Die Kunst der richtigen Aussprache

von Bernd Noack

Würzburg, 26. September 2009. In Würzburg hat das Volk schon in der vergangenen Nacht entschieden. Ganz demokratisch und am Ende eines quälenden fünfstündigen Kampfes, bei dem es um die Wahl zwischen Hass und Versöhnung, Rache und Vergebung, Gewalt und Befriedung, Erinnern und Vergessen, kurz: um Leben und Tod ging. Kuschelig wie in der Realität vor dem heutigen Bundesurnengang war das naturgemäß keineswegs: die Kontrahenten schenkten sich nichts. Sie logen und betrogen, sie hintergingen und täuschten, schließlich mordeten und meuchelten sie nur noch hemmungslos.

Und als das Volk das Urteil über Wohl und Wehe seiner politischen Helden und Herren sprechen sollte, verwunderte es die neutralen Beobachter kaum mehr, dass es sich angesichts der zur Wahl stehenden Möglichkeiten – Pest oder Cholera? – nicht eben begeistert zeigte. Als demokratische Pflicht und Chance pries eine Art Wahlleiterin namens Athene zwar diese Übertragung der Verantwortung an; für die Gegner derartiger Neuerungen jedoch stand längst fest: "Es stürzen die Sitten, es wankt die Zeit."

Selbst die kleinste Mehrheit siegt über die Minderheit

So zumindest steht es bei Aischylos, dessen "Orestie" das Mainfranken Theater Würzburg zur Spielzeiteröffnung mit allen drei Teilen hintereinander weg und somit in einer enormen Kraftanstrengung auf die Bühne brachte. Dass also Demokratie auch eine höchst heikle Angelegenheit sein kann, weil in ihr selbst mit allerkleinster Mehrheit gefällte Entscheidungen von den knapp Unterlegenen geschluckt werden müssen, ist zwar nur eine Lehre aus diesem uralten Drama, am Vorabend einer richtigen Wahl freilich nicht die unbedeutendste.

Dabei hat man aber in Würzburg natürlich jeglichen aktuellen Bezug vermieden und sich ganz auf die Interpretation des antiken Stoffes beschränkt. Was so nun auch nicht ganz stimmt, denn groß hinterfragt wurde das monumentale Werk gar nicht. Man gab die Handlung und versuchte trotz verbissener Konzentration auf Vollständigkeit und richtige Aussprache all der griechischen Namen und Orte, familiären und göttlichen Verwirrungen, die alles andere als plausible Geschichte um Klytaimnestras Fehltritt mit Aigisthos, den irgendwie gemeinschaftlichen Mord an Agamemnon, der Iphigenie geopfert hatte, die blutige Rache der Kinder Orestes und Elektra an Mutter und Liebhaber, endlich die nur langsam in Schwung kommende Rechtssprechung unter den Augen von Athene, Apollon und vier gruseligen Racheweibern halbwegs nachvollziehbar zu erzählen.

Handwerklich solide gezimmerte Einzelstücke

Nachdem aber bei Aischylos auch noch von viel mehr die Rede ist, von Verwandten etwa, die sich gegenseitig aufessen, stellte sich ziemlich in der Mitte der Aufführung ein Schauspieler vorne an die Rampe und rekapitulierte sicherheitshalber noch einmal das bisherige Geschehen, den zu erwartenden Fortgang und überhaupt die inzestuösen Verwicklungen der ganze Mischpoche aus dem Hause Tantalos. Nicht nur das war ein Zeichen für die Hilflosigkeit und den enormen Respekt, mit dem das Unternehmen hier angegangen wurde.

Also leistet man sich in Würzburg auch gleich drei Regisseure für die drei Teile; der Tiefenwirkung dient das aber nicht. Im Gegenteil: Zu sehen sind drei handwerklich solide gezimmerte Einzelstücke, die sich natürlich aneinander fügen. Die Entwicklung der Figuren aber vom Beginn bis zum grausamen Ende, ihre Brüche, Konsequenzen und Widersprüche, das, was in ihrem Inneren vorgeht, bevor der Wahnsinn ausbricht, die Reue stockt, die Rache sich aufbläht – das alles ist in diesem Theater nicht erlebbar. Dafür hört man drei verschiedene Übersetzungen, mal gebundene, dann wieder prosaische Sprache, was allein schon die wiederkehrenden Personen ziemlich orientierungslos wirken lässt. Und dann müssen sie sich auch noch den (genau genommen dann doch nicht so divergierenden) drei Ästhetiken von Stephan Suschke ("Agamemnon"), Bernhard Stengele ("Die Choephoren") und Hermann Schneider ("Die Eumeniden") unterordnen, was ihren Weg über den ohne- aber immerhin durchwegs blutgetränkten antiken Boden nicht einfacher macht.

Ein Bürgerchor für die Verbundenheit

Suschke wagt eine ein wenig grelle, gedämpft schockierende Comic-Bebilderung, Stengele gestaltet ein emotionsgeladenes Katastrophen-Rührstück und Schneider versucht den dritten Teil mit technischem Theater- und geheimnisvollem Mythenzauber aufzuwerten. Zusammengehalten aber wird dieses Inszenierungspuzzle nicht durch einen überspannenden gemeinsamen Gedanken – sondern allein von 70 ganz normalen Würzburger Frauen und Männern (keine Arbeitslose, keine sozial Schwachen!), die den mächtigen, lauten, (an-)klagenden, verdammenden, fürchtenden Chor bilden, dem der Mut zur Kommentierung gegeben ist, den sich die Regisseure verkneifen. Aber Chor ist schließlich wieder "in" zur Zeit, zudem gemahnt er schwer an Antiken-Authentizität, und – das wird man in Würzburg nicht müde zu betonen – er ist in diesem Fall auch ein Symbol der Verbundenheit von Theater und Bürgern in einer Stadt.

Das ist doch schön! Und so nimmt man dann auch gerne in Kauf, dass die ansonsten gut trainierte Sprechtruppe bisweilen ein wenig an Waschfrauen unten am Main erinnert und mancher herbe Aischylos-Satz mitten im bluttriefenden und mordlüsternen Macht- und Rachespiel schon mal so richtig spreitzfränkisch putzig klingt.

 

 

Orestie
Schauspiel von Aischylos
deutsch von J.J.C. Donner, Peter Stein und Karl Vollmöller
Regie: Stephan Suschke, Bernhard Stengele, Hermann Schneider, Anna Sjoström, Bühne: Stephan Prattes, Kostüme: Hella Bünte, Sigrid Brüninghoff, Irina Bartels.
Mit: Maria Brendel, Klaus Müller-Beck, Christian Manuel Oliveira, Anne Diemer, Issaka Zoungrana, Kai Markus Brecklinghaus, Kai Christian Moritz, Rainer Appel, Anne Simmering, Max de Nil, Edith Abels, Philipp Reinheimer.

www.theaterwuerzburg.de

 

 

Weitere Inszenierungen der Orestie gab es im Oktober 2008 in Nürnberg von Georg Schmiedleitner, im September 2008 von Roger Vontobel in Essen, im April 2008 von Sandrine Hutinet in Karlsruhe oder im Dezember 2007 von Lars-Ole Walburg in Düsseldorf. Die Inszenierung von Michael Thalheimer wurde im Mai 2007 (dem Premierenmonat von nachtkritik.de!) im Rahmen des damaligen Theatertreffens besprochen.

 

Kritikenrundschau

Ralph Heringlehner beruhigt die Leser der Main Post (28.9.): "Angst haben muss keiner vor dem Theater-Marathon", auch wenn er fünf Stunden dauert. Seien diese doch auf drei Tragödien und drei Regisseure verteilt, die bei gleich bleibenden Bühnenbild "sehr unterschiedlich" interpretierten. Den dritten Teil der "Orestie", der "am weitesten von der heutigen Gedankenwelt entfernt" sei, tauche Intendant Hermann Schneider in surrealistisches Licht, das eine Lazarett-artige Welt beleuchtet. Während Schneider "auf die Kraft der Bilder" setze, vertraue Stephan Suschke im ersten Teil "auf die Kraft des Wortes. Seine Inszenierung ist asketisch, statuarisch, klassisch. (...) Die Faszination geht von den Versen aus, ihrer Schönheit, ihrer Macht, den Zuhörer zu fesseln." Eine Herausforderung für die Schauspieler, die Heringlehner allesamt für gut befindet. Im mittleren Tragödien-Teil finde Bernhard Stengele Komisches nahe des Tragischen. Und der Chor aus 80 Würzburger BürgerInnen (fast 90 Prozent weiblich) sorge "für dramatische Wucht. Beeindruckend."

 
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