Lethargisch liegt das Volk darnieder

von Jürgen Reuß

Freiburg, 2. Oktober 2009. Die Bühne von Frauke Löffel ist eine Art waagerechter Plattenbau vor einem langen, gläsernen, meist vorhangverdunkelten Container, nach der Beschreibung von Dramaturgin Ruth Feindel eine "repräsentative Fassade der Demokratie, in die nur partiell Einblick gewährt wird, obwohl die Architektur Transparenz verspricht". Davor, auf staubigem Regipsplattenboden mit vier seitlichen Rampen und einer ins Publikum, lagert ein lethargisches, antriebloses Volk, das halbherzig nach Veränderungen ruft. Seine Energie reicht gerade aus, im Dauerrauschen der Kofferradios vergeblich auf das Vermelden irgendwelcher Taten zu lauschen.

Wen das ein wenig an das Leben auf der Großbaustelle Berliner Republik erinnert, liegt nicht falsch. Damit man dieser gewollten Assoziation traut, ruft einer schließlich sogar: "Geht wählen!" Es fliegt auch mal ein Stein gegen die hinter Glas entrückte Herrscherelite. Wie in unserer Gegenwart läuft irgendwo ein langer, ferner Krieg, der das Volk weder sonderlich begeistert, noch empört.

Das Fremde darf fremd bleiben

Geschickt erzeugt Regisseurin Felicitas Brucker so eine atmosphärische Aktualität, ohne die Handlung des antiken Dramas modernisieren zu müssen. Die kann ruhig fremd bleiben, so wie es heutigen Herrschern fremd ist, dass Agamemnon die eigene Tochter Iphigenie für günstigen Kriegswind opfert.

Und Opfer werden einige ausgiebig zelebriert in dieser Inszenierung. Unter Schreien werden sie auf alle Rampen geschleift und schließlich hinter Glas martialisch geschlachtet, egal ob Iphigenie, Kassandra, Agamemnon oder Klytaimestra. Griechische Frühgeschichte ist eine blutige Angelegenheit.

Durch das geschickte atmosphärische Einpendeln auf heutige Befindlichkeiten zu Beginn drängt dieses Schlachten jedoch auch zum Systemvergleich: Ist der Unterschied zwischen damals und heute etwa nur einer der Sichtbarkeit der jeweiligen strukturell bedingten Gewalt?

Und auch das Unbehagen

Brucker packt alle drei Teile von Aischylos' "Orestie" in diesen Theaterabend, hat dafür aber mit ihren Dramaturgen die neunstündige Vorlage von Peter Stein auf dreieinhalb Stunden herunter gekürzt. Das verdichtet gekonnt den im Schauspiel verhandelten Übergang von Blutrache und Götterwillkür zu so etwas wie demokratischer Gerichtsbarkeit.

Wenn am Ende Athene und Apoll mit rhetorischem Geschick den Freispruch Orests für den Muttermord rechtfertigen und die rachsüchtigen Erinyen zur Übernahme friedfertigerer Eumenidenjobs überreden, schließt die Inszenierung jedoch den Kreis zur Lethargie des Beginns. So unambitioniert wie anfangs das Volk nach Veränderungen ruft, so antriebslos übernehmen die entmachteten Rachegeister ihre neue Aufgabe. Ihr Furor beschränkt sich fortan auf einen geschmetterten Pingpongball auf dem zur Tischtennisplatte umgebauten Gerichtstisch.

Auch nach dem Übergang von Blutrache zum Rechtssystem bleibt ein unbefriedigendes Unbehagen. Ein produktives Gefühl, um sich von einem Theaterabend anregen zu lassen. Dazu tragen vor allem auch die starken Leistungen der Schauspieler bei. Beeindruckend, wie Martin Butzke den vom Volk getriebenen, kriegstraumatisierten Agamemnon spielt und dann auf den alerten Anwaltsapoll umschaltet, wie Charlotte Müllers ihre glühend bis parodistischen Reden als Kassandra oder Athene hält.

Insgesamt also eine bedenkenswerte Inszenierung, die viele, bedenkenswerte Fragen aufwirft, allerdings auch die, welche Art von Bindung zur Inszenierung eigentlich die seltsame musikalische Live-Untermalung von Erol Dizdar erzeugen sollte.

Orestie
Schauspiel nach Aischylos, Übersetzung von Peter Stein
Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Frauke Löffel, Kostüme: Karen Simon, Musik: Erol Dizdar, Licht: Martin Oestreich, Dramaturgie: Ruth Feindel, Arved Schultze. Mit: Anna Böger, Martin Butzke, Johanna Eiworth, Mathias Lodd, Charlotte Müller, Lucia Schreiber, Konrad Singer, Martin Weigel.

www.theater.freiburg.de


Mehr über Felicitas Brucker? Im April 2009 inszenierte sie die Uraufführung von Ewald Palmetshofers faust hat hunger und verschluckt sich an einer Grete am Schauspielhaus Wien. Im letzten Jahr war ihre Uraufführung von Palmetshofers hamlet ist tot. keine schwerkraft zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Mehr dazu auf unserem Festivalportal Stücke '08.

Kritikenrundschau

Die "Orestie" spiegele Vorstufen des Rechtsstaats, schreibt Siegbert Kopp im Südkurier (5.10.): "Göttliche Willkür, Atriden-Fluch und familiäre Blutrache werden gegen Ende abgelöst durch ein Geschworenengericht von Bürgern. In Freiburg geht die Regie umgekehrt vor: Die Demokratie, Zielpunkt der Handlung, herrscht von Anfang an auf der Bühne." Felicitas Brucker misstraue aber "der Demokratie auf dem niedrigen Niveau ihrer eigenen Inszenierung. Sie zeigt ein Volk lethargischer Schlümpfe. Ihre Schlaffis sind, schon aus Bequemlichkeit, immer auf der Seite der Mehrheit. Nur wenn die Regenten es zu bunt und blutig treiben im Kanzlerbungalow, kommt das Volk in Fahrt und mit ihm der Theaterabend." Bruckers "Methode – eine Masche aufnehmen, vier fallen lassen – erzeugt riesige Löcher. Sie sind gestopft voll mit Aktionismus, zusammengezurrt durch Textmotive und verwoben durch Live-Musik (Erol Dizdar). Den Rest besorgen die Schauspieler."

 

 
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