Flackernde Birnen

von Ralph Gambihler 

Leipzig, 17. September 2009. "Bitte konzentrieren Sie sich immer auf das Wesentliche!", sagt die Dame im blauen Abendkleid mit schwerem ungarischen oder slowenischen Akzent. Keine Ahnung, was das Wesentliche sein könnte in den kommenden sechs Stunden. Klar ist vorerst nur, dass jetzt gleich Kärtchen zu ziehen sind. Klassisch eingekleidete Dienstmädchen mit Rüschen wie aus einem Kostümfilm stehen dazu artig bereit. Jeder "Zuschauer" zieht drei Kärtchen. Auf den Kärtchen stehen Vornamen, die ein gewisses Parfüm verströmen wollen, Felice, Denver, Elian usw., wobei das vorerst Wesentliche sein könnte, dass auf allen Kärtchen als Familienname "von Unland-Deuthen" verzeichnet ist. Oder ist das die erste Finte? Jedenfalls: Wir sind wir bei den Vons.

Im Garderobenfoyer empfängt den Besucher dann ein habsburgisches Dämmerlicht. Der Raum ist leicht angenebelt, Girlanden von weißlichen Luftballons hängen rechts und links zwischen den Säulen, auf dem Boden glitzert Edelkonfetti. Man steht zunächst eher unbehelligt herum, die Rätselwelt hat es nicht eilig, ihre Fäden auszuwerfen. Einen richtigen Ball soll es geben, in der Ankündigung wurde um festliche Kleidung gebeten, bei Turnschuhmillionären sind wir nicht eingeladen.

In obskuren Hyperrealitäten

Auf der Treppe erscheint nun, von oben kommend, ein ältliches Paar und nimmt hinter einem Mikrofonständer Aufstellung, die gravitätische Haltung wie auswendig gelernt. Sichtlich handelt es sich um Maximilian von Unland-Deuthen und seine Gloria, die Gastgeber dieser schwülen, von Streichergesäusel narkotisierten Zusammenkunft. Maximilian spricht von Freude und Leidenschaft und irgendeiner bösen Sache. Kaum sind die Sätze ins Mikrofon gesagt, hakt sich eine junge Schöne in großer Abendgarderobe bei mir unter: "Darf ich Ihnen das Haus zeigen!" Sie darf.

Dass es in den Performance-Installationen des dänisch-österreichischen Duos Signa und Alfred Köstler tendenziell obskur zugeht, hat sich herumgesprochen, spätestens mit dem großen Erfolg von "Die Erscheinungen der Martha Rubin" (2007, Einladung zum Theatertreffen 2008). Die Konstruktion begehbarer und interaktiv erlebbarer Hyperrealitäten ist das Markenzeichen der beiden. Stets haben sie dabei "Bühnenbilder" erarbeitet, die aus einer Fülle akribisch arrangierter Objekte, keines neuer als Baujahr 1984, zusammengesetzt waren. Das Erzeugen von Illusionen funktionierte im Grunde wie eine Ausstellung, der Leben eingehaucht wurde.

Wo Mädchen muffig walten
Das ist in Leipzig etwas anders. Wer die neueste SIGNA-Simulation "Germania Song" betritt, bewegt sich in wohlbekannten Räumen. Garderobenfoyer und Saalfoyer samt Treppe und kleinem Zwischenfoyer wurden lediglich leicht dekoriert, das Interieur ist im Grunde unverändert. Am stärksten fällt die etwas schummrige Beleuchtung auf und das Flackern einzelner Birnen, das merklich um sich greift. Der Schritt in das Paralleluniversum der Geschichte, der Eintritt in das unbekannte soziale Biotop wird damit zum Riesenschritt. Eigentlich ist der Theatergänger ja in seinem Revier.

Möglicherweise ist dieses Element der Desillusionierung ein Problem, denn das erzählerische Arrangement bleibt einem bis zum Schluss fremd. Wer sich ihm hingeben kann, muss eine sehr solide Rollenspieltauglichkeit mitbringen. Eigentlich steht man meistens herum und tauscht sich über das aus, was einem gerade wieder vorgegaukelt worden ist. Oder man holt sich im Zwischenfoyer, wo die Dienstmädchen muffig walten, das nächste Glas Wasser oder Sekt. Oder man geht treppauf, treppab, weil man sich an die drei Kärtchen in der Tasche erinnert, deren Namensträger zu finden sind. Das war der Auftrag, das "Wesentliche".

Der Ruch der Restauration
Die aufgetischte Geschichte scheint aus einem schwerblütigen Schauerroman entnommen, in dem sich wahrscheinlich auch befrackte Herren duellieren. Die Unland-Deuthens, so heißt es, haben schon vor 20 Jahren einen solchen Ball gegeben, der aber böse aus dem Ruder lief. Etwas Schreckliches ist passiert, eine Tragödie, deren Tragik immer wieder beschworen, aber natürlich nicht erhellt wird, es soll ja spannend bleiben. Von eingesammelten Seelen ist die Rede, von Liebe, von neuen Körpern und vom Traum der Unsterblichkeit. Und jetzt ist man zusammen gekommen, um alles zu rekonstruieren.

Der Kontext 1989 wird angetäuscht. Mit dem Mauerfall hat "Germania Song" so viel zu tun wie das Wetter mit dem Papierpreis. Allenfalls hängt ein Ruch von Restauration in der Luft, eine alte Geschichte von oben und unten, die klingt, als sei die Klaviatur verrutscht. Irgendwann, nachdem der Abend sich zunächst gemächlich zerdehnte, geht das Drama auf einmal los. Gellende Schreie sind zu hören, die Mundwinkel der Herren sind plötzlich blutverschmiert, in den Dekolletees der Damen mehren sich die roten Abdrücke. Zum Schauerrepertoire gehören zudem das kollektive Erstarren und die individuelle Kussattacke, die zu erdulden, zu genießen oder abzuwehren ist, je nachdem.

SIGNA spielt in "Germania Song" mit billigen Effekten und Trash-Elementen und balanciert dabei nahe an der Persiflage dieses Genres. Der Reiz der Performance-Installation, das Eröffnen neuer Erfahrungsräume im Zwischenreich von Fiktion und Realität bleibt diesmal eine eher nebensächliche Angelegenheit. Beklemmende Erfahrungen sind in diesem Kunstlabyrinth rar, dafür kann man seinen Smalltalk-Horizont erweitern, immerhin.

 

Germania Song (UA)
Eine Performance von SIGNA
Konzept: Signa & Arthur Köstler, Regie: Signa Köstler, Ausstattung: Thomas Bo, Signa Köstler, Licht/Ton/Video: Arthur Köstler.
Mit: Franz-Josef Becker, Michael Behrendt, Stefan Chüo, Martina Deltcheva, Udo Eidinger, Linda Elsner, Theresa Elstner, Erich Goldmann, Ana Valeria Gonzalez, Manuel Harder, Anne Hartung, Shin-May Ho, Dominik Klingberg, Johannes Köhler, Casper Emil Koeller, Arthur Köstler, Signa Köstler, Thomas Kretzschmar, Ilil Land-Boss, Christian Mahlow, Paul Matzke, Stefanie Mühlhan, Thomas Bo Nilsson, Yulia Magdalena Yanez Schmidt, Helga Sieler, Sebastian Sommerfeld, Jenny Steenken, Karoline Stegemann, Klaus Unterrieder, Tabea Venrath, Irma Wagner, Manuel Washausen, Miriam Weißert, Mareike Wenzel u. a.

www.centraltheater-leipzig.de
www.signa.dk

 

SIGNA und nachtkritik.de haben schon länger eine enge Beziehung, rezensionswesenmäßig gesehen. Nachtkritiker waren 2007 bei Den Erscheinungen der Martha Rubin in Köln, die 2008 auch zum Theatertreffen geladen wurden, waren im November 2007 im Dorin Chaikin Institut und im Juni 2008 in Odessa dabei, machten sich im September 2008 in Graz mit der Komplex-Nord-Methode bekannt und schauderten im April diesen Jahres in Köln angesichts von Signas Hades-Fraktur.

 

Kritikenrundschau

"Eine faszinierende, sinnliche Erfahrung, als sei man in ein Life-Rollenspiel geraten", protokolliert Nina May in der Leipziger Volkszeitung (19.9.2009) Das funktioniert aus ihrer Sicht vor allem, "weil auch die Laiendarsteller - einige von ihnen bekannt aus Leipziger Studententheatergruppen - sicher in ihren Rollen bleiben und die Impulse zum Spiel geben." Das Ambiente lässt sie an Quentin Tarrantino und die Rocky Horror Picture Show denken: gäben die gemeinsam ein Fest, es würde etwa wie in Leipzig bei Signa aussehen.

"Und was das Ganze nun mit Germania und 1989 zu tun hat?", fragt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (19.9.2009). Es gehe um die Rekonstruktion einer kollektiven Erinnerung, "um die Wiederherstellung eines in zahllose Scherben zersplitterten Bildes. Diesen Ansatz sowie die sektiererische Atmosphäre einer Gesellschaft, die sich im Besitz einer allein selig machenden Wahrheit wähnt und im Moment ihres vermeintlichen Triumphes zugrunde geht, könnte man durchaus als Analogie zum Ende der DDR verstehen." Dass die politischen und wirtschaftlichen Koordinaten – wie auch in früheren Signa-Selbstversuchen – freilich in eine dionysische Obszönität übersetzt werden, dass statt existenziellen Drucks nur dekadenter Überdruss transportiert wird, nimmt dem Abend aus Hillgers Sicht die Spitze. "Am Ende des Abends entdeckt man vielleicht einen roten Fleck auf dem gedeckten Tuch des Anzugs. Aber keine Angst: Das lässt sich spurenlos rauswaschen."

Enttäuscht zeigt sich Hartmut Krug im Deutschlandradio (18.9.2009): "Dieses Theater steht formal und inhaltlich auf dem falschen Bein und tritt auf der Stelle, und die Ballgäste stehen betreten daneben, " meint er. Das, was manche Zuschauer bei früheren Performances von Signa so fasziniert habe, dass eine eigene, zwischen Theater und Wirklichkeit changierende Wirklichkeit geschaffen wurde, gelingt aus seiner Sicht dieses mal nicht. "Vielleicht, weil nicht mit Realitätspartikeln, sondern mit vorgefertigtem Genre- und Kinomaterial gespielt wird, und weil der Spielort eben ein Theater ist. Richtig hinein in diesen "Germania Song" kommt der Zuschauer nicht, und auch zwischen das Vor- und Mitspielangebot von Signa, weil nicht auch mit seinen Empfindungen und seine Realitätserfahrungen gespielt wird." Da hilft auch nicht, dass eine der jungen Damen Krug "voller leidenschaftlicher Verzweiflung mit ihrer schlabbrig-nassen Zunge überfallartig das Gesicht nässt, ob einer der untoten Männer sich beim neben mir stehenden Zuschauer über dessen Ohr zu anderen beknabberbaren Körperpartien vor zu arbeiten sucht, oder ob sich ein Tanz- oder Gesprächspartner im Rollenspiel mit jedem Satz mit geheimnisvollen An- und Bedeutungen aufbläht: es bleibt, nun ja, wenig aufregendes Theaterspiel."

"Ich war in Leipzig und habe einen Schauspieler erschossen", berichtet Dirk Pilz (Berliner Zeitung, 21.9.2009), "direkt in die Brust, aus zwei Metern Entfernung. Er hat mich angestarrt, durch sein weißes Hemd sickerte dickes Blut. Dann sank er nieder. Ich warf ihm die Pistole auf den Bauch und verließ den Tatort rasch. Die frische Nachtluft danach war angenehm." Worum es in der gesamten Geschichte um den "Germania Song" aber gehe, hat er erst nach einer Stunde begriffen: "Eine Zofe hat es mir beim Schnaps erklärt." Dennoch plaudere und langweile man sich meistens gediegen. Man plaudert und langweilt sich gediegen, "weil die Grundsituation nicht zündet: Die erzählte Geschichte bleibt zu konfus, um mehr als bloße Behauptung zu sein, die Zuschauerrolle immer erhalten. Blut fließt, eine Zofe heult, eine traurige Dame zeigt ihre Brüste. Alles geschieht ohne Notwendigkeit, nie verdichtet sich die Atmosphäre zur Unabweisbarkeit, und mit dem Herbst 89 hat dieser Ball auch nichts zu tun. Aber ich habe einen Schauspieler erschossen. Das zumindest hatte ich vorher noch nicht probiert."

"Also: ein großer Spaß," sagt hingegen Stefan Petraschewsky in der Sendung MDR-Figaro (19.9.2009) Trotzdem findet er den Abend unterm Strich mit sechs Stunden zu lang. "Aber man kann früher gehen und verpasst nicht wirklich was, weil die ganze 'Rekonstruktionsgeschichte' ziemlich simpel, platt und laut ist." Ihm ist auch nicht klar, warum die Performance 'Germania Song' heißt - und das ganze hat für ihn auch nichts mit dem Herbst 89 zu tun - obwohl das am Anfang mal gesagt werde. "Aber vielleicht ist das gerade der Witz - denn ansonsten hat ja gerade alles um uns rum mit dem Herbst 89 zu tun hat - aber das sind alles Nebensächlichkeiten - dieses Miteinanderspielen im ganz Kleinen - beim gegenseitigen Geschichtenerzählen, Fragenstellen und Fragenausweichen - das sind hier die Hauptsachen, für die genug Spielraum da ist, wenn man sich diesen Spielraum einfach nimmt - und eben nicht nur mit verschränkten Armen in der Ecke steht."

Peter Laudenbach, er schreibt in der Süddeutschen Zeitung (25.9.2009), musste angesichts der "Publikums-Bespaßung" durch Signa an den dicken Römer in "Asterix bei den Römern" denken, der immer wieder ruft: "Orgien, Orgien, wir wollen Orgien!" So "bieder und harmlos, so schnell vergessen und unfreiwillig komisch wie diese Comic-Figur sind die Signa-Figuren" mit der "grenzenlosen Öde ihrer Exzess-Simulationen". Laudenbach sieht das Theater bei Signa zum "Erlebnis-Zoo" verkommen, einem "Themenpark, in dem sich der Event selbst genügt und jeder noch so schale Reiz zur Sensation aufgebläht wird". Bei Signa handele es sich um die "kunstgewerbliche Antwort" auf die These der "Erlebnisgesellschaft"“: Die "Vorstellung, dass das Theater ein Ort der gesellschaftlichen Selbstreflexion ist, an dem große Konflikte verhandelt und durchgespielt werden, ist einer regressiven Freude am diffus ironisch gefärbten, aber im Kern sinnfreien Spiel für eher schlichte Gemüter gewichen."

 
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