Wenn Manager zu wenig lieben

von Charles Linsmayer

Solothurn, 16. September 2009. "Top kids" ruft natürlich das 1996 uraufgeführte Outplacement-Stück "Top dogs" von Urs Widmer in Erinnerung. Waren es da überflüssig gewordene Manager, die entsorgt wurden, so sind es bei Marianne Freidig lästig gewordene Kinder, die die Eltern der Karriere zuliebe loswerden wollen. "Das Kind ist diesbezüglich quasi die letzte Bastion", hat die Autorin in einem Interview erklärt. "Das Kind wegzugeben ist ein echtes Tabu."

"Top kids" ist 2006 im Depot des Stuttgarter Staatstheaters uraufgeführt worden und ist ganz offenbar eng verwandt mit dem im gleichen Jahr von der freien Truppe "Die Sippe" in Bern erstmals gespielten Stück "Gift", in dem es um die Sterbehilfe bei einem 12jährigen manisch-depressiven Kind geht, dessen selbstgewählter Tod die Eltern, die es quasi als "Lebensabschnittskind" betrachtet haben, zwischen Trauer und Erleichterung schwanken lässt.

Teil einer Trilogie
Laut der Autorin sind die zwei Schauspiele Teil einer Trilogie, zu der auch "Neger im Schnee" gehört, ein Stück, das von der Liebe zu einem Berg und von der Krise eines Skigebiets im Berner Oberland handelt. Es hätte im Dezember 2009 im Stadttheater Bern uraufgeführt werden sollen, wurde aber wegen Differenzen zwischen Regie und Autorin aus dem Spielplan gestrichen.

In Solothurn, wo die Regisseurin Anina La Roche – mit Marianne Freidigs Stücken bestens vertraut – mit der Regie beauftragt wurde, hat man sich weder durch das heikle Thema, noch durch die spröde Form beirren lassen und "Top Kids" zu einer sorgfältig ausgestalteten, der Vorlage durchaus adäquaten schweizerischen Erstaufführung gebracht. Die weitgehend leere, mit zwei schrägen Rampen ausgestattete Bühne von Tassilo Tesche wird von einem Kunstwerk dominiert, einem vielfältig verzweigten Gerüst, das aus einem Brutkasten heraus wie die Verkörperung ständig wachsender unlösbarer Probleme in den Himmel ragt.

Ein reines Dialogstück
Samuel Streiff und Katja Tippelt sind Michael und Verena, die in Scheidung begriffenen Kindseltern, Margit Maria Bauer und René-Philippe Meyer spielen Freundin und Freund der beiden und vertreten die Parteien zugleich als Anwälte vor Gericht. Und die Gespräche zwischen Anwalt und Kläger drehen sich nun natürlich nicht darum, sich in ein möglichst vorteilhaftes Licht zu setzen, um das Sorgerecht für die fünfjährige Chantal zu bekommen, sondern darum, als Rabenvater oder Rabenmutter zu erscheinen und das Kind so dem Partner zuzuschieben.

So hat die Mutter den Kindergeburtstag vergessen, lässt die Geschenke vom Kindermädchen kaufen und erinnert sich mit Schrecken an die Geburt, die ihr wie ein Gang durch die Hölle vorkam. Der Vater seinerseits hat Chantal in einem Pariser Warenhaus einmal verloren und hofft zudem, dass sich aus der Geschichte eines gemeinsamen Bades mit der kleinen Tochter negatives Kapital schlagen lasse.

All das ist in 31 kurze Nummern unterteilt und mutiert dreimal zu einem imaginären Tennis-Match zwischen den vier Protagonisten. Welch letztere brav und bis zum letzten Wort verständlich ihren Upperclass-Talk aufsagen: manchmal smart und cool, gelegentlich auch erregt und wütend, unter vielerlei Bänke- und Stühleverschieben und Kleideranundausziehen, um das trockne Gesprächsschema doch noch mit etwas Aktivität aufzulockern.

Bruchstellen und tiefere Erfahrungen
Man hätte das Stück, dessen auf eine "Fremdplatzierung" hinauslaufende Pointe nach achtzig Minuten kaum noch jemanden überrascht, unter Preisgabe der Verständlichkeit ins Absurde drehen und steigern können – als grotesker argumentativer Leerlauf von reichen verwöhnten Vierzigjährigen, die dem Leben die Karriere vorziehen – , aber Anina La Roche hat sich anders entschieden.

Sie lässt den Abend im immergleichen moderaten Tempo ablaufen, und sie setzt offenbar auf die feinen Bruchstellen im Text, auf die Ahnungen und Vermutungen, die, gegenläufig zu den mit Überzeugung vorgetragenen Behauptungen, eine tiefere, von elementaren Gefühlen und Erfahrungen bestimmte Dimension enthüllen: Wenn die Mutter von dem kleinen, schutzbedürftigen Körper des Mädchens spricht und nicht darüber hinwegkommt, dass ihr Geruch ihm Angst machen könnte, wenn der Vater erzählt, welche Mühe es koste, sich von dem Kind loszureißen und wie sehr ihn das schlechte Gewissen plagt, es nicht häufiger sehen zu können.

Leise Finessen wie diese können einen tatsächlich immer wieder für eine Inszenierung erwärmen, die aus einer trockenen und handlungsarmen, das theoretische Konstrukt dem dramatischen Moment vorziehenden Vorlage ein Maximum an schauspielerischer und thematischer Präsenz herausholt und dem Schaffen einer jüngeren Schweizer Dramatikerin auf einer renommierten Stadttheaterbühne eine faire Chance gibt.

 

Top Kids. Die Verteidigung der Freiheit
von Marianne Freidig
Regie: Anina La Roche, Ausstattung: Tassilo Tesche.
Mit: Samuel Streiff, Katja Tippelt, Margit Maria Bauer, René-Philippe Meyer.

www.theater-solothurn.ch


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