Gottlose Fußlümmelei

von Michael Laages

Dortmund, 5. September 2009. Wenn das zum guten Ende keine Vision ist von Rang: eine ganze Stadt als Silhouette in Schwarz und Gelb; schwarz sind die Häuser, gelb ist das Licht, das in den Fenstern scheint. Und alles, was da webt und wirkt, trägt einen Namen nur: Borussia. Das Theater, die Bank, der Bahnhof, das Bier – so hätten es die Dortmunder wohl gern, die in diesem Jahr auf verschiedenen Ebenen den 100. Geburtstag des lokalen Fußballvereins feiern.

Das Schauspiel des nach Jahren des Mittelmaßes scheidenden Direktors Michael Gruner hat sich an- und eingeschlossen. Allerdings nicht etwa mit einem Fußball-Drama, einem "richtigen" Theaterstück (was es ja auch gäbe, von Klaus Pohl etwa oder Wolf-Dietrich Sprenger zum Beispiel), und auch nicht mit einem szenischen Historien-Bilderbogen (wie etwa vor Jahren in Kaiserslautern mal das Leben der heimischen Helden vom Betzenberg auf der Bühne erzählt wurde), sondern mit blankem Tingeltangel.

Fan-Gesänge vor schwarz-gelber Skyline

Bruno Knust, als Ruhrpott-Original "Günna" weltberühmt beim Publikum des Theaters im Olpketal, und nebenbei auch Ansager im Westfalenstadion, hat aus einer üppigen Sammlung eher mäßig animierender Fan-Gesänge und ein paar szenischen Versuchen über Wesen und Werden des Borussia-Projekts recht grob ein Stück Revue gezimmert, das zur Premiere viel bejubelt wird, aber sich kaum sehen lassen kann über den Geburtstagsanlass hinaus. Und am Ende dieser Revue steht auf Michael Wienands Bühne nun also diese Vision von der "Skyline" einer schwarzgelben "Borussia-Stadt".

Knusts Revue beginnt passabel, nach einer kleinen Ansprache von Ober-Aktionär und Vereinspräsident Reinhard Rauball (der den Schauspieldirektor, so weit geht die Freundschaft, beständig "Gruber" oder "Huber" nennt), nach rituellem Absingen der Borussia-Hymne "Leuchte auf mein Stern Borussia" zur vieler Orts vertrauten Musik von "Amazing Grace" sowie unter halbwegs animiertem Schwenken gelb leuchtender "Knickstife" im Saal.

Bolzen statt Beten

Gerade hat der Pfarrer der katholischen Gemeinde im rasch wachsenden Viertel um den Dortmunder Borsigplatz im armen Norden der Stadt ein feurige Philippika gegen die grassierende "Fußlümmelei" aus England vom Stapel gelassen, und sich vor lauter Furor auch schon mal im Text verheddert, da treffen sich schon die ersten sechs kernigen Kollegen aus Hoeschs Stahlschmiede.

Einer hat aus Kickers Mutterland einen Ball mitgebracht bekommen, und – von Pfarrers Dewalds weihräuchernden Predigten haben sie ohnehin genug – auf der "Weißen Wiese" wird bald unabhängig von der Kirche gebolzt wie nichts Gutes, und hinterher ein schönes Blondes gezischt. Wie der neue Club denn heißen soll, fragt sich die fußlümmelnde Bande – und die Antwort steht sozusagen schon auf'm Tisch: "Borussia"-Bier gibt's schon. Und die örtliche Zeitung heißt "Tremonia".

Mit dem Dekor an der Trinkhalle rechts auf der Bühnenseite hat sich das Theater wirklich Mühe gegeben: originale Zeitungstitelblätter von 1909 inklusive. Werbung für die "Thier"-Brauerei gibt's übrigens auch. Deren alte Gebäude gleich neben dem Theater werden gerade abgerissen. Die Stadt sieht hier aus wie nach einem Bomben- oder Terroranschlag. Wenn der Neubau fertig ist, wird sie sicher wieder ein bisschen hässlicher sein.

Als Gott den Dortmunder schuf

Das bleibt ja in der Folge auch nach der "Borussia"-Gründung (und ist bis heute) eines der zentralen Dortmunder Probleme: die Stadt an sich ist kein Erfolgsmodell. Und zwar mit oder ohne "Borussia". Den ersten Trainer lässt Knust noch jammern, dass die Mannschaft gern auch mal gewinnen dürfe. Lange Zeit scheint sie dann eher Kanonenfutter gewesen zu sein. Danach aber wuchern die Visionen - und schon ein sehr früher Präsident, ein Industrieller namens Schwaben, leistet sie sich auf Pump. Das ist bis heute so geblieben.

Zu dünn gesät sind in Knusts Revue diese Anspielungen aus der Historie. Auch auf Original-Reportagen der größten "Borussia"-Erfolge wurde verzichtet: der Sieg gegen Benfica Lissabon und der gegen Liverpool im Euopacup der Pokalsieger flimmert nur in bisschen über die Leinwand. Übrigens auch die historische 0:12-Niederlage in Mönchengladbach. Stattdessen räsonniert Knust über andere lokale Besonderheiten wie etwa die Sprache - als Gott den Dortmunder schuf, waren schon alle Dialekte vergeben: "Na dann sprecht Ihr halt wie ich!"

Kurz vor dem Abpfiff inszeniert Knust dann allerdings auch noch den umstrittenen Börsengang des Aktien-Erfinders und Sponsor-Besorgers Rauball als spektakulären Tanz ums Goldene Kalb. Gerade die Geschichte des Dortmunder Kicker-Wahns hätte, wie es scheint, eine richtig gute, scharfe Story über die Ab- und Irrwege des Fußballs im entwickelten Sehr-spät-Kapitalismus hergegeben.

Dieser Homunkulus namens Borussia

Aber das hat halt keiner gewollt. Stattdessen hat das Schauspiel fest die Fan-Gemeinde im Auge, die gern mitsingt und auch in der Premiere das Ensemble zum "Hinsetzen!" im Schlussapplaus beordert. Nur aus dem Sitzen herauf nämlich lässt sich so richtig der Aufschwung simulieren.

Ganz "Borussia" ist ohnehin eher eine Simulation. Eine Stadt erfindet sich, auch aus dem Gefühl der Minderwertigkeit heraus (Schalke ist als Verein vier Jahre, Hannover 96 zum Beispiel sogar dreizehn Jahre älter), im Zeichen des "Borussia"-Sterns jeden zweiten Samstag wie neu. 80.000 sind im Westfalenstadion Zeuge der Kreation dieses Homunkulus namens "Borussia".

Das Theater bräuchte seinerseits schon eine gehörige Vision, eine kräftige Faust sozusagen, um demgegenüber mithalten zu können. Bruno Knust in Dortmund lässt Witzchen reißen, Liedchen singen (ziemlich gut sogar!) und von ein paar jungen Recken Bodenturnen - is' okay, Bruno, mach' feddich und ab dafür. Die zutiefst verzweifelte, weil zweifelnde Liebe der Theatermenschen zum Fußball bleibt einmal mehr gründlich unerfüllt.

 

Leuchte auf mein Stern Borussia
Revue von Bruno Knust
Regie: Bruno Knust, Bühne: Michael Wienand, Kostüme: Arian Erbe, Musikalische Leitung: Michael Kiwit.
Mit: Bruno Knust und dem Dortmunder Schauspiel-Ensemble.

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

In der Westfälischen Rundschau (6.9.) schreibt Frank Fligge über die BVB-Revue "Leuchte auf mein Stern Borussia", Bruno Knust, "Dortmunder Kabarettist und Original hat alles richtig gemacht. Als Regisseur der Revue hat einen Cocktail aus Musik, Tanz und Akrobatik (spektakulär: das Showdance-Ensemble High Energy), aus Jubel und Melancholie, Humor, Ironie und beißendem Spott geschüttelt, der weit mehr ist als ein BVB-Rührstück", nämlich "auch ein Lehrstück über das Revier und seine Menschen". "Großartig" findet der Kritiker schon die Eingangssequenz mit Claus Dieter Clausnitzer als Kaplan Dewald, "großartig arrangiert" sei auch die Musik von Ralf Kiwit. Manches gerate außerdem "zur messerscharfen Satire: Ex-Präsident Gerd Niebaum als gottgleicher Visionär und Manager Michael Meier als risikofreudiger Glückspieler, die das Geld mit offenen Händen zum Fenster hinaus werfen, bis keines mehr da ist und der Traditionsklub mausetot".

Auch für Andreas Schröter von den Ruhr Nachrichten (7.9.) bot das "Borussical" einen "äußerst kurzweiligen Abend – gespickt mit einem Feuerwerk an guten Gags und Musik, die in die Beine geht". Schon in der Anfangsszene, in dem ein Schüler der Chorakademie das Titellied singt, "dürften den vielen BVB-Fans die ersten Gänsehäute über die Arme gekrochen sein". Was folgt, sei ein "rasanter Ritt durch die wechselvolle Geschichte von Verein und Stadt". Auch Regisseur Bruno Knust selbst erweise sich "als vielseitiger Entertainer, der sowohl als Ruhrpott-Elvis als auch als Conferencier in Günna-Manier gefällt". Und auch "die grandiose, weil unglaublich akrobatische Tanz-Choreografie der Hip-Hop-Showdance-Gruppe 'High Energy'" lobt Schröter ausdrücklich und legt diesen "tollen Abend" allen BVB- und Dortmund-Fans ans Herz.

 

 
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