Fliegende Kostümwechsel

von Harald Raab

Ludwigshafen, 12. September 2009. Der Altmeister des Regietheaters, Hansgünther Heyme, erfreut sich augenscheinlich bester Beziehungen in der Pfalz. Dort nämlich hat es der Dreiundsiebzigjährige mit der großen Theatervergangenheit zuwege gebracht, dass ihm die Stadt Ludwigshafen sein Austragstheater im Pfalzbau für satte 35 Millionen piekfein aufgeschnuckelt hat.

Heyme muss aber auch exzellente Kontakte zum Fürsten der Hölle haben. Denn der gab offensichtlich Klaus Kinski Urlaub, der für diesen Abend in den Schauspieler Dieter Laser gefahren war. Lasers Tasso eine Kinsky-Parodie, oder was? Allerdings ging Laser bei der Premiere zur Wiedereröffnung des Pfalzbaus in Goethes "Torquato Tasso" dem Publikum als selbstverliebtes Dichterekel offensichtlich ziemlich gegen den Strich. Zu einem Viertel nämlich spielte er den Zuschauerraum leer – und hatte auch noch diabolische Freude daran.

Im Blaumann ins Theater
Intendantenregisseur Heyme hatte den Ludwigshafenern zuvor das Blaue vom Himmel versprochen. Er werde in der Arbeiterstadt Theater für Arbeiter machen. Wer im Blaumann zur Vorstellung komme, der dürfe verbilligt hinein. Es kamen dann jedoch nur zwei Frauen im proletarischen Outfit. Die allerdings sahen nicht wie Arbeiterinnen aus. Und nun also ausgerechnet Goethes "Torquato Tasso" als Auftakt für Heymes Arbeitertheater.

Heyme siedelte das Schauspiel von der Streitbeziehung und der gegenseitigen Ausbeutung der Kunst und der Macht gleich in vier Epochen an: Renaissance, Goethezeit am Weimarer Musenhof, Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts, sowie eine sehr heutige narzisstische Haifischbecken-Atmosphäre. Eine schöne Idee. Man hätte nun einen Beziehungsclinch im Wandel der Zeiten und Kulturen erwartet. Doch Fehlanzeige: Außer einem fliegenden Kostümwechsel ist nichts. Der Regisseur lässt sein Quintett penetrant einen Stiefel durchziehen. Da wird gezickt, gegockelt und lamentiert. In autistisch-infantiler Egomanie spielt man  stets haarscharf aneinander vorbei. Und vor allem: nirgendwo hin.

Einheitsszene mit Denkerbüsten
Vorneweg Dieter Laser, immer an der Grenze zwischen Wahnsinn, Größenwahn und Schmierentheater, Goethes Verse und ihr Pathos demolierend. Streckenweise gibt er diese Sprache durch schräge Umbetonung auch der Lächerlichkeit preis. Wie eine Mischung aus Zombie und Derwisch stapft und irrlichtert Laser wild gestikulierend durch die karge Einheitsszene: Schwarzer Aushang und zehn Büsten der Großdichter und -denker des Abendlands. Goethe ist per Monitor zugeschaltet.

Neben dem überagierenden Laser sehen die übrigen Akteure erst recht ziemlich eindimensional aus: das Damenpaar, Leonore, die Prinzessin (Annika Gerhards) und Leonore, die Gräfin (Jessica Kosmalla), sowie das Herren- und Herrschaftsduo Fürst Alfons (Leonard Hohm) und Staatssekretär Antonio (Walter Küng). Annika Gerhards spielt auch Cello und singt Goethetexte sehr manierlich dazu. Dass sie den Kotzbrocken Tasso verschmäht, dazu bedarf es hier keines Standesunterschieds. Jessica Kosmellas Leonore ist ein Biest in der Maske der Zuckerpuppe. Walter Küngs Antonio, die Charge eines Machtbürokraten und Hohms Alfons schlicht ein blasses Jüngelchen.

Doch was der Teufel wollte Heyme mit dieser grellen Karikatur des Goethestücks eigentlich sagen? Vorab hatte er verkündet, dass er aufdecken wolle, wie Macht mit Kunst heute umgeht. Wäre er doch bei Goethes bescheidenerem Anspruch geblieben. Der wollte nur die "Disproportion des Talents mit dem Leben" verhandelt wissen.


Torquato Tasso
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie und Ausstattung: Hansgünther Heyme.
Mit: Dieter Laser, Jessica Kosmalla, Walter Küng, Annika Gerhards, Leonard Hohm.

www.theater-im-pfalzbau.de


Mehr lesen über Torquato Tasso? Im August 2008 eröffnete eine Inszenierung des Goethe-Stücks vor Urs Troller die Goethe-Woche am Schauspiel Frankfurt. Im Frühjahr des gleichen Jahres setzte in Mainz Dieter Boyer Goethes Künstlerdrama in diamantbesetzem Damien-Hirst-Ambiente effektvoll in Szene.

 

Kritikenrundschau

"Kunst kontra Politik" heißt Goethes Thema im "Torquato Tasso", schreibt Alfred Huber im Mannheimer Morgen (14.9.). Im Ludwigshafener Pfalzbau bei Hansgünther Heyme sei Tasso jedoch "von Beginn an ein Neurotiker, er durchläuft keine Entwicklung, sondern ist am Ende, was er eigentlich schon immer war: ein Hanswurst der Empfindsamkeiten. Dass er zur leichten Beute des rhetorisch geschulten Politikers Antonio wird, versteht sich beinahe von selbst. Und deshalb kommt es in dieser Inszenierung zu keiner wirklichen Rivalität zwischen Politik und Kunst." In Dieter Laser habe Heyme immerhin einen Schauspieler gefunden, "der – bewundernswert genug – über zwei Stunden lang im Stil hoher Poesie die eigene Larmoyanz konsequent zu verbreiten weiß". Doch somit gehe es um ein "Klischee vom Künstlertum, das der fatalen Etikettierung 'Genie und Wahnsinn' gefährlich nahe" sei: "Schon deshalb, weil die Aufführung ihr erhabenes Geschehen auf der Bühne, hoch dosiert, aus dem Mythenarchiv wackerer Hoftheater-Mimen zu beziehen scheint. Irgendwann, so ist nach der Pause zu vermuten, entglitt dem Regisseur Heyme die Kontrolle über Dieter Laser, was dieser offenbar zu einem Lehrstündlein über die ganz und gar nicht kleinen Leiden des älteren T. T. und über die Schauspielkunst nutzte."

 

 
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