Bei Patchworks auf dem Sofa

von Petra Hallmayer

München, 25. September 2009. "Aus nächster Nähe betrachtet", meint Katja, "ist keine Familie normal." Die Familie, die die Autorin und Regisseurin Lola Arias bei der Uraufführung ihres jüngsten Stückes im Werkraum der Kammerspiele vorstellt, ist bereits auf den ersten Blick etwas Besonderes: Nachdem sich die Eltern der kleinen Lena getrennt hatten, verliebte sich ihre Mutter Katja in Silja. Weil die beiden sich noch ein Kind wünschten, sprang Lenas Vater als Samenspender ein, und so schenkte Silja ihr ein Brüderchen namens Moses.

So außergewöhnlich wie die familiäre Konstellation ist auch die Besetzung. Hier spielt jeder sich selbst. "Familienbande" basiert auf der Biografie der Schauspielerin Katja Bürkle, die mit ihrer Kollegin und Partnerin Silja Bächli, ihrem Ex-Mann Florian Huber, Tochter Lena und Sohn Moses gemeinsam auf der Bühne steht.

Über einem leuchtend grünen Kunstrasen hängt eine rote Schaukel. Zwei Kaninchen mümmeln an ihren Möhren. Drinnen in den auf eine Bretterwand projizierten Räumen des Hauses herrscht putzige Puppenstubengemütlichkeit zwischen Wohnküche und Blümchensofa. In einem märchenhaft schönen Wechselspiel aus Filmbildern und Theater führt uns Lena in den Alltag ihrer Familie ein. Deren Mitglieder erzählen Anekdoten aus ihrem Leben, tragen am Geburtstagstisch des Knuddelbabys Moses mit Spielzeugkronen die Bibelgeschichte über dessen Namensgeber vor, der auch zwei Mütter hatte und reihen Klischees und Zitate über das ideologisch aufgeladene Konstrukt Familie aneinander.

Regenbogenbunter Hauch von Utopie

"Familienbande" ist die zweite Theaterarbeit der zum Festivalstar avancierten Argentinierin in München. Im November 2007 kam beim Spielart-Festival die fesselnde szenische Installation "SOKO São Paulo" heraus, die Lola Arias mit Stefan Kaegi von Rimini Protokoll neu konzipiert hatte. Was damals so beeindruckte jedoch, die kluge Mischung aus Schlichtheit und Komplexität, vermisst man im Werkraum schmerzlich.

So schnuckelig wie die Kaninchen Wolle und Knolle wirkt der ganze Abend, den ein frühlingslinder Hauch von Zukunftsutopie durchweht und über dem ein regenbogenbuntes Patchworkbanner flattert. "You are the rose of my heart", singt Silja zur Gitarre, während Katja und Lena (ein hinreißendes schauspielerisches Naturtalent) als Zwillingsschwestern in demselben roten Kleid zusammen schaukeln. Es ist, als wolle uns die Inszenierung pausenlos versichern: Schaut her, es funktioniert! Es geht auch anders, aber so geht es auch. Sicher!, möchte man ausrufen. Es gibt eine Vielzahl an Lebensmodellen zwischen der traditionsreichen Neurosenbrutstätte und den Kleinfamiliensmileys aus der Tütensuppenwerbung. Aber ließe sich das nicht besser in einem Zeitungsartikel verhandeln?

Immerhin scheint einmal auf, dass jenseits des Mutter-Vater-Kind-Rasters keine paradiesisch problemfreie Zone liegt. Einer hat eine fragile Rolle im Patchworkidyll: Er wisse nicht so recht, bekennt der allwöchentlich zu Besuch kommende Papa, wie eng er seinen Sohn an sich binden solle, der doch eigentlich den Müttern gehöre.

In den Fesseln der Authentizität

Viel ist nicht mehr übrig von der Allmacht des Vaters, der sich sukzessive mit einer – wie Albrecht Koschorke es nennt – "Josephs-Existenz" bescheiden musste, seine alimentorischen Aufgaben mit dem Staat teilt und bei der Prokreation zusehends von den Medizinern abgelöst wird. "In Zukunft werden Frauen keine Männer mehr brauchen, um Kinder zu bekommen", verkündet Katja am Frühstückstisch. Noch aber darf Lena sich auf das Motorrad ihres Vaters schwingen und mit ihm selig dahinbrausen.

Aus der Herde der heiligen Kühe, die die Gegenwart anbetet, hat eine das Theater im Sturm erobert: die Authentizität. Wie tückisch sie sein kann, erweist sich in "Familienbande". Es ist nur allzu verständlich, dass sich Lola Arias in diese fünf rundum liebenswerten Menschen verliebt hat. Allein in ihrer permanenten Demonstration von Normalität und Harmonie unterscheidet sich ihre Ausnahmefamilie nicht wirklich von den Meiers und Hubers im Reihenhaus gegenüber. So nett deren Geschichten sind, sie wirken bald schon ermüdend. Am Ende hat die Dramenliteratur, die sich zu ihrem Kunstcharakter bekennt und sich nicht sklavisch an das "wahre Leben" bindet, denn doch einige Vorteile: Sie enthüllt die Essenz in den hübschen Anekdoten, die wir alle uns über uns selbst erzählen, und sie kann rücksichtslos unter aber auch jedes Blümchensofa schauen.

 

Familienbande
von Lola Arias
Regie: Lola Arias, Bühne: Dominic Huber, Kostüme: Pascale Martin, Musik: Ulises Conti.
Mit: Silja Bächli, Katja Bürkle, Florian Huber, Lena Huber und Moses.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Zur Nachtkritik zu SOKO São Paulo von Lola Arias und Stefan Kaegi geht es hier.

 

Kritikenrundschau

Mit "Familienbande" stelle Lola Arias "ein bislang noch ungewohntes Familienmodell vor", befindet Gabriella Lorenz in der Abendzeitung (28.9.), indem sie nämlich "die reale Geschichte der Schauspielerinnen Katja Bürkle und Silja Bächli als dokumentarisches Theater mit den Mitteln der Oral History inszeniert" und deren Familie sich selbst spielt. Besonders eng eingebunden sei "Bürkles Ex-Mann und Lenas Vater Florian Huber, der seinen Samen auch für Siljas Baby spendete". In mitunter "poetisch überhöhten Texten formulieren die Erwachsenen und Lena ihre Träume, Wünsche und Vorstellungen sowie Reflexionen über ihr Leben", wobei sie die "strenge Form mit vielen Videos" davor schütze, "ins allzu Private zu fallen. Alles wirkt unspektakulär, entspannt und selbstverständlich. Eben eine ganz normale Familie – nur nach einem anderen als dem gewohnten Muster."

"Direkt, unkompliziert und naiv" mute Lola Arias´ "Familienbande" an, schreibt Christine Diller in der Frankfurter Rundschau (30.9.). Eine "echte Familie auf die Bühne" zu stellen, dazu gehöre Mut. "Und den bewiesen auch die Schauspieler dieser Produktion mit ihrer privaten Geschichte". "Katja Bürkle bekam als 19-Jährige zusammen mit Florian Huber ein Kind. Die Eltern trennten sich (...), und Bürkle wurde mit ihrer Kollegin Silja Bächli ein Paar. Als die Frauen sich ein weiteres Kind wünschten, baten sie Huber um Hilfe. Und da sind sie nun alle und erzählen, was ihnen bei den Wendungen und Entscheidungen ihres Lebens so durch den Kopf ging. Was für eine Rolle sie spielen, für die anderen, die Familie und die Gesellschaft und was das mit ihnen zu tun hat." - "Fast zu schön, um wahr zu sein", erscheine die "erweiterte Form der Frühstücksmargarine-Familie". Dabei erzählten ihre Mitglieder "manchmal doch das Gegenteil." - "Wahrhaftigkeit und Charme" habe diese "Realität auf dem Theater", auch "Raffinesse, wie sie sanft und liebevoll alte Rollenmuster, Vorurteile und Konflikte aufdeckt".

 

 
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