Viel Blut um Nichts

von Esther Slevogt

Berlin, 13. September 2009. Der Stoff ist sehr blutig und sehr deutsch. Und wer die mörderische Geschichte der Nibelungen bis zu ihrem Untergang erzählt, kommt selten ohne Referenz auf die mörderische Geschichte der Deutschen aus. Ohne Paraden arischer Helden, Nazi-Symbole, verklemmte Adolfs in spe oder blutrünstige Walküren. Das führt dann oft zu eindrucksvollen, wenn auch vorhersehbaren Ergebnissen.

Ganz anders hat sich nun Marius von Mayenburg an der Schaubühne in Berlin mit dem Stoff auseinandergesetzt. Auf der Basis von Friedrich Hebbels dreiteiligem deutschen Trauerspiel "Die Nibelungen" (1861 in Weimar uraufgeführt) hat er einmal eine Anatomie der Gewaltexplosion versucht, um – ganz ohne historische und politische Referenzen – einfach und nackt die Entstehung der Geschichte zu verfolgen, aus der eine derartige Zerstörungswut und Untergangslust entsteht, bis am Ende zwei Völker ins Verderben gerissen werden.

Von starken Recken und stolzen Fraun
Der Anfang ist faszinierend. Vor einer enormen Holztreppe, die irgendeinen öffentlichen Ort markieren könnte, findet sich eine Gruppe von zeitgenössisch gekleideten Menschen ein. Man sitzt, man schweigt. "Erzähl uns was, der Tag / Wird sonst zu lang. Du weißt so mancherlei / Von starken Recken und von stolzen Fraun", sagt einer da. Ein anderer spezifiziert die Ansprüche an die zu erzählende Geschichte, und bald ist man auch schon mitten drin. Aus den Hörern und Erzählern werden Handelnde und Akteure.

Nach und nach schälen sich die Figuren aus der Gruppe. Im energiegeladenen, zierlichen Körper Robert Beyers steckt plötzlich der burgundische König Gunther; ein tapsiger Riese mit leichtem Speckansatz (Sebastian Schwarz) ist bald der Xantener Königssohn und Drachentöter Siegfried, der sich in die zickige Melancholikerin und burgundische Prinzessin Kriemhild (Eva Meckbach) verliebt; ein junger Mann mit lauerndem Blick, schmaler Hose und Designerpullover entpuppt sich als Hagen von Tronje (Christoph Luser), der schillernde Fiesling und Intrigant, der am Ende zu Siegfrieds heimtückischem Mörder wird. Viel später schlüpft einer der beiden Musiker (Nico Selbach), die den Abend mit atmosphärischen Tönen leise und immer wieder bedrohlich orchestrieren, in die Rolle des Hunnenkönigs Etzel.

Der Abend nimmt Anlauf …
Mit viel Genauigkeit wird zunächst erzählt, wie aus der Geschichte von "starken Recken und stolzen Fraun" bei den jungen Männern der Wunsch entsteht, selbst zu starken Recken zu werden und die starken Frauen zu bekommen, von denen man in den Geschichten gerade gehört hat. Die unbesiegbare Brunhild zum Beispiel. Doch schon als oben auf der Treppe die stolze rothaarige junge Frau (Luise Wolfram) erscheint, die sich keinem Mann unterordnen will, bekommt die Plausibilität erste Risse.

Zwar verfolgt man noch mit Schaudern, wie die Männer ihre Eroberung und Vergewaltigung planen. Doch spätestens mit der Szene, in der die frisch mit Siegfried verheiratete Kriemhild die betrogene Brunhild demütigt, verliert der Abend seinen kleinteiligen, kühlen wie empathischen Blick auf die Figuren, bleibt eben diese Schlüsselszene zwischen den beiden Frauen blass. Stattdessen nimmt die Aufführung Anlauf zu Pathos und Tragödie – und verliert. Gerade auch, weil Brunhild eine konzeptionelle Leerstelle bleibt.

Ganz so heutig, wie von Mayenburg sich das wohl wünscht, ist die Geschichte ja nicht. Zwar hatte schon Hebbel selbst in einer aus dem Nachlass überlieferten Vorrede zum Stück zu Protokoll gegeben, dass er mehr daran interessiert gewesen sei, den dramatischen Schatz des Nibelungenliedes "für die Bühne flüssig" zu machen als den Kontext seiner Motive zu beleuchten. Und darauf bezieht sich auch von Mayenburg, weshalb es eine der Qualitäten des Abends bleibt, dass man tatsächlich immer wieder dem Stück zuhört, dessen Jamben hier flüssig und heutig klingen.

… und verliert die Geduld
Trotzdem wird es bald zäh. Siegfrieds Ermordung schon bleibt ein ziemlich hohles Spiel, dem die Demontage dieses kraftstrotzenden Riesenbabys vorausgeht: Man sieht Siegfried auf allen Vieren, wie einen Hund kläffend, nach Wasser suchen, bevor Hagen den zuvor selbstgeschnitzen Speer auf ihn richtet. Bald hat der Abend auch seine Geduld mit den anderen Figuren verloren, die sich zunehmend ohne den psychologischen, realistisch grundierten Schliff der ersten Szenen zu geifernden Helden ohne dramatischen Untergrund entwickeln. Und so arbeitet man sich über sehr lange drei Stunden auf ein spektakulär angelegtes Schlussbild zu: ohne plausibel zu machen, was uns dieser Stoff eigentlich noch zu sagen hat.

Schließlich wird eimerweise Blut die gewaltigen Stufen hinabgegossen, in deren Mitte – fast apathisch – Kriemhild hockt, deren unversöhnlicher Hass und Rachsucht es so weit kommen ließen. Zur Exekution werden die Delinquenten stets hinter die Bühne geführt, von wo dann jedes Mal nur der dumpfe Einschlag der Riesenaxt (die hier für Siegfrieds mythisches Schwert Balmung steht) in Körpermassen zu hören ist.

Aber diese plötzliche Abstraktion des Gemetzels am Hof von Kriemhilds zweitem Mann, dem Hunnenkönig Etzel, irritiert nach der anfänglichen Arbeit an der Konkretion der Figuren. Da hilft dann auch der inflationäre Einsatz von Theaterblut nicht mehr. Viel Blut um Nichts. Wahrscheinlich braucht man eben doch ein paar Nazis, um dieser Geschichte den plausiblen mörderischen Fatalismus zu verpassen.

 

Die Nibelungen
von Friedrich Hebbel
Inszenierung: Marius von Mayenburg, Bühne: Stefan Hageneier, Sarah Rossberg, Kostüme: Claudia Gonschorek, Musik: Nils Ostendorf.
Mit: Robert Beyer, Christoph Luser, Tilman Strauß, Franz Hartwig, Sebastian Schwarz, Cathleen Gawlich, Eva Meckbach, Luise Wolfram, Nico Selbach, David Ruland, Matthias Lamp.

www.schaubuehne.de

Vor der Tragödie war die Komödie: Marius von Mayenburg inszenierte an der Schaubühne zuletzt Die Tauben von David Gieselmann. Und die Nachtkritikerin hat im Redaktionsblog Die Nibelungen auch noch mal anders herum gelesen.

 

Kritikenrundschau

Einen "geschichtlichen Ort" entwirft diese Inszenierung nicht, sagt Hartmut Krug in der Sendung Kultur heute (Deutschlandfunk, 14.9.). Er erinnert an Thomas Langhoffs Inszenierung von "Kriemhilds Rache" 1994 am Deutschen Theater: Wenn auch mit anderen Mitteln suche Mayenburg wie damals Langhoff das, was Hebbel mit seiner Trauerspiel-Trilogie wollte: die "menschliche, in all ihren Motiven natürliche Tragödie" darzustellen. Mayenburg "versachlicht" das Stück, "er kühlt es ab". Daraus entstehe kein Spiel, "sondern eine szenische Erzählung". Die Inszenierung "unterspielt Hebbels Pathos", und diese Spielweise führe dazu, dass die Jamben zunächst "so deutlich wie heutig klingen". Dann aber verliere der Abend seine Form: Die zuvor präzisen Schauspieler werden "laut und undifferenziert", wenn es um die Leidenschaften geht. Und durch die "Verpflanzung in eine Kudamm-Workshop-Atmosphäre" werde dem Text all sein "Bestürzungspotential" ausgetrieben. Worum es diesem Abend eigentlich gehe, "bleibt letztlich unklar".


"Keine Kerle, keine Weiber, nur Schlackse, Hempflinge, Girlies" hat der "Realo" Marius von Mayenburg auf die Bühne gestellt, befindet Reinhard Wengierek (Die Welt, 15.9.). Als kämen die Figuren "direkt vom kindischen Zeit-Totschlagen aus der Spielothek gegenüber dem Theater". Dabei gehe es in der Vorlage "um den monströsen Mechanismus Verbrechen und Rache, um das archaisch fanatische Zahn-um-Zahn-Verkrampfen bis zur allgemeinen hasserfüllten Vernichtung, (...) mithin um das ganz Hohe, und um den ganz tiefen Fall". Der Regisseur überhebe sich "mit seiner zunächst ziemlich subtil und konzentriert angehenden Hebbel-Inszenierung, indem er im Verlauf des durchaus kurzweiligen Abends (...) das psychologisch-philosophisch Weitgespannte, Schwergewichtige immer fester an der beständig kürzer werdenden leichten Leine hält: Hebbels Adlerfeder spatzenhaft zurechtgestutzt." Die "Nibelungen"-Tragödie werde zwar nicht total in den Sand, "doch nassforsch ins Seichte gesetzt". Und nur in einer Hinsicht sei diese "schlichte Produktion" "gigantisch": "Die Riesenbühne füllt eine Riesentreppe."


Mayenburg versuche, "den blutigen Mythos von sämtlichen Zuschreibungsschichten, Aufladungen und Vereinnahmungen freizuschaufeln und darunter den Kern zu finden", schreibt dagegen Christine Wahl (Der Tagesspiegel, 15.9.). Das sei ein Versuch "in Richtung Jürgen Gosch, wenn man so will". Und man müsse der Regie "zugestehen", dass sie mit ihrem "minimalistischen Konzept" "überraschend beiläufig, plausibel und wenig zeigefingernd" verfahre. Und die "erstaunliche Flüssigkeit, in der Intrige, Verrat und Vergeltung hier über die Bühne rollen, hat tatsächlich den Appeal didaktisch erfolgreicher Literaturvermittlung, ohne dass man dabei die Light-Vorwurfskeule schwingen könnte". In dieser Flüssigkeit liege aber "gleichzeitig auch die Krux": Der blutige Mythos neige hier dazu, "sich rückstandsfrei in einer psychologisch ausdeutbaren Familiengeschichte aufzulösen." Zunehmend misstraue Mayenburg seinem eigenen Minimalismuskonzept – er "pumpt" immer mehr "Emotionsbeschleuniger" in die Geschichte. "Dennoch: Ein Spielzeitauftakt an der Schaubühne, der schon deshalb Bewegung in die Szene bringt, weil er sich ernsthaft an einem ästhetischen Gegenpol zur Arbeit des Hausherrn Thomas Ostermeier versucht."


"Die Heldensaga von den tapfer'n Recken und stolzen Frauen ist ein dankbares Fressen für politische Indienstnahme", meint Dirk Pilz (Berliner Zeitung, 15.9.): "Schon im "Nibelungenlied" sind die Figuren mehr derb und dumpf zurechtgehackt als zum Mythos gestaltet." Marius von Mayenburg suche sich deshalb "in eine alte Binse zu retten: Kunst kommt vom Weglassen". Die Inszenierung verzichte "auf jede konkret-politische, aktualisierende oder historisierende Verortung". Am Anfang sei der Abend so "erstaunlich konzentriert": "Man schaut der Verfertigung der Figuren durch die Sprache zu, dem Aufdecken des Sagenhaften durch Alltägliches." Die Nibelungen werden zu "Opfern ihrer unergründlichen Leidenschaften" gezeigt, das sei der "Link in die Gegenwart". Die Regie habe den Figuren "scharfe Umrisse gegeben, vor den Konflikten flüchtet sie mit lautem Achselzucken": "Das Köpfeeinschlagen, die Schlachten und Rasereien blieben ihr fremd. Statt diese Fremdheit zum Thema zu machen, nimmt Mayenburg einen tiefen Zug aus der Trostpulle Ibsen: Er psychologisiert in die Figuren hinein." Am Ende ersticke das Drastische alles Dramatische, "die Tragödie ersäuft im Symbolischen".


Hebbels "Untergangsepos" wurde hier als "Solo für Hagen" inszeniert, meint wiederum Till Briegleb (Süddeutsche Zeitung, 15.9.). Und Christoph Luser gebe "diesem denkenden Helden die linkische Note eines Intellektuellen, der sich mit seiner Überlegenheit stets auch etwas unwohl fühlt". Umgeben von "der trägen Männerphilosophie aus Wettstreit und Besitz" wird "der geistvolle Mensch im Dienst der Macht an den Rand seiner Würde gedrängt". Lusers Hagen bleibt immer "ein Fremdkörper im Kreis der Tölpel, eine gequälte Figur, die um die Anerkennung von adeligen Spielkameraden buhlt, und alles dafür tut, deren Dummheit und Selbstüberschätzung zu tarnen". Mit der "Zerrissenheit, die Luser in dieser Figur ausagiert, ist in dieser Inszenierung so beeindruckend wie singulär". Denn König Gunther und seine Familie reduziert von Mayenburg "doch sehr auf ihre Kern-Inkompetenz". Vor allem aber fehle der Regie "eine eigene Phantasie, die sich bei diesem opulenten Stoff als Reaktion geradezu aufdrängen müsste". Stattdessen wirkt die Reduktion "wie die Angst, etwas falsch zu machen": "Außer Hagen Tronje ist an dieser Inszenierung nichts wirklich eigenwillig oder überraschend, persönlich oder herausfordernd."


"Sind das Leben und die Kunst nicht ohnedies schon ziemlich komplizierte Angelegenheiten? Weshalb es sich also auf der Theaterbühne noch zusätzlich schwermachen?", fragt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.9.). Anhand solcher Fragen mag "der Gelegenheitsregisseur Marius von Mayenburg" seine Inszenierung entwickelt haben. "Warum es für sein Hobby aber ausgerechnet dieses wahrlich nicht unkomplizierte "deutsche Trauerspiel in drei Abteilungen" sein musste, bleibt an dem langen Abend völlig unklar." Betont werde nur "ein Sachverhalt, den sicher niemand bezweifeln wollte: dass Blut rot ist". Und weil es am Schluss "ein großes Gemetzel gibt, fließt dieses Blut natürlich in Strömen". Die "literarische Qualität von Hebbels Dichtung muss Mayenburg allerdings dermaßen beeindruckt haben, dass sie ihn als Regisseur hochgradig lähmt. Er weiß nichts mit dem Drama und noch weniger mit dem Ensemble anzufangen, das er einfach nach den Konstellationen der Handlung im Raum verteilt". Das Drama sinke zum Hörbuch herab, "die denkfaule Inszenierung zum läppischen Vortrag".

 

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