Zwischen den Ritzen des Alltäglichen

Ein Originaltonbeitrag, aufgezeichnet von Irene Grüter

Zürich, Dezember 2006. Helgard Haug und Daniel Wetzel von der Dokumentartheater-Gruppe Rimini Protokoll über "Wallenstein", ihr Projekt für die Schillertage Mannheim 2005.

"Bevor wir zu proben beginnen, befragen wir eine Stadt. Wir gehen an Knotenpunkte der Gesellschaft wie Märkte, Energieversorgungszentren oder Krankenhäuser und sprechen mit Leuten, die dort arbeiten. Solche Systeme haben eine eigene Dramaturgie, und die wollen wir auf dem Theater verwenden. Wir arbeiten nicht mit ausgebildeten Schauspielern, sondern mit Menschen, die auf der Bühne über ihren Alltag berichten.

Für "Blaiberg und sweetheart 19" im Zürcher Schauspielhaus haben wir Kardiologen getroffen, potentielle Organspender, Herzkranke, Heiratsvermittler und Singles, die per Internet einen Partner suchten. Jetzt casten wir gerade die Alltagsspezialisten für unser nächstes Projekt über "Das Kapital" von Marx, das 2007 im Schauspielhaus Premiere hat. Gestern haben wir linke Utopisten gesucht, heute treffen wir die anonymen Arbeitssüchtigen, morgen einen Erbenforscher – so sieht unser Arbeitstag aus. Bis sich die Truppe für ein Projekt gefunden hat, braucht es Hunderte von Telefonaten und Treffen.

Bei "Wallenstein" zog sich diese Suchphase über ein halbes Jahr hin. Diese Inszenierung ist ein Sonderfall unter unseren Arbeiten, weil wir zum ersten Mal einen Dramentext als Grundstein legten. Wir suchten Leute aus der Umgebung von Mannheim und Weimar, die sich auf Grund ihrer Biografie mit Motiven und Figuren in Schillers Stück identifizieren konnten – eine Astrologin, die Inhaberin einer Seitensprung-Agentur, Berufssoldaten und Politiker. Enttäuscht waren wir von den oberen Kadern der Wirtschaft, weil sie zwar Macht haben, aber nicht darüber reflektieren wollen. Wer sich der dauerhaften Beleuchtung auf der Bühne aussetzen will, muss bereit sein, sich selbst in Frage zu stellen. Ob jemand das durchsteht, entscheiden wir nach langen Gesprächen; auch wir müssen sicher sein, dass wir nicht instrumentalisiert werden.

Bevor wir Dr. Sven-Joachim Otto als Wallenstein besetzten, haben wir lange gezögert. In Mannheim wurde er bekannt, weil er 1999 als CDU-Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters antrat und nach einer gross angelegten Wahlkampagne die Mehrheit knapp verfehlte. Ein späterer Anlauf für ein Regierungsamt scheiterte an den Intrigen von Parteikollegen. Wir dachten, dass sich Dr. Otto mit Wallenstein identifizieren kann, dem populären Feldherrn des 30-jährigen Kriegs, der am Ende vom eigenen Lager gestürzt wird. Schillers Trilogie hat keiner der Spieler komplett gelesen. Wir haben Motive und Passagen aus dem schwer zugänglichen Werk herausgegriffen, und die Spieler haben sie in ihre Sprache übertragen. Erst kurz vor der Premiere wurden die einzelnen Elemente montiert.

Dann kam die wichtigste und schwierigste Phase: "Kill your Darlings". Wir mussten kürzen, auch Lieblingsszenen. Dabei hat uns die Textgrundlage als Bauprinzip sehr geholfen, auch wenn wir Schillers Blick auf das Theater umdrehten: Nach Schiller bietet das Theater dem engen bürgerlichen Kreis die Möglichkeit, in die Sphäre der Grossen und Mächtigen zu schauen und auf der Bühne etwas durchzuspielen, das sonst nicht erfahrbar wäre. Wir wollten die hohe schillersche Sphäre herunterbrechen auf den bürgerlichen engen Kreis, um durch die Biografien der Beteiligten prismatisch auf die Gesellschaft zu schauen.

Dabei kam auf einmal zwischen den Ritzen des Alltäglichen wieder das Hohe und Hehre heraus. Zum Beispiel in der schlichten Geschichte des Polizeibeamten aus Weimar, der sich in der DDR zwischen seiner Liebe und seinem Beruf entscheiden musste, weil seine Frau einen Ausreiseantrag gestellt hatte; darin liegen "Wallenstein" und "Romeo und Julia" zugleich. Das Dokumentarische macht die Zuschauer zu Zeugen, und doch ist es nie Wirklichkeit, was auf der Bühne stattfindet. Dadurch, dass die Soldaten auf der Bühne wirklich in Vietnam waren und die Kupplerin tatsächlich eine Seitensprung-Agentur führt, entsteht eine andere Rückkopplung an die Realität als normalerweise auf der Bühne, wo die Figuren und Handlungen auf etwas Abwesendes verweisen. Auf einmal gibt es eine Identität mehr, es entsteht ein Flimmern zwischen Aussenraum und Bühnenhandlung.

Durch den Studiengang für Angewandtes Theater in Giessen sind wir stark von der Performance Art geprägt. Wir bringen die Leute dazu, sich an einem bestimmten Punkt ihres Lebens so ernst zu nehmen, dass ihre Auseinandersetzung öffentlich stattfindet, denn in jeder Biografie spiegelt sich das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Doch als Dokumentarfilmer verstehen wir uns nicht – wir betrachten die Realität immer durch eine bestimmte Folie, dichten ihr Dinge an und operieren gleichzeitig mit Zufälligkeiten, bis sich die Grenzen verwischen. Es ist toll, wenn im Moment des Zuschauens und des Stattfindens etwas zusammentrifft, woran alle teilhaben, und der Zuschauer nicht die ganze Zeit denken muss, was haben die gut geprobt."

 

www.rimini-protokoll.de

 
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