen Ensembles sichtbar" geworden, "das kennedygleich bis zum bitteren Ende kämpft".

Frauke Hartmann
(Frankfurter Rundschau, 7.9.) weiß, dass Perceval das Kennedy-Material bereits 2007 mit Frankfurter Regie- und Schauspiel-Studierenden erarbeitete und dereinst im Mousonturm auch einen "kleinen szenischen Versuch" präsentierte. Und nun würde das Ganze also eingedampft als "nackte Erzählung" von einer "Reihe exzellenter Schauspieler dargeboten wie ein Ritt durch die in Jahrzehnten gesammelte Klatschpresse". Perceval wolle mitnichten die Wahrheit der Kennedys zeigen, diese entstehe woanders, nämlich "in den flüchtigen Momenten, in denen die Erzähler mit dem Erzählten verschmelzen". In dem von Perceval heraufbeschworenen "Kopfkino" sei es "fast egal, was man sieht." Dabei findet Hartmann es "schier unglaublich, wie es alle Schauspieler schaffen, sich in die Kennedy-Figuren zu verwandeln, von denen sie gerade erzählen, ohne sie zu spielen". Sie kommt sich "vor wie der Beobachter eines Experiments mit der Frage: Was kann man aus Schauspielern heraus holen, wenn man ihnen alles wegnimmt?" Offene Fragen hinterlasse der Abend allerdings leider nicht – "sein größtes Manko. Er bleibt genau das, was er nicht sein will: Geschichtsklitterung auf hohem Niveau".

Aus einem reichen Bilderreservoir schöpft Perceval, schreibt Simone Kaempf in der taz (8.9.). "Zeitungsstapel türmen sich beeindruckend im Bühnenhintergrund bis zur Decke und bilden die Leinwand für die bekannten Medien- und unbekannten Kennedy-Familienfotos." Beglaus Rose und Hans Kremer als Patriarch Joe sind die offensichtlichen Herrscher der Familie - und der Inszenierung."Aufstieg und Tod der Söhne JFK, Bobby und Edward erzählen sich aus ihrer Sicht nur noch wie eine Anekdote", und das sei das Problem des Abends, der trotz seiner erzählerischen Schlichtheit überfrachtet ist: im Ansatz moderne Tragödie, aber auch viel zu viel retrospektive Geschichtsstunde. Familiendefekte würden  offengelegt, die kriminellen Machenschaften der Politik genauso erzählt wie die Dauerhaftigkeit der Medienbilder. "Interessant wäre das wechselseitige In-den-Blick-Nehmen der Kennedys und der Kennedy-Bilder, der Sicht von außen und aus dem Inneren der Familie. Aber genau das findet nicht statt."

Dass es der Welt- und Privatgeschichte an ereignisreichen Tragödien fehlen würde, diese Ausrede gelte im Fall der Kennedys nicht, "denn in dieser Familiengeschichte stecken mindestens eine 'Orestie' und fünf Königsdramen", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (8.9.). Dennoch ist er enttäuscht. "Percevals Text ist dem Charakter nach ein Script für ein Doku-Feature. Es enthält keine Szenen der Darstellung, keine ausagierten Konflikte, keine Reflexionen der Figuren über ihr Handeln, keinen dramatischen Bogen, keinen Perspektivwechsel." Manches davon finde sich in der Inszenierung in Ansätzen, "aber die längste Zeit ist die Wahrheit über die Kennedys eine entmenschte Präsentation vermeintlicher Fakten". "Vielleicht wollte Perceval etwas Neues probieren. Oder er suchte eine passende Antwort auf die 'Schlachten!', die neunstündige Fusion der Königsdramen Shakespeares, mit der er vor zehn Jahren am Schauspielhaus in Hamburg ankam und berühmt wurde. Aber das frontale Aufsagen mit kleinen formalen Gestaltungsideen ist für diese Probleme höchstens eine Expressantwort."

"Mythen leben nicht nur von der Story, dem Konflikt und den Katastrophen", schreibt Dirk Pilz (NZZ, 9.9.). "Sie leben von ihren Figuren und einem literarisch über sich selbst hinausweisenden Text." Percevals Textgrundlage habe das nicht: "keine Figuren und keinen Text, der mehr ist als sein Inhalt. Statt den Stoff zu gestalten, wird er mit viel Lust an der Spekulation dramaturgisch lediglich organisiert." Mit Folgen: "Die zehn gleichzeitig unter- und überforderten Darsteller werden zu Textaufsagepuppen in einem Spiel, das sich im Andeuten von Situationen und Szenen erschöpft." Das Dokumentarische ersticke so alles Dramatische, die Tragödie bleibe Behauptung "und lässt die Einschlafschwelle rapide sinken".

 

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