Bleiche Schwestern

von Andreas Klaeui

Zürich, 17. September 2009. Zerrissenheit. Ein wandelndes, vielmehr schwankendes Dilemma: Das ist Elisabeth von England. Im Widerstreit der Gefühle, der sich widersprechenden Einflüsse, im ständigen Kampf mit sich. Am Anfang ist sie noch ganz Herrin ihrer selbst, burschikos tritt sie auf, ruppig fast; immer mehr weicht sich im Laufe des Abends ihre Kontur auf, wird sie unsicher, zaudernd, bis sie am Ende ihre letzte staatsfrauliche Intrige nur noch mit dem größten Widerwillen überhaupt vollziehen kann. Gerade noch knapp verteidigt sie ihre Stellung, ringt um letzte Freunde und weiß doch schon um ihr endgültiges Verlassensein.

Es ist hinreißend, wie Carolin Conrad diesen Weg geht. So deutlich liegt er vor einem, dass man sich unwillkürlich nach dem Stücktitel fragt: Warum eigentlich "Maria Stuart"? Wieso nicht "Elisabeth" oder wenigstens "Die beiden Königinnen"? Maria Stuart galt Schillers ganze Sympathie. Sie ist die "schöne Seele", Elisabeth ein Eisklotz, die "jungfräuliche Königin". Das ist das Rollenklischee – und so schlägt es meist schon auf die Besetzung durch. Maria, die dunkle Welsche, Elisabeth die nordische Protestantin.

Sämtliche People-Zicken können einpacken
In der Inszenierung von Barbara Frey sehen sich Maria und Elisabeth sehr ähnlich. Es sind zwei Schwestern, tatsächlich sind sie auch ähnlich jung. Zwei bleiche Löwinnen. Aber wenn eine von beiden gefasst und selbstbeherrscht auftritt, dann ist es Maria (Jördis Triebel). Skeptisch hört sie sich Mortimers Monolog-Arie an; hart will sie den Fakten ins Auge sehen. Durchgehend hat sie sich zwar nicht in der Hand – manchmal bricht es aus ihr heraus, dann will sie schreien vor Verzweiflung. Gleichwohl bleibt sie, noch als Bittstellerin (was sie ohnehin nicht lange aushält), unerschütterlich in ihrer Überheblichkeit gegenüber der illegitimen Schwester.

"Der Thron von England ist durch einen Bastard entweiht." Sämtliche People-Zicken können ja einpacken, wenn diese beiden Königinnen aufeinander losgehen. Ihre Begegnung im Park von Fotheringhay (die tatsächlich niemals stattgefunden hat), steht im Zentrum von Schillers Drama, streng symmetrisch läuft es darauf zu und bewegt sich davon wieder weg. Die Auseinandersetzung der Königinnen steht natürlich auch im Zentrum von Barbara Freys gekürzter Fassung (knapp zweieinhalb pausenlose Stunden), doch ist die Symmetrie hier aufgebrochen durch einen durchdringenden Vektor: Elisabeths Entwicklung. Er zielt geradewegs auf den tragischen Endpunkt hin: eine Frau in absoluter Einsamkeit.

Es ist eine Frauengeschichte, die Barbara Frey interessiert. Die Erzählung von zwei Frauen in prekärer Situation, die Fragen aufwirft, wie sie mit unverminderter Heftigkeit auch heute noch gestellt werden können. Und die Regisseurin erweist sich dabei einmal mehr als die Figurenfeinzeichnerin im Gegenwartstheater. Hinreißend plastisch und facettenreich werden Schillers Figuren unter ihren Händen. Dies gilt genauso für die Männerfiguren, die im Stück eher Staffage sind: personifizierte politische Positionen.

System kommunizierender Rohre
Lambert Hamels Burleigh ist die festes Fleisch gewordene Staatsraison, banal und gefährlich mit seinem eingezogenen Nacken. Der Leicester von Frank Seppeler dagegen geschmeidig und glatt, die personifizierte narzisstische Kränkung. Und Mortimer, der Schwärmer: Er bringt in Jirka Zetts Verkörperung keine fertig ausgeführte Bewegung zustande, nichts kann durch ihn hindurch und nach außen gehen, keine Bewegungsenergie, kein inneres Feuer. Bis es auch aus ihm herausbricht und er Maria in Liebesraserei beinahe vergewaltigt. Ein wildes Ringen ist sein Selbstmord, ein langer, bestialischer Kampf mit sich selbst und mit dem Dolch – ein Operntod, aber ein grandioser.

Enorm spannungsvoll ist dies alles – derart vielfältig und ausdifferenziert, subtil und plastisch. Vielleicht hat es noch etwas Angestrengtes? Davon wird es sich wohl freispielen. Ein Statement ist die szenische Setzung: Barbara Frey zeigt ihre Eröffnungsinszenierung in Zürich in der Schiffbauhalle, deren finanzielle und ästhetische Zukunft nach wie vor unsicher ist. Ein wichtiger Ort fürs Schauspielhaus. Und sie zeigt die Halle sozusagen pur: Keinen zusätzlichen Raum hat Bühnenbildnerin Bettina Meyer in den Schiffbau gebaut, lediglich unterschiedlich beschaffene Rohrleitungen über Originalboden und Wände verlegt, inspiriert vom Genius loci.

Ein System kommunizierender Rohre. Das, was gewöhnlich nicht zu sehen ist, die Innereien des Bühnenraums – man kann dabei auch an das Innenleben der Figuren denken, an ihre subkutanen Resonanzräume: Das, was Barbara Frey so gern freilegt.

 

Maria Stuart
von Friedrich Schiller
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Bettina Munzer, Musik: Claus Boesser Ferrari, Graham F. Valentine, Licht: Rainer Küng.
Mit: Carolin Conrad, Jördis Triebel, Frank Seppeler, Siggi Schwientek, Lambert Hamel, Jan Bluthardt, Klaus Brömmelmeier, Jirka Zett, Marita Breuer, Claus Boesser Ferrari, Graham F. Valentine.

www.schauspielhaus.ch

 

Andere Maria Stuarts zeigten etwa Petra Luisa Meyer in Potsdam im November 2008 und im Februar 2008 sowohl Stefan Bachmann in Düsseldorf als auch Britta Geister in Konstanz.

 

Kritikenrundschau

"Schwer, fast tödlich schwer" beginnt es für Simone Meier vom Zürcher Tagesanzeiger (19.9.) "Die Gewänder (von Bettina Munzer) sind historisch verbrämt, die Gesten spärlich – da ist kaum Leben vorhanden, wenn nicht Graham F. Valentine aus einer Mauernische heraus alte englische Weisen klagen würde." Aber dann entdeckt Meier: die Langeweile hat System! "Da, dieses 'alte' Theater war nur das Vorwort zu einem sehr zeitgemässen Drama über zwei mächtige Frauen, die in den teuflisch berechnenden Umständen, die sie selbst auch mitgeschaffen haben, niemals glücklich werden können. Und es ist auch ein Stück über das Theatermachen selbst: Zwar kann sich die Regie noch so befreit geben, das Schicksal der beiden Frauen ist ewig gültig. Wie klug!" Verblüffend findet die Kritikerin auch, dass "diese schillerschen Papierfiguren plötzlich so viel Leben gewinnen!"

Ganz anders Barbara Villiger Heilig, Chefkritikerin der Neuen Zürcher Zeitung (19.9.). Aus ihrer Sicht verkleinert Barbara Frey "Schillers großes Ideenstück" zum "psychologischen Politthriller". Jedoch lasse sie dabei nur ansatzweise spüren, dass das Fallbeil über allen Personen hänge.

"Alles Dramatische" habe die Regie Schillers Drama ausgetrieben, befindet Peter Kümmel (Die Zeit, 24.9.): "Wir sind ganz unten, im Maschinenraum, im Heizungskeller der Weltgeschichte. Hier ist jeder Lebensweg eine Schlacht für sich, hier werden alle Figuren zu Fortgespülten". Die Zuschauer und die Theaterfiguren warten entsprechend darauf, "dass sie überflüssig werden". Es dränge sich der Verdacht auf, dass diese Inszenierung geradezu prophetisch ist, weil sie "uns unsere Spielräume am unerbittlichsten zeigt. Hoffen wir, dass wir eines Besseren belehrt werden. Hoffen wir, dass die Räume sich wieder öffnen".

Für Ulrich Weinzierl in der Tageszeitung Die Welt (19.9.) ergibt sich das Problem des Abends speziell aus dem riesigen Breitformat des Bühnenraums. "Meist unterhalten sich deshalb die Figuren aus gewaltiger Distanz. Gelinde ausgedrückt, fördert das die Intensität des Ganzen nicht im Geringsten." Das Duell-Duett der Königinnen - Zentrum, Achse und Höhepunkt der fünf Akte - ward selten derart kläglich gesehen und gehört, schreibt Weinzierl verärgert: "Frau Triebel knattert ihre Blankverse mit der Rasanz eines Maschinengewehrs ins Publikum. Von emotionaler Sinngestaltung keine Spur. Das verbindet sie mit ihrer blutsverwandten Feindin, Carolin Conrads Elisabeth, der 'Virgin Queen'." Fazit: Ein harter Aufschlag für Barbara Frey auf dem Zürcher Boden.

"Viel Beifall am Ende für eine Inszenierung", gibt Wolfgang Bager vom Konstanzer Südkurier (19.9.) zu Protokoll. Es beginne "verstörend kalt und distanziert", Doch Barbara Frey dringe bald "sehr zielstrebig in den innersten Kern dieses Dramas vor". Für Bager werden dabei die Strukturen der Macht "beängstigend sichtbar", "das Intrigen-Geflecht, die sich überschneidenden Kraftfelder der beiden Königinnen". Alles wird so präsent und gegenwärtig, dass die Zuschauer schnell die historische Distanz zu Schiller und die zur elisabethanischen Epoche überwinden und vergessen." Selbst das Röhrenbühnenbild erhält für ihn plötzlich kafkaeske Stimmingkeit.

"Historisch verirrte Erscheinungen, die auf einmal Kanalratten spielen sollen?" fragt Gerhard Stadelmaier in einer Fünfundzwanzigzeilenvernichtung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.9.) angesichts des Schillerstücks im Röhrenbühnenbild. "Zwei zickige Mädels (in Renaissanceröcken) müssen nun also so tun, als würde die eine (Mary) von der anderen (Lissi) im großen Abwasserrohr hinter einem hydraulischen Drehventil gefangen gehalten und als wollte Lissi der Mary den Kopf abschlagen lassen, worüber Lissi in unglaublich schlechte Lispelbrüll-Laune gerät. Um dem lächerlichen Ganzen noch die Kloakenkrone aufzusetzen, nennen sich diese beiden harschen Girlies dauernd 'Königinnen'."

Wenig gewinnt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (21.9.) der Inszenierung ab. Hauptmanko ist für ihn, dass die beiden Königinnen nicht ebenbürtig sind. Jördis Triebel als Maria Stuart sei "eine barsche Wuchtbrumme, die jeden Auftritt mit einem rituellen Urschrei beendet", und damit das Gegenteil der "feinnervigen Carolin Conrad, die ihre Elisabeth als raffiniertes Biest spielt". Dadurch verliere das Stück seine Dramatik, "zumal Frey es konsequent vermeidet, auf die menschlichen und politischen Konflikte zuzugreifen". Auch die Männer kann Schmidt als Widersacher nicht ernst nehmen. Als weiteres Hindernis der Inszenierung empfindet Schmidt die Bühne. "Bespielt wird die Längsseite in der großen Schiffbauhalle. Der weite Raum erzwingt lange Gänge, die zum Teil noch künstlich verlängert werden durch Slaloms und Ehrenrunden. All das soll offenbar Anonymität und Verlorenheit in den Palästen bezeichnen. Zwischen den Auftritten aber beschränkt sich der Aktionsradius auf eine überschaubare Lichtung inmitten des verschlungen Systems aus Röhren." Barbara Frey kommt dem Eindruck des Kritikers zufolgte mit dem Cinemascope-Format nicht zurecht, und die Versuche, der labyrinthischen Rauminstallation praktische Seiten abzugewinnen, wirken auf ihn "wie Blümchentapeten in einem Le-Corbusier-Haus".

Man höre Text, den Lambert Hamel als Großschatzmeister so müde spreche, dass selbst der Hass politische Routine zu sein scheine, schreibt Wilhelm Hindemith in der Frankfurter Rundschau (22.9.), "emotionale Verstrickung bleibt aus". Diese sonderbare Unbeteiligtheit weiche auch nicht, wenn Elisabeth und Maria Stuart am Höhepunkt des Dramas auf einander treffen. "Die erzkatholische Farbe des Dramas kommt kaum zum Vorschein, sogar die legendäre Schlussszene Marias fällt weg. In solcher groben Vereinfachung steckt der Geburtsfehler der Inszenierung." Frey interessiere sich nur für Elisabeth und deren Psychodrama. "Aber auch die hin und her schwankende Königin ergründet sie nicht als Gefangene ihrer Berater und bringt das vergiftete Beziehungsgetriebe überhaupt nicht in Schwung." Die Verwandlung der Figuren überlasse Frey der Kostüm- und Maskenfrau Bettina Munzer, "den Abgrund von Sinn besorgt die Röhren-Bildnerin Bettina Meyer."

 
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