Wer glücklich ist, braucht keine Gesetze

von Charles Linsmayer

Basel, 11. September 2009. Seit 1997 hat der 1972 in Zürich geborene, heute in Berlin ansässige Marcel Luxinger an Vorlagen von Schnitzler, Poe, Maupassant, Thomas Mann und zuletzt Franz Kafka ("Das Schloss", 2008 in Frankfurt) realisiert, was ein Pressetext "innovative Bearbeitung moderner Klassiker" nennt, und zwar nicht ohne gleichzeitig mit seiner "Compagnie für präemptive und nachhaltige Auseinandersetzung" auch eigene, gesellschaftskritisch engagierte Texte zu präsentieren.

Nun hat das Theater Basel ihm mit einem Stückauftrag die Möglichkeit gegeben, die beiden Bereiche zusammenzuführen. Denn die Politrevue "Tell the Truth", mit der am 11.September im Basler Schauspielhaus die Saison eröffnet wurde, ist nicht mehr einfach eine "innovative Bearbeitung" von Schillers "Tell", sondern ein gänzlich eigenes und eigenwilliges Konstrukt, das nur von ferne noch an das romantische Befreiungsdrama erinnert und höchstens noch mit kalauernden Zitaten wie "Eure Seelen laden zum Bade ein" oder "Mach die Rechnung mit dem Himmel, Schattenfels" daran erinnert.

Der Pfeil der Wahrheit
In einer bedrückend engen doppelstöckigen, mit jeder Menge Videotechnik bestückten Bühne von Tom Musch führt die PR-Agentur Täschlin & Katz den Wahlkampf eines gewissen Jörg L. Müller ad absurdum und zum Misserfolg und entwickelt dann, vor die Aussicht eines schmerzlichen Personalabbaus gestellt, eine neue Strategie, bei der mit den Mitteln des Internets eine junge Frau zur politischen Heilsbringerin stilisiert wird. Eine Strategie, mit der nicht nur die Wahl gewonnen, sondern ein radikaler konservativer Paradigmenwechsel in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht herbeigeführt werden soll.

Stella von Wille heisst die Strahlefrau, die von Katka Kurze mit viel Gefühl und Emphase und mit der entsprechenden Frisur als eine Art schweizerische Julia Timoschenko gespielt wird und die, vom Beamer ins Monumentale vergrössert, jede Menge wohlklingende, aber klischeehaft-banale Thesen ins Mikrophon säuselt: "Wer glücklich ist, braucht keine Gesetze! Der Pfeil der Wahrheit hat sich doch längst in unser Gewissen gebohrt! Lassen wir die Welt endlich in Frieden, besinnen wir uns auf unsere eigenen Kernwerte!" Bald schon verlässt Stella den virtuellen Bereich, bringt mit ihrem sanften Charme das Personal der Werbeagentur durcheinander, verbündet sich mit Jörg L. Müller und dessen "Partei der flexiblen Mitte" PDFM und avanciert so zur Gegnerin des Globalisierungskritikers Schattenfels, dessen Worte "wie Donnerhall" klingen und der sie schliesslich entführt.

Fremdenfeindliche Gebirgs-Rebellen-Republik
All das wird immer wieder kommentiert und ironisiert durch Interviews, die Barbara Lotzmann als Fernsehköchin und Medienlegende einem Journalisten gibt, während Claudia Jahn sich als wandelnde Karikatur auf den modernen Sensationsjournalismus für den Rauswurf bei Täschlin & Katz damit rächt, dass sie die Kampagne für die Gegenseite ausspioniert und Stella von Wille am Ende als Tochter eines südamerikanischen Despoten entlarvt. Inzwischen ist die charismatische Kultfigur nämlich – wie in aberwitzigen Videoauftritten vor Alpweiden, Gletschern und Schweizerchalets demonstriert wird – zur Präsidentin der ganz auf sich selbst zurückgezogenen fremdenfeindlichen Gebirgs-Rebellen-Republik GRR aufgestiegen und kommt gnadenlos zu Fall, als sie sich als Ausländerin entpuppt.

"Ist die Schweiz noch eine Utopie" lautet die Saisonleitfrage des Basler Schauspieldirektors Elias Perrig, und in diesem Zusammenhang besitzt die von Ronny Jakubaschk mit viel Tamtam, schnellen Wechseln, übermütigen Einfällen und einem lustvoll chargierenden Ensemble umgesetzte Vorlage durchaus einen gewissen Reiz als Provokation, Denkanstoss und parodistische Verballhornung liebgewordener Bilder und Vorstellungen. Dass sie sich nicht zum überzeugenden Ganzen verbindet, sondern immer wieder durchhängt und in harmlose Blödelei ausartet, hängt wohl nicht zuletzt damit zusammen, dass Luxinger zuviel auf einmal wollte.

So zieht der kabarettistisch-parodistische Ansatz die vorgebrachte Kritik an wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Fehlentwicklungen permanent ins Lächerliche, während einem handkehrum das Vergnügen am handfesten Schabernack immer wieder durch vermeintlich tiefsinnige und gestelzte Formulierungen vergällt wird: "Hier liegt Wirklichkeit in der Luft, und es schwirren die Pfeile der unbezähmbaren Freiheit! – Ich mag den Geruch eines Menschen, wenn ihm die Stunde des Schicksals schlägt."

 

Tell the Truth (UA)
von Marcel Luxinger
Regie: Ronny Jakubaschk, Bühne: Tom Musch, Kostüme: Eva Swoboda/Friederike Donath.
Mit: Hanna Eichel, Dirk Glodde, Claudia Jahn, Benjamin Kempf, Katka Kurze, Barbara Lotzmann, Lorenz Nufer.

www.theater-basel.ch

 

Mehr lesen? Im Juni 2009 inszenierte Bettina Bruinier am Schauspielhaus Bochum die Uraufführung von Marcel Luxingers Fahrstuhl zum Bankrott. "Tell the-Truth"-Regisseur Ronny Jakubaschk, 1979 in Guben geboren, war im April 2009 Gast beim Festival Radikal Jung in Leipzig.

 

Kritikenrundschau

Marcel Luxinger, dieser "bisher unbekannte Zürcher Autor", habe in seinem Stück "Tell the Truth" Themen zusammengeführt, "die nicht eben leichtgewichtig klingen: die Machbarkeit von Politikerkarrieren, die Verführbarkeit durch Führergestalten, die Gefahren der nationalen Selbstisolation", schreibt Sigfried Schibli in der Basler Zeitung (14.9.). Zum Plot gebe es ein "ganzes Geflecht an Teilhandlungen": das reiche "von der Parodie auf das Gutmenschentum in der Politik (…) über diverse Liebeleien quer durch das Personal der Werbeagentur bis zur Glossierung von Fernseh-Talkshows und Spott über den Enthüllungsjournalismus". Ronny Jakubaschks Inszenierung dieses "stellenweise amüsanten, aber insgesamt überfrachteten" Stücks am Theater Basel sei erstaunlich langsam, fast betulich und besitze "wenigstens die Tugend der Textverständlichkeit". Doch trotz allem sei "das Ganze nicht viel mehr als ein arg in die Länge gezogener Sketch".

Zum Stück "Tell the Truth" in der Regie von Ronny Jakuabschk sei – laut Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (14.9.) – "so viel zu sagen, dass es fast drei Stunden dauert und man kurz vor der Pause zum ersten Mal etwas interessierter auf die Bühne schaut. Der Rest ist ein hilflos undramatisches Text-Ungetüm, in dem hie und da ein Schiller-Zitat zum Kalauer mutiert, Polit-Botschaften verkündet werden und viel mit Video gespielt wird. Autor und Regie verdammen die Schauspieler über weite Teile des Abends zu Vollstreckern von reinem Deklarationstheater."

 

 

 

 
Kommentar schreiben