Kopftheater gegen Korruption

von Klaus Witzeling

Hamburg, 26. September 2009. "Hamlet – ist tot." Der erste Satz in Klaus Schumachers "Hamlet" für das Junge Schauspielhaus in Hamburg gibt die Richtung seiner Inszenierung vor. Shakespeares bekannteste Tragödie ist tot interpretiert, tot gespielt, tot rezensiert. Der Regisseur wagt einen neuen Anfang. Im Malersaal des Schauspielhauses erzählt er das Stück als Geschichte der zerstörten Liebe von Ophelia und Hamlet, den die Familie mit ihren verbrecherischen Machenschaften nicht aus ihren Klauen lässt, bis sie durch ihn ausgelöscht wird. Erst im Tod findet Hamlet zur Freiheit, weil er seinen Überzeugungen und der Suche nach der Wahrheit gefolgt ist.

Thorsten Hierse spricht diesen ersten Satz lächelnd und erleichtert, um sich dann zu erinnern, wie es war. Er steht dabei im Zentrum von Léa Dietrichs Bühnenraum, dessen gestuftes Halbrund die Zuschauertribüne spiegelt. Zugleich Arena, Hörsaal und ein Blick ins Labyrinth von Hamlets Kopftheater. In den Gängen und hinter den Wänden aus Büchern – sie spielen wohl auf die Unmengen von Sekundärliteratur an – tauchen die sieben Schauspieler und zwei Musiker auf und verschwinden wieder. Sie retten sich in den Schutz der Wände, belauschen und belauern einander, klettern und fallen auch mal über die Balustraden: Hamlets flüchtige Hirngespinste.

Klare Front

Hamlet trifft Ophelia. Ein junges Paar im ersten Glück. Sie lesen gemeinsam Hamlets Brief in einem zärtlich scheuen "Liebesduett", zu dem die Schauspielerin Nadine Schwitter das Cello spielt und singt. Die erste Szene ungetrübter und unschuldiger Harmonie wird durch den Auftritt des korrumpierten Königspaares kontrastiert. Claudius (Konradin Kunze) küsst Gertrud (Christine Ochsenhofer) gierig, geil, besitzergreifend und triumphiert: "So!" Er ist am Ziel: In Gertruds Bett und an der Macht. Die Front zwischen idealistischen Jungen und etablierten Alten ist deutlich abgesteckt.

Der Kampf zwischen ihnen beginnt mit der Offenbarung des Mordes an Hamlets Vater. Dessen Stimme tönt hohl aus einem Lautsprecher, der Hamlet und die ihn umklammernde Familie umkreist. Ein starkes Albtraumbild vom Gefangensein eines jungen Mannes in der Welt der Eltern. Regisseur Klaus Schumacher konzentriert sich auf das Ringen um Rache und Wahrheit, kommt ohne Fortinbras-Episode aus, schenkt sich die Totengräber-Clownerie und findet für die Inszenierung der Theater-im-Theater-Episode des "Mausefalle"-Spiels eine ironische Lösung, wenn er die Zuschauer zu den Darstellern des Hof-Publikums macht. Wie die Schauspieler zugleich auch immer Beobachter ihres Spiels bleiben, wird den Zuschauern ihre Zeugenschaft bewusst gemacht. Horatio (Tobias Pflug) sitzt zwischen ihnen, Hamlet spricht sie direkt an in seinen Monologen und mit der zentralen Frage: "Ein Mensch sein oder nicht sein."

Ohne Anbiederung

Thorsten Hierse ist ein sensibler, nervös rastloser, auch mal über seinen Text hinweg haspelnder Hamlet, ein ebenso überzeugend Liebender wie aufsässiger Possenreißer. Sein schalkhafter Comeback-Auftritt nach der Rückkehr aus England verschärft noch die Tragik der unsentimentalen, doch eindringlichen Wahnsinnsszene von Nadine Schwitters nicht nur als Cellospielerin glänzender Ophelia. Die beiden Neuen sind ein Gewinn für das Ensemble des Jungen Schauspielhauses. Es weiß sich – wie Hermann Book als komödiantischer Polonius – in den Charakterrollen zu profilieren und fordert die jungen Zuschauer mit einem Shakespeare (in der schnörkellos heutigen, klar pointierten Übersetzung von Jürgen Gosch und Angela Schanelec) ohne Anbiederung.

Anders als Schumachers verspielt-überzogenes Komödienspektakel "Was ihr wollt" auf der Großen Schauspielhaus-Bühne, überzeugt seine dichte, den Kunstvorgang ausstellende Kammerspiel-Version des "Hamlet" durch szenisch stets einleuchtende Reduktion und die Konzentration auf den Kernkonflikt zwischen den Jungen und den ihre Macht und Pfründe mit zweifelhaften Methoden erhaltenden Alten.

 

Hamlet
von William Shakespeare
deutsch von Jürgen Gosch und Angela Schanelec
Regie: Klaus Schumacher, Bühne: Léa Dietrich, Kostüme: Heide Kastler, Musik: Thomas Esser, Tobias Vethake, Komposition: Tobias Vethake.
Mit: Hermann Book, Thomas Esser, Thorsten Hierse, Konradin Kunze, Christine Ochsenhofer, Tobias Pflug, Nadine Schwitter, Tobias Vethake, Martin Wolf.

www.schauspielhaus.de

 

 

Kritikenrundschau

 

Man müsse "Hamlet" inszenieren "ohne eitlen Selbstdarstellungszwang mit Schauspielern, die ihre Mittel beherrschen", fordert Monika Nellissen in der Welt (28.9), und weil das Klaus Schumacher am Jungen Schauspielhaus Hamburg gelinge, sei sein "Hamlet" ein großer Abend. Nadine Schwitter etwa, "neu im Ensemble des Jungen Schauspielhauses, kann nicht nur wirklich Cello spielen. Sie ist als Ophelia radikal in Entäußerung und Verinnerlichung. Mit vollem Körpereinsatz, ungestüm und gleichzeitig verhalten, das Herz auf den Lippen tragend und wie ein Tier an Hamlets Liebesbriefen riechend, um seinen Geruch aufzusaugen. Sie geht uns ans Herz." Und Thorsten Hierse als Hamlet: "Man möchte diesen bisweilen etwas zu schnell sprechenden schmalen jungen Mann einen Nervenschauspieler nennen, der unerhört sensibel dem gestörten Gleichgewicht Hamlets nachspürt und dabei das Gefühl klaftertiefer Zerrissenheit zwischen Zärtlichkeit und Brutalität vermittelt."

Mit Klaus Schumacher habe sich nun ein Regisseur "darangemacht, den (zunächst mal wenig jugendfreien) Stoff für Jugendliche ab 14 Jahren perfekt in Szene zu setzen", schreibt Dagmar Fischer in der Hamburger Morgenpost (28.9.), und das Junge Schauspielhaus habe "völlig zu Recht über zehnminütigen Applaus" geerntet. Es sei eine "latente Reibung zwischen Sprache und Bild, von der diese zweistündige Inszenierung lebt. Und zu Tränen rührt und zum Lachen verführt – total uncool!"

 
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