Feldpost der letzten Kämpfer

von Dorothea Marcus

Avignon, 9. Juli 2007. Der Kommunismus in Europa ist nicht nur tot, sondern wird auch noch totgeschwiegen – still und leise hat sich 1990 die PCI Italiens, ehemals die größte kommunistische Partei West-Europas, umbenannt und vom Kommunismus distanziert, in den meisten europäischen Ländern ist sie nur noch eine politische Splittergruppe. Nur in Frankreich lebt die kommunistische Bewegung fort, wenn auch zunehmend bedroht.

Die Grande Nation ist zwar das europäische Land mit der stärksten kommunistischen Partei, die aber hat in den letzten Parlamentswahlen deutlich an Stimmen verloren und ist nur noch mit 15 Sitzen vertreten. Warum dann trotzdem ein Stück über das "Schweigen der Kommunisten" machen, wen interessiert das heute, da in Boulevardzeitungen zwar immer noch das Angstgespenst der Linken beschworen wird, in der Öffentlichkeit dagegen alle kritischen Bestrebungen längst einem dumpfen Einverständnis mit dem Kapitalismus gewichen sind?

Zusammengerollte Fahnen und kommunistische Blasmusik
Auf dem Festival von Avignon interessiert das offenbar viele. Wegen des großen Publikumsandrangs wurden in der Allzweckhalle Champfleury vor den Toren von Avignon sogar Sondervorstellungen eingerichtet. Leise dringt kommunistische Blasmusik in den Hof mit der Menschenschlange, zusammengerollt stehen rote Fahnen in den wenig einladenden Ecken des Betongebäudes, das selbst schwer sozialistisch aussieht. Das ist aber schon das einzige Theatermittel des anderthalbstündigen Abends.

Der 65-jährige französische Regisseur Jean-Pierre Vincent, selbst niemals Kommunist gewesen und seit Jahren ein Dauergast auf dem Festival von Avignon, entdeckte den Briefwechsel von drei militanten italienischen Linken, heute zwischen 70 und 80 Jahren alt, 2006 in einem Turiner Theater, inszeniert von Luca Ronconi. Er war fasziniert von der Offenheit und Ernsthaftigkeit, mit der sich die Ex-Kommunisten im Jahr 2002 ihrer Vergangenheit stellten – und wollte ihnen eine Stimme geben.

Vittorio Foa, Mitglied der italienischen Gewerkschaftsbewegung, stellte den Ex-Mitgliedern der PCI Miriam Mafei und Alfredo Reichlin verschiedene Fragen: Wie war ihr Verhältnis zur Sowjetunion? Haben sie jemals an die Revolution geglaubt? Wie gehen sie mit dem Ende der Idee um, der sie ihr Leben gewidmet haben? Was davon war ein Irrtum? Wie kann man in der nachkommunistischen Ära mit der Globalisierung umgehen? Was macht man mit gescheiterten Idealen am Ende seines Lebens?

Philosophische Fragen am Tapeziertisch
Es sind bewegende philosophische und persönliche Fragen, die da an einem mit Papieren übersäten Tapeziertisch auf Plastikstühlen verhandelt werden, aber ihre Beantwortung hat den trockenen Charme einer Universitätsvorlesung. Die drei Schauspieler wandern zuweilen durch den Raum, trinken ein Glas Wasser, haben ihre Papiere in der Hand und sprechen nur selten frei. Trotz ihrer klaren Diktion schwirrt bald der Kopf. "Ich habe nie an den Sieg der Revolution geglaubt", gibt Melania Giglio als Miriam Mafai zu, die am bodenständigsten und aufrichtigsten liest. Sie erzählt von ihrem Kampf in den Abruzzen, als ihre Partei für die armen Bauern Schuhe, Schulbildung, Fleisch erkämpfte – und diese sich anschließend den Sozialdemokraten zuwendeten.

In ihrem Leben will sie sich keinen Irrtum vorwerfen – höchstens, nicht genug für ihre eigenen Kinder dagewesen zu sein und sich nicht früher von der Sowjetunion distanziert zu haben. Was die Globalisierung betrifft, ist sie ratlos, aber optimistisch – aber wer ist eigentlich der Feind? "Deine Fragen haben mich erschreckt", sagt Alfredo Reichlin alias Charlie Nelson, "sie tun so, als läge die Krise der Linken hinter uns – wir sind aber mittendrin". Er fühlt sich leer und kämpferisch zugleich und will eine neue Bewegung anstoßen, die der wachsenden Ungerechtigkeit etwas entgegensetzt.

"Wir machen uns nicht klar, dass die Globalisierung eine ähnliche Umwälzung ist wie die Industrielle Revolution", sagt er – nur die Möglichkeiten, dagegen vorzugehen, seien nicht mehr so einfach wie damals. In der heutigen Zeit der Unübersichtlichkeit, in der der Begriff der Arbeit verschwindet, sich die Menschen von der Politik entfernen und konsumgetriebene Einzelkämpfer sind, vergrößerten sich die Ungerechtigkeit rasend – während der konkrete Ansatz, dagegen vorzugehen, verschwinde. "Es reicht nicht mehr, die Produktionsmittel an alle zu verteilen".

Freiheit, Gleichheit und Wechselfälle des Lebens
Schwärmerisch erinnert er sich, wie atemlos ihm damals arme Arbeiter lauschten und scharenweise in die Partei eintraten. Endlich einen Kompromiss zwischen Freiheit und Gleichheit finden – dafür will er heute noch kämpfen. "Wir haben unsere Stille durchbrochen, es gibt eine Vision?" jubelt Vittorio Foa (Gilles David) zum Schluss. Das mag sein, aber sie bleibt wenig konkret. Zwischendurch ist man gerührt und denkt über treibende, wechselnde Identitäten, Wünsche und Wechselfälle des Lebens nach, die nicht nur diese gealterten Linken ergriffen haben, die gar nicht müde wirken, darüber, wie man selbst gegen "Ungerechtigkeit" vorgehen möchte – um gleich darauf vor der Komplexität des Begriffs zu kapitulieren.

Letztlich hätte man als Zuschauer den tiefgründigen und rührenden Briefwechsel doch lieber selbst gelesen. Auf dem Theater wirken die Texte blutleer, gänzlich humorlos und abstrakt. Interessant daran ist allein, dass auch das Festival von Avignon von der neuen Sehnsucht nach Echtheit auf dem Theater ergriffen scheint: der künstlerische Beirat Frédéric Fisbach wird in wenigen Tagen mit 100 Laienschauspielern aus der Vaucluse im Ehrenhof des Papstpalastes Texte und Gedichte des Widerstandskämpfers René Char lesen, der Spanier Rodrigo Garcia hat eine wütende Globalisierungsorgie mit argentinischen Straßentänzern erarbeitet.

 

Le Silence des Communistes
nach Briefen von Vittorio Foa, Miriam Mafai and Alfredo Reichlin
Inszenierung: Jean-Pierre Vincent
Mit Gilles David (Vittorio Foa), Melania Giglio (Miriam Mafai), Charlie Nelson (Alfredo Reichlin).

www.festival-avignon.com

 

 
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