Baden, plätschern, verplempern

von Sabine Leucht

München, 24. September 2009. Es ist schon so, dass man sich freut, wenn ein ums andere Ensemblemitglied auf die Bühne stöckelt, schlurft und schlenzt. Sie sind ja eigentlich allesamt großartig und die neue Saison an den Münchner Kammerspielen wird zwar ohne Intendanten, aber doch nicht ohne Führung auskommen müssen.

Und weil diese Führung unter der alten Intendanz gewachsen ist und sich auf die neue freut, gibt es zur Eröffnung Stefan Pucher und danach dann einiges, was man in München bislang noch nicht so kennt. "Brückenbauer" seien sie, heißt es einvernehmlich aus der Dramaturgie. Zwischen Frank Baumbauer, der das "Theater des Jahres 2009" verlassen hat – und Johan Simons, der es im kommenden Jahr übernimmt. Und eine Durststrecke soll es auf dieser Brücke jedenfalls nicht geben.

Pferd ja, Frau nein

Darum also Pucher, altbewährt in München und garantiert keiner, dem so schnell die Ideen ausgehen. Und Anton Tschechows maßloses Frühwerk "Platonow" streckt sich ja ohnedies schon in alle Richtungen zugleich nach dem menschlichen Drama aus.

Nichts weniger als eine "Enzyklopädie des russischen Lebens" schwebte dem jungen Tschechow vor und tatsächlich setzte er im Alter eines heutigen Abiturienten ein Sammelsurium großartig orientierungsloser Lebensverplemperer in die Welt - in Langeweile badend, aber mit einer kitzelnden Sehnsucht nach Nützlichkeit infiziert: "Eine kultivierte Frau ohne Arbeit. Sie nützt nichts. Pferde, Kühe und Hunde nützen etwas, nur ich nütze nichts", reflektiert Anna Petrowna in einem jener lichten Momente, in denen sich Tschechows Figuren mit etwas Abstand betrachten. Dann verwandelt sich ihre allgegenwärtige Angeödetheit in echten Überdruss.

Stefan Pucher hat es sich mit Tschechows Menschen nicht leicht gemacht, dafür wird er deren Probleme als uns (und sich selbst?) viel zu nah empfinden. Das Leiden an der eigenen Mediokrität, der allgegenwärtige Geldmangel und die dauernde Reparaturbedürftigkeit des womöglich schon völlig verpfuschten Lebens lastet auf allen und am stärksten wohl auf Platonow, Dorfschullehrer, Lästerer, Schwätzer und - warum auch immer? - Liebling aller Frauen.

Schmierhans mit eisigen Klauen

Thomas Schmauser, auf den Pucher bereits seine Münchner Inszenierung von Shakespeares "Maß für Maß" fokussierte, spielt den Titelhelden auch diesmal scheinbar im Vorbeigehen, die Körperspannung partiell reduziert und an ungewohnten Stellen übermächtig, mit diesen weit gespreizten Schmauser-Händen und der im Wiederholungsfall schließlich doch manieriert wirkenden Kauzigkeit.

Ist dieser Schauspieler nun genial oder spielt er einfach immer denselben leicht prolligen Spinner? Auch diesmal wieder werden sich an dieser Frage die Geister scheiden. Sicher aber ist, dass Pucher Platonow als Authentizitäts-Insel inszeniert hat und darin mit ihm sympathisiert, denn wer immer sonst sich auf dem Anwesen der Generalswitwe Petrowna tummelt, tut dies als reine Oberfläche.

Weshalb es sich kaum lohnt, einzelne Schauspieler herauszugreifen, die auf weißen Plastikstühlen lümmeln, vor dem eigenen übergroßen Videoporträt über zerstoßenes Glas gehen, in grüner Badehose in den Whirlpool steigen, zierlich herumstehen oder polternd an die Rampe treten und losbrüllen, wenn ihre Figuren mal ein Gefühl ankommt. Grafisch strenge bis neckisch verspielte Kostüme, Haar- und Barttrachten (Annabelle Witt) trennen die Frauen- (wunderschön, aber etwas albern) von der Männerwelt, der es an Schönheit fehlt.

Ein Gebrochener verlottert im Zeitraffer

Die Frauen sind verheiratet und/oder in Platonow verliebt, die Männer sind verheiratet und/oder eifersüchtig auf Platonow. So wollte es Tschechow. Pucher dagegen will, dass Platonow selbst ein Gebrochener ist, der zwar seine "eisigen Klauen in fremde Herzen" schlägt, darunter aber selbst am meisten leidet. Schmauser verlottert im Zeitraffer, kotzt weißen Sabber in einen Eimer, raucht Kette und duckt sich wie ein Tier vor Anna Petrownas erotischen Avancen weg.

Das ungleiche Duell zwischen dieser dunklen Schönen - spröde, fast wegwerfend gespielt von Sylvana Krappatsch - und dem schmierigen Bündel Mann, das sie um ihrer selbst Willen zurückweist, ist eine von zwei wirklich gelungenen Momenten des Abends. Der zweite folgt gleich danach. Darin übt sich Stefan Merkis Ossip singend in Emotionen, während er auf dem Video im Hintergrund gerade erschlagen wird, bevor er, anders als im Stück, schließlich Platonow ermordet. Ob das Sinn macht? Geschenkt! Und während der Rest so dahin plätschert, trösten die stimmungsvoll düsteren Wälder und einfahrenden Züge auf Sebastien Dupouey Videos ein wenig darüber hinweg, dass diesmal sogar Chris Kondek fehlte.

 

Platonow
von Anton Tschechow
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Nina Wetzel, Kostüme: Annabelle Witt, Licht: Stephan Mariani, Video: Sebastien Dupouey, Musik: Marcel Blatti, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Sylvana Krappatsch, Oliver Mallison, Katharina Schubert, Peter Brombacher, Lasse Myhr, Tabea Bettin, Walter Hess, Wolfgang Pregler, René Dumont, Thomas Schmauser, Lena Lauzemis, Stefan Merki.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Mehr zu Stefan Pucher: Über seinen Wiener Struwwelpeter aus diesem September, die Münchner Aufführung von Maß für Maß im vergangenen Januar, die Zürcher Perser aus dem Oktober 2008, die Berliner Aufführung von M - eine Stadt sucht einen Mörder aus dem Juni 2008, den Kaufmann von Venedig vom Februar 2008 in Zürich, den umjubelten Sturm aus München vom November 2007.

 

Kritikenrundschau

Die Münchner Kammerspiele, jüngst zum Theater des Jahres gekürt, für Ulrich Weinzierl auf Welt-Online (26.9.) leuchten sie nicht, "sie grölen und kotzen – vielleicht, weil Wies'n ist". Die Frage, warum Frauen und Männer diesem Provinz-Don Juan Platonow nachrennen, einem "zynischen, zum Dorfschullehrer verkommenen Hamlet im Taschenformat" sei bei Tschechow ein spannendes psychologisches Rätsel, bei Pucher und seinem Protagonisten Thomas Schmauser nur noch ein schlechter Witz. Denn über die "von Nina Wetzel mit Plastikmöbeln verunzierte Strandbühne" schlurfe ein "schmieriger, saufender und sich übergebender Anti-Adonis". Stefan Puchers Hochgeschwindigkeits-Inszenierung von Tschechows "ausuferndem Vierakter" sprengt aus Weinzierls Sicht außerdem den "Rahmen aparter Verstümmelung", denn bereits in der radikal kurzen Spielassung gerate Tschechow unter die Räder.

Diskussionswürdig hingegen findet Michael Schleicher vom Münchner Merkur (26.9.) den Abend, auch wenn für ihn nicht alles an dieser "soliden Ensemblearbeit" aufgeht. Doch Stefan Pucher sei mit der Entscheidung, Thomas Schmauser die Titelrolle spielen zu lassen, ein Risiko eingegangen. Denn falls dessen Platonow eine erotische Ausstrahlung auf Frauen hat "(und die muss er haben, schließlich fängt er mit vieren etwas an), versteckt er diese gut hinter fettigen Haarsträhnen, Fünf-Tage-Bart und Bauchansatz. Die Frauen begehren diesen Mann dennoch, eben weil er offen zeigt, dass er ein Looser ist, dass er – wie in einem Gedicht Brechts – einer ist, auf den sie nicht bauen können." Wer nicht mit dieser Besetzung klarkomme, der werde sich mit dieser Inszenierung schwertun, prognostiziert der Kritiker. Ihm gefällt an Schmauser, dass dieser Schauspieler "sichtlich bemüht ist, die Handbremse nicht ganz zu lösen." Und weil "die Rampensau" zuhause bleibe, würden immer wieder intensive Bilder entstehen.

Als "in den Sand gesetzt" bewertet Gabriella Lorenz von der Münchner Abendzeitung (26.9.) die Eröffnungsinszenierung der Münchner Kammerspiele. Weder überzeugt sie die "skellettierte Fassung" des zweieinviertel Stunden-Fassung des Dramas, das ihren Informationen zufolge ungekürzt über sieben Stunden dauern würde. Noch kann ihr der Hauptdarsteller bei "aller schauspielerischer Virtuosität" plausibel machen, warum die Damen sich ausgerechnet von dem einen Ausbruch aus ihrem langweiligen, nutzlosen Leben erhoffen." Aber vielleicht liege es ja auch daran, versucht sich die Kritikerin an einer Erklärung, "dass bei Pucher die Frauen nur poppig aufgebrezelte, dümmliche Klischeefiguren sind".

Für "im Sande verlaufen" erklärt bühnenbildinspiriert auch Christopher Schmidt diesen Saisonauftakt in der Süddeutschen Zeitung (26.9.) Denn erstens hat man aus seiner Sicht das Kammerspiel-Ensemble kaum je so "steif und steril, so textaufsagerisch zugeknöpft" erlebt. Zwar habe Stefan Pucher "das leidige Problem der Auftritte und Abgänge neckisch gelöst, indem er seine Schauspieler einem Geisterzug entsteigen lässt, der sie aus der virtuellen Welt des Films in die körperliche Welt der Bühne befördert, aber auch dort angekommen bleiben sie merkwürdig entrückt und so ausgestellt künstlich, als hätten sie nicht Wodka, sondern Desinfektionsmittel im Blut." Trotzdem fühlt Schmidt "sich ausgeschlossen wie ein später Gast, der stocknüchtern auf eine Party kommt, die bereits zu weit fortgeschritten ist, um noch mitfeiern zu können." Das zweite, für den Abend noch gravierendere Problem für ist "dass der Regisseur selbst viel zu sehr involviert ist, um noch als Gastgeber zu fungieren, völlig berauscht von Tschechows lebensmüden Bonmots, die Stefan Pucher wohl am liebsten in Pulverform durch die Nase ziehen würde. Anders gesagt: Tschechows Stücke sind ihm (und uns) vielleicht zu nahe, diese Studien über die Leere und Lähmung einer untergehenden Wohlstandsgesellschaft passen zu gut auf die Gegenwart, um als deren Spiegel dienen zu können".

Nach etwa einer halben von insgesamt zwei Stunden, schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.9.), betrachte auch der Zuschauer den Tanz der Staubkörnchen im Videolicht. Nachdem man sich auf der "Kunstkieselwüstenbühne mit Plastikliegen" an das "elende Ausmaß des weiten öden Landes in der Videoschleife im Hintergrund und auch an Marcel Blattis Marimbaphon-Plingplang" gewöhnt habe; nachdem man akzeptiert habe, dass Tschechows Sprache nach der Übersetzung von Andrea Clemen, der "großzügigen Bearbeitung durch den Regisseur" und Durchgang durch den "Lässigkeits-Filter der Schauspieler" alltagsfähig geworden sei und nachdem auch "die bescheidenen Lebensziele des Stückpersonals" geklärt sei. Beim Platonow von Thomas Schmauser verwische sich "jeder Persönlichkeitsansatz zur Unkenntlichkeit". Die "Gene für Tragische", die jede der vier Frauen besäße, die Platonow umschwärmen, würden "nicht ausgespielt". Und eigentlich sei man Ossip ganz dankbar, wenn er dessen Motiv und Handeln "so einfach, ehrlich und vor allem: so aktiv" seien, Platonow endlich umbringe.

Im Mittelpunkt, von Stefan Puchers Platonow, schreibt Christine Diller in der Frankfurter Rundschau (30.9.), stehe, "umringt und umworben: Platonow, geistreich, wortgewandt, nur Dorfschullehrer, dafür Zyniker und Weiberheld". Thomas Schmauser spiele ihn, nun ja, "schmauserig", "schmierig, nölig, eitel und doch voller Selbstekel". Die Frauen, "Kunst- und Lustobjekte in vogelwilder Kostümierung", betöre er mit "unverhohlenem, alles riskierendem Ennui". Schmauser sei "der Richtige für die Rolle", aber er mache zu wenig aus ihr, weil er nicht den spiele, "der zuallererst unter sich selbst leidet". In einer Inszenierung, in der die Tschechowschen Figuren schon "als Vereinzelte, Einsame" gezeigt würden, "die nicht einmal mehr so tun, als hätten sie gemeinsam Spaß", falle das besonders auf.

 

 

 
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