Weltbild mit Locusta Migratoria

von Charles Linsmayer

Zürich, 19. September 2009. Es gibt wohl nichts und niemanden, aus dem Rimini Protokoll nicht ein theatralisches Spektakel machen könnten. In "Call Cutta" brachten sie Call-Center-Girls aus Bombay, in Airport-Kids verlorene Kinder aus aller Welt, in "Cargo Sofia-X" LKW-Fahrer aus Bulgarien, in "Das Kapital" Marx-Engels-Spezialisten aller Art, und im eben erst am Zürcher Theater-Spektakel gezeigten Radio Muezzin vier Gebetsrufer aus Kairo auf die Bühne.

Nun sind in Zürich unter dem Titel "Heuschrecken" je nach Zählung 9805 bis 10 000 Exemplare dieser geflügelten Insekten aus Afrika dran. Nicht dass Stefan Kaegi, der dieses Projekt einmal nicht zusammen mit seinen beiden ehemaligen Kommilitonen vom Giessener Institut für angewandte Theaterwissenschaften, Helgard Haug und Daniel Wetzel, ausgeheckt hat, nach der Methode des "Reality Theaters" nicht auch schon Tiere zu Schauspielern gemacht hätte: 2000 inszenierte er einen "Meerschweinchenkongress" und 2001 gab er in "Staat. Ein Terrarium" Einblick in das Leben der Ameisen.

Riesenterrarium mit Kraterlandschaft

Doch so ausufernd und systematisch, beziehungsvoll und vielschichtig wie im Falle dieser Heuschrecken aber hat er die Sache bisher noch nie angepackt. In einem quer in die Schiffbau-Box hineingestellten, etwa zwanzig Meter langen und drei Meter hohen, mit durchsichtigem Plexiglas überdachten Terrarium ist eine Kraterlandschaft aufgebaut, in der sich, vom Publikum von beiden Seiten her gut sichtbar, die besagten Insekten tummeln. Die einzelnen Plätze des Terrariums sind mit Namen wie Somalia, Kenia, Ägypten, Schweiz und Mexiko beschriftet – die Lebensstationen des exzellent deutsch sprechenden Somaliers Zakariah Farah, der von den persönlichen Erfahrungen mit Heuschrecken und Kamelen, aber auch von seinem Studium in der Schweiz erzählt.

Zu Musik oder musikalischen Akkorden des Cellisten Bo Wiget kommen auch noch andere Stimmen zu Wort, die Erklärungen zur Lebensweise der immer wieder in Großaufnahme auf die Wände projizierten Heuschrecken abgeben oder von den gefräßigen, sich enorm vermehrenden, aber äußerst genügsamen und anpassungsfähigen Lebewesen Vergleiche zum Hunger auf der Welt, zum zunehmenen weltweiten Wassermangel oder zu fragwürdigen Methoden der Schädlingsbekämpfung (DDT) anstellen.

Liebe Heuschrecken, wie geht es euch?

Wobei die auf eine stilisierte Art Schweizerdeutsch sprechende Toggenburger Physiklehrerin Barbara Burtscher, die am Ende in der Montur eines NASA-Weltraumfahrers durch das Terrarium stapft, weit weniger zu überzeugen vermag, als die als Team-Leiterin fungierende, Reglemente mit Bibelzitaten mischende Schauspielerin Lara Körte oder der Insektenforscher Jörg Samietz. Samietz dringt barfuß in die Heuschreckenwelt vor und versucht verzweifelt, eines der Insekten zum Fliegen zu bringen.

Was dagegen optimal gelingt, ist die akustisch-bildmässige Umsetzung der ganzen Installation, die in den Händen des Video-Profis Andi A. Müller liegt, und der Einbezug des Publikums in ein Happening voller Überraschungen und unerwarteten Themen und Bezügen.

Wenig Spielfreude und Disziplin brachten dagegen die Heuschrecken selber auf, die sich weder richtig paaren noch auffressen wollten und sich einzig durch das Wasser aus einer Sprühflasche einen Moment aus ihrer stoischen Wiederkäuerruhe bringen liessen. Fragen wie "Hallo, könnt ihr uns hören?", "Liebe Heuschrecken, wie geht es euch heute?" würdigten sie keiner Antwort. Auch die Körpertemperaturmessung durch Infrarotbestrahlung liessen sie genau so stoisch über sich ergehen, wie der im Publikum sitzende Roger de Weck, bei dem sie exakt 34,4 Grad Celsius betrug.

Nicht einmal durch den lang anhaltenden Applaus ließen sie sich davon abhalten, die Grasbüschel neben den Tafeln "Gold", "Kupfer" oder "Uran" weiter abzufressen. Und vielleicht wären sie nicht einmal dann auf die Palme zu bringen gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass im Foyer im Anschluss an die Vorstellung farbige Lutscher mit eingelegten toten Artgenossen verteilt wurden.

 

Heuschrecken (UA)
von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll)
Regie: Stefan Kaegi, Bühnenbild: Dominic Huber, Musik: Bo Wiget, Video: Andi A. Müller. Mit: Barbara Burtscher, Dr. Zakaria Farah, Lara Körte, Dr. Jörg Samietz und 10 000 Afrikanischen Heuschrecken (Locusta Migratoria).

www.schauspielhaus.ch
www.rimini-protokoll.de

 

Mehr lesen? Im März 2009 brachte Stefan Kaegi in Radio Muezzin vier von 20 000 Kairoer Gebetsrufern auf die Bühne des Berliner HAU. Für Airport Kids tat Kaegi sich 2008 mit der argentinischen Autorin und Theatermacherin Lola Arias zusammen, deren jüngstes Stück Mi vida después im August 2009 in der Hamburger Kampnagelfabrik zu sehen war.

 

Kritikenrundschau

Als "prototypischen Rimini-Protokoll-Abend", eine "Verschränkung von anschaulichen naturwissenschaftlichen Fakten mit weltpolitischen Theorien", beschreibt Simone Meier den Abend im Zürcher Tagesanzeiger (21.9.), wo auch ein Video einen Eindruck von der spektakulären Installation gibt. Man wähne sich als Zuschauer "mitten im Making-of eines besonders klugen Dokumentarfilms", und wie Stefan Kaegi und seine Mitstreiter (diesmal allerdings nur Kaegi allein) ihre "je nach Projekt wechselnden, real existierenden Experten immer wieder dazu bringen, sich bühnentauglich selbst darzustellen", ist aus ihrer Sich "sowieso ein Wunderding", für das Rimini-Protokoll im vergangenen Jahr auch den grossen Europäischen Theaterpreis als innovativste Theaterschaffende weit und breit gewonnen hätten. Leise fügt Meier allerdings hinzu, dass "dies ein Inszenierungsdesign" sich bei allzu fleissigem Rimini-Konsum mit der Zeit etwas erschöpfe.

Als "humorig verbrämte Volkspädagogik" hingegen betrachtet Christopher Schmidt in der Süddeutsche Zeitung (21.9.) die Inszenierung, die er eher langweilig und als Fall für die Harald-Schmidt-Show statt eine Theaterbühne empfand. "Stefan Kaegi vom Theater-Label Rimini Protokoll hat wieder mal eine Expertenrunde zusammengetrommelt, die sich über ein riesiges Terrarium mit zehntausend afrikanischen Wanderheuschrecken beugt und über die Zusammenhänge zwischen Welthunger, Klimakatastrophe und Globalisierung referiert. Die Pointe des Abends besteht darin, die Tiere wie Menschen zu betrachten und die Menschen wie Tiere, was immer auch für - hier sehr bedächtige - Scherze gut ist."

Zurück zur Nachtkritik der Premiere.

 

 
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