Zärtliche Zwiegespräche zwischen Theater und Publikum

von Ute Grundmann

Dresden, 12. September 2009. Was ist, was soll Theater – gestern, heute und morgen? Wieviel gibt der Schauspieler in seine Rollen, was bleibt ihm zum Leben? Und wie kommt man mit den Kollegen klar, ohne ihnen an die Gurgel zu gehen? Solche schweren Fragen verwandelten sich zum Saisonauftakt am Staatsschauspiel Dresden zu einem leichtfüßigen, hintersinnigen Theaterstückchen innerhalb des Eröffnungsfestes.

Mit Beginn der Intendanz von Wilfried Schulz stellt sich der Dramatiker Martin Heckmanns als neuer Dramaturg und Hausautor des Theaters am Postplatz vor, und machte sich dafür erstmal ausgiebig mit der Geschichte seines neuen Arbeitsplatzes vertraut. Er sprach mit den Schauspielerinnen Vera Irrgang, Regina Jeske und Helga Werner, drei langjährigen, wunderbaren Protagonistinnen des Dresdener Staatsschauspiels. Aus ihren Erinnerungen und Erzählungen wurde das Ein-Stunden-Stück "Zukunft für immer". Während der Proben musste dann aus Krankheitsgründen Vera Irrgang ihren Part an Hannelore Koch übergeben, auch sie seit über 30 Jahren am Haus engagiert.

A, B, C heißen die drei Rollen – dem Dresdner Publikum muss man nicht sagen, wen sie vor sich haben. Und so treten Hannelore Koch, Regina Jeske und Helga Werner vor den geschlossenen Vorhang des großen Hauses. Es ist ein schwerer, altmodischer, troddelverzierter Vorhang – und in Kleidern aus genau diesem Stoff sind auch Koch und Werner gekleidet, Jeske kommt als Cowgirl in Rock, Fransenbolero und plüschiger Hasenohrenmütze daher.

Ich war eine Frau, die aufbegehrte

Und damit beginnt ein Theater-im-Theater-Spiel, das sich fast bis ins Unendliche dreht. "Ich war eine Frau", beginnt C; "Ich war eine Frau, die aufbegehrte", erwidert A im ersten Stückkapitel "Die allgemeine Frau". Über was reden die drei – über ihre Frauenrollen oder über ihre Rolle als Frau? Der Satz "Ich war eine bessere Hälfte" könnte von Oscar Wilde stammen oder aus dem richtigen Leben, nach dem Vortrag noch nicht so lang vergessener Klassenkampfparolen zitieren sie aus ihren Erinnerungen, an eine Darstellung der Elektra beispielsweise. Oder ihre eigenen Lebenserfahrungen.

So irrlichtert das kurze Stück zwischen Bühne und Leben, Gestern und Heute, Rollen und Realität hin und her. Der Satz "Ruth, eine Serviererin von 22 Jahren..." erinnert an Horst Schönemanns Inszenierung von Maxie Wanders "Guten Morgen, Du Schöne" von 1982; dass B.K. Tragelehn hier Heiner Müllers "Umsiedlerin" inszenierte, damals 1985, spielt ebenfalls herein. Beckettsche Knapp- und Klarheit à la "Den Tod gibt es", "Ach, den" kommt ebenso vor, wie das kollektive Absingen des Pionierlieds "Blaue Wimpel im Sommerwind". Es gibt den Fast-Kalauer "Ich wusste gar nicht, was Burn-Out heißt, bevor ich einen hatte", aber auch den wunderbaren Satz "Wir sind die Wespentaille der Bevölkerungspyramide".

Erinnerungen an die Zukunft

Die junge Regisseurin Simone Blattner und ihre drei Protagonistinnen halten die Fäden fest in der Hand. Nie gleiten Stück und Inszenierung in Schauspielerschnurren oder pure Selbstbespiegelung ab. Gespielt wird sparsam und auf kleiner Fläche. Die Kostüme wechseln einige wenige Male, mehrfach wird "Schauspielerinnen spielen eine Probensituation unter einer Regiediktatorinnenkarikatur" gegeben. Vor allem aber ist es ein Zwiegespräch mit dem Publikum, das ob all der Anspielungen die Ohren spitzt.

Mit dem, was die drei Schauspielerinnen sagen, haben sie etwas zu sagen, etwa zur Wendezeit, die nun 20 Jahre her ist. Da klingt noch einmal die Resolution an, die allabendlich im Staatstheater verlesen wurde und die auch dazu führte: "Plötzlich spielte sich das Theater auf den Straßen ab./ Wir waren zu harmlos für die Verhältnisse draußen."

Martin Heckmanns hat da eine kleine Hommage ans Theater geschrieben und an das Haus, an dem nun er auf Zeit ist. Die Schauspielerinnen gaben am Ende das Versprechen, das Theater nicht aufzugeben – und das heftig applaudierende Publikum, wie es aussah, auch.

 

Zukunft für immer (UA)
Ein Theaterprolog für drei Schauspielerinnen
von Martin Heckmanns
Regie: Simone Blattner, Bühne: Alain Rappaport, Kostüme: Dagmar Fabisch, Dramaturgie: Felicitas Zürcher. Mit: Hannelore Koch, Regina Jeske, Helga Werner.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr lesen? Im Sommer 2009 setzte Simone Blattner bei den Heidelberger Schlossfestspielen Amphitryon von Heinrich von Kleist in Szene. Im Dezember 2008 kam am Schauspiel Frankfurt ihre Inszenierung von Ödön von Horváths Kleine-Leute-Tragödie Kasimir und Karoline heraus. 2002 hatte Simone Blattner im Dresdener Tif Martin Heckmanns' "Schieß doch, Kaufhaus" uraufgeführt, das für den 1971 geborenen Dramatiker der Durchbruch war.

 

Kritikenrundschau

Unbestrittener Höhepunkt des Eröffnungsfests war die Premiere von "Zukunft für immer", so Valeria Heintges in der Sächsischen Zeitung (14.9.). Der Abend "gab den drei Damen des Ensembles Regina Jeske, Helga Werner und Hannelore Koch einmal mehr die Möglichkeit, ihr Können unter Beweis zu stellen." Hausautor Martin Heckmanns verwandelte Gespräche mit den Frauen in die für ihn typische Kunstsprache. Dem Dreischritt – vor, während und nach der Wende – "werden theatertheoretische Veränderungen zur Seite gestellt, aber auch immer wieder die Tatsache, das drei Frauen, die fast 40 Jahre lang gemeinsam Theater gemacht haben, viel voneinander wissen, oft miteinander gestritten und auch konkurriert haben." Simone Blattner habe das schnell und gekonnt, auch mit nötigen Verzögerungen auf die Bühne gebracht, und Dagmar Fabisch hatte eine grandiose Idee für die Kostüme. Fazit: "Das Publikum applaudierte begeistert – ein Appetithappen, der Lust auf mehr macht."

Martin Heckmanns schrieb, inspiriert von den Erfahrungen der drei Schauspielerinnen, einen in offener Form gehandhabten Theatermonolog, "der kaum mehr biografisch und auch nicht beliebig ist, sich im Spiel in seiner Häckselstruktur zusammenfügt zu einem höchst gegenwärtigen Zeit-Stück", so Gabriele Gorgas in den Dresdner Neuesten Nachrichten (14.9.). Simone Blattner "setze zuweilen der Szene etwas auf, was durchaus verzichtbar gewesen wäre. Zum Beispiel dann, wenn sie die Damen in die Kinderschuhe zurückpressen will. Doch die drei wissen einfach jede Entgleisung mit Witz und Würde zu nehmen (...) Möglicherweise ist ja gerade dieser Kontrast das Salz in der Suppe, verhindern Text und dieses unterschwellige Aufbegehren sowie die eher gelassene Spielweise der uns so vertrauten Darstellerinnen, dass es irgendwann öde werden könnte."

Martin Heckmanns verliere in seinem Dramolett "die schöne Idee aus dem Auge, der wirklich erlebten jüngeren Geschichte eine Stimme zu geben", schreibt Peter Michalzik (Frankfurter Rundschau, 29.9.). Denn anstatt die drei Schauspielerinnen "von ihrer Arbeit und dem Leben in der DDR, während der Wende und im gewendeten Land erzählen zu lassen, denken sie vor allem über das Theater nach. Das hatten wir schon zu oft."

 
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