Graben, Gräber, Grabbe

von Hartmut Krug

Senftenberg, 3. Oktober 2009. Ins Theater geht es auf einem Steg, unter dem Archäologen in weißer Schutzkleidung buddeln und Knochen, Helme und Scherben freilegen. Mit drei Förderbändern wurden auf dem Vorplatz verschiedenfarbige Erdhaufen aufgeschüttet, in Schwarz, in Rot und in Gold. Mit Christian Dietrich Grabbe, dem 1801 im Detmolder Zuchthaus (in der Dienstwohnung seines Vaters) geborenen Dramatiker, der mit seinen Geschichtsdramen als Vorläufer eines realistischen Theaters gilt, gräbt sich die Neue Bühne Senftenberg bei ihrem 6. GlückAufFest hinein in deutsche Geschichte, und meint dabei zugleich deutsche Gegenwart.

Vier Stücke von und eines über Grabbe, von denen der Zuschauer an einem langen Abend drei sehen kann, erzählen vom Leben und Werk eines schwierigen Dramatikers, der nach 1789 in einer in Restauration und Stagnation mündenden Umbruchszeit an der gesellschaftlichen Wirklichkeit und der literarischen Spießigkeit litt und zerbrach. Seine Stücke sind schwere Brocken, mit denen das Theater bei seinem langen, von 17 Uhr bis nach Mitternacht dauerndes Theaterfestes die Künstler wie die Zuschauer gleichermaßen fordert.

Grablandschaft vor Eisernem Vorhang

Doch da die Neue Bühne Erfahrung mit Theaterfesten hat, gibt es überall im Theater Trinkhallen (Grabbe starb als Alkoholiker), - mit unterschiedlichen Angeboten an Speisen und Getränken. Zwei lange Pausen gliedern den Abend, der für alle mit Sewan Latchinians Inszenierung seines eigenen, 1986 in Schwerin uraufgeführten Stückes "Grabbes Grab" beginnt. Auf der Bühne eine Grablandschaft vor halb herunter gelassenem Eisernen Vorhang (das tolle Bühnenbild stammt von Tobias Wartenberg): die Figuren krabbeln aus der Erde hervor, während die Gruppe Wallahalla, mit grellen Totenköpfen versehen, zu diesem Totentanz-Bilderbogen über Grabbes Leben ihre schräg-traurige Katzenmusik beisteuert.

Latchinians Stück zeigt Grabbes Leidensweg hin zum Tode. Grabbe steht, säuft, denkt und räsonniert: nicht nur als das große, verkannte Genie, sondern sehr lebendig und differenziert gespielt von Bernd Färber, handelt dieser Grabbe weniger, als dass er redet. Mit Worten, die allesamt vom befreundeten Kanzleirat aufgeschrieben werden, sucht er sich gegen die Welt zu wehren. Seine Frau zeigt heftige Ablehnung, aber auch Herrschsucht und gelegentlich wieder erwachte Geilheit (die voluminöse Eva Kammigan spielt dies bravourös, wenn auch mit zuweilen zu starkem mimisch-gestischem Einsatz).

Deutsche Zustände: eine Figur mit riesigem, traurigem Pappkopf und dem Spruch "Ich bin das Volk" auf dem T-Shirt, fragt, kommentiert und denkt nach. Das Stück: eine Zustandbeschreibung, die recht statisch wirkt, weshalb nicht nur manche Figuren des Stückes, sondern, trotz der ästhetischen Kraft der Inszenierung, auch die Zuschauer nach einiger Zeit sehnsüchtig auf Grabbes Tod warten.

Antiheroisches Geschichtstheater

Für Grabbes "Napoleon und die Hundert Tage" geht es in ein Zirkuszelt im Hof. Regisseur Peter Schroth hat Grabbes umfangreiches Stück stark bearbeitet und aus dessen ungeheurer Wortmasse eine immer noch fast zweistündige Fassung montiert. Bei Grabbe beginnt es mit einem Jahrmarktstreiben, bei dem zugleich ein Raritätenkabinett mit den Bourbonenkönigen und eine Menagerie gezeigt werden. Bei Schroth stellen 6 Schauspieler, die sich durch über 100 Rollen spielen, in wie aufgestellte Särge wirkenden Kabinen ihre Haltung zur politischen Restauration, zur Stagnation und zu Napoleon aus.

Es geht zack, zack: Vorhang auf, Auftritt, Vorhang zu, und die Musik spielt dazu. Man trägt weiße Unterwäsche, darüber charakterisierende Uniformteile. Während Grabbe in seinem antiheroischen Geschichtstheater, trotz seiner "heimlichen Titanenliebe", vor allem auch eine ausführliche dramatische Individualisierung der Massen versucht, tritt bei Schroth die Ebene der Macher und Führer in den Vordergrund.

Hoch oben auf den Kabinen zaudert der Bourbone, hier philosophiert und deklamiert Heinz Klevenows Napoleon, und Blücher und Wellington haben die Schlussworte. Die Inszenierung vergegenwärtigt Geschichte in Momentaufnahmen, ohne eine richtige Bühnenhandlung, und trotz engagierter Schauspieler, trotz vieler Wechsel in der Sprechweise, trotz Licht- und Musikeffekten wirkt die Inszenierung kürzungswürdig und sehr bald monoton.

Ausuferndes Drama, aufblühende Texte

Mit Grabbes "Die Hermannschlacht" ist dagegen Sewan Latchinian ein großer Wurf gelungen. Er hat das ausufernde Drama über den Kampf der Germanen gegen die römische Fremdherrschaft, das Grabbe ohne jede Rücksicht auf die realen Möglichkeiten einer Bühne entworfen hat, als Geschichtspanorama in der kleinen Studiobühne des Hauses inszeniert. Dicht vor breiten Längsseite des Raumes sitzt das Publikum. Latchinian gibt mit acht Schauspielern als eine phantasievoll bebilderte Sprachoper.

Anfangs liegen alle, von Erde bedeckt, nebeneinander: chorisch, mit lautmalerischen Einsprengseln und individualisierenden Ausbrüchen, sprechen die weißgeschminkten, einheitlich in braune Schlabberkleidung gehüllten Schauspieler den Text. Später, wenn alle aufgestanden sind, wenn Handlungen und Haltungen nicht illustriert, sondern allenfalls mit den als Baumstämme bemalten, den Hintergrund verhüllenden Gummimatten Situationen und Vorgängen angespielt werden, wenn drei Darsteller eine Schlachtszene als Gedanke sichtbar werden lassen, wird die Inszenierung in ihren Mitteln fast filmisch. Grabbes Texte blühen auf, immer neue Assoziationsangebote erhält der begeisterte Zuschauer, der fasziniert Grabbes Stück folgt, das zu einem grandiosen Spiel gegen jedweden Machtmissbrauch wird.

Ein großes Theaterfest

Grabbes "Hannibal" konnte ich nicht sehen, da ich nur an zwei Tagen in Senftenberg war, doch ich hörte über die Inszenierung von Esther Undisz nur Gutes. Was ich von Veit Schuberts Einrichtung des Lustspiels "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" nicht berichten kann. Grabbes Satire über alle gesellschaftliche Schichten im gesellschaftlichen Warteraum nach dem Wiener Kongress ist eine Zustandsbeschreibung als Typenparade.

Doch Regisseur und Ensemble fanden keinen inhaltlichen Punkt und keine theatralische Form für die zeitgebundene Schärfe des Stücks. Kraft- und witzlos, weder heutig noch gestrig, schleppte sich die Inszenierung mit uninspirierten Schauspielern dahin. Da brauchte ich noch nicht einmal Klopstocks Messias, wie der Teufel im Stück, um von heftiger Müdigkeit befallen zu werden.

Und trotzdem: Insgesamt war es ein großes Theaterfest.

 

GRABBE!
Das 6. GlückAufFestival am Neuen Theater Senftenberg

Grabbes Grab

von Sewan Latchinian
Regie: Sewan Latchinian, Ausstattung: Tobias Wartenberg, Musik: Wallahalla.

Die Hermannschlacht

von Christian Dietrich Grabbe
Regie: Sewan Latchinian, Ausstattung: Tobias Wartenberg, Musik: Wallahalla.

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

von Christian Dietrich Grabbe
Regie: Veit Schubert, Ausstattung: Stephan Fernau

Hannibal

von Christian Dietrich Grabbe
Regie: Esther Undisz, Ausstattung: Silke Rudolph, Musik: Gunther Krex.

Napoleon oder die hundert Tage

von Christian Dietrich Grabbe
Regie: Peter Schroth, Ausstattung: Lothar Scharsich, Musik: Gunther Krex.

Mit: Bernd Färber, Eva Kammigan, Heinz Klevenow, Lutz Aikele, Sybille Böversen, Till Demuth, Roland Kurzweg, Hanka Mark, Maria Prüstel, Friedrich Rößiger, Benjamin Schaup, Wolfgang Schmitz, Lutz Schneider, Juschka Spitzer, Catharina Struwe, Inga Wolff, Alexander Wulke, Ralf Anolleck, Ulrich Münzberg, Daniel Borgwardt.

www.theater-senftenberg.de

 

Mehr lesen? Weil sich 2009 die historische Herrmannsschlacht zum tausendsten Male jährte, beschäftigte Christian Dietrich Grabbe anderswo die Bühnen, zum Beispiel das Theater Osnabrück, wo im Mai Philipp Tiedemann Die Herrmannschlacht auf die Bühne brachte. Auch in Detmold, wo man (wie in Osnabrück) ebenfalls Standortnähe zum historischen Ort behauptet, inszenierte Kay Metzger sein grabbe-inspiriertes Spektakel Die Hermannsschlacht - Eine deutsche Betrachtung, das ihm eine Faust-Nominierung einbrachte.

 

 

 
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