Bauhaus-Traum-Aus

von Christian Rakow

Potsdam, 8. Oktober 2009. Die heidnische Kultstätte Stonehenge wollte Architekt Leo Black in seiner 70er-Jahre-Hochhaussiedlung "Eden Court" nachempfinden: sechs wuchtige Wohnblöcke im Kreis angeordnet und durch Brückengänge verbunden. Ein Lebensraum für ein gemeinschaftliches Miteinander sollte es werden – und nebenher eine Selbstbestätigung des Architekten: "Wir träumen diese Bauten."

Allein die Realität meinte es nicht gut mit diesem Traum. Die Sozialwohnungen zerfielen. Nun laufen Kakerlaken durch die Flure, und die Bewohner springen aus Depression von den Balkonen. "Angeblich hat der Architekt Selbstmord begangen, als er die Scheiße hier gesehen hat", sagt einer der Bewohner und trifft damit den Nagel beinah auf den Kopf. Nachdem eine Bürgeraktivistin Leo Black von der Unzweckmäßigkeit seines Paradebaus überzeugt, wird "Eden Court" auch für seinen Architekten zu dem, was Stonehenge immer schon war: zum Grabhügel.

Der einfache Akkord

Der schottische Autor David Greig erzählt in seinem 1996 entstandenen (und 2001 in Krefeld zur deutschen Erstaufführung gebrachten) Drama "Der Architekt" die Verfallsgeschichte von Leo Black in schnellen, filmischen Schnitten und Parallelmontagen. Während Black eine freudlose Ehe mit seiner von Hygienewahn zerfressenen Ehefrau durchleidet, werden seine Kinder zu Aussteigern: Sein Sohn Martin bändelt mit einem Stricher an, der selbst in "Eden Court" groß geworden ist. Und Tochter Dorothy steuert per Anhalter in eine latent schmutzige Romanze mit einem LKW-Fahrer.

Wo die Figuren ihre Coolness eher zitternd vor sich hertragen, wo ihre Seelen ebenso bröckeln, wie der graue Beton, der sie umgibt, da steckt eigentlich viel Platz für schauspielerische Zwischentöne und Schattierungen. Doch die Regie von Isabel Osthues (an sich eine feste Größe im Gefolge des neuen Potsdamer Intendanten Tobias Wellemeyer) verpasst sie allesamt. Die Klaviatur dieses Abends kennt nur den einfachen Grundakkord. In grobkörnigen Pin-up-Posen betört Franziska Melzers Dorothy ihren Pfundskerl von einem LKW-Fahrer (Marcus Kaloff). Von Traurigkeit oder Selbstekel, die die beiden (dem Textbuch nach) vom Sexabenteuer abhalten, keine Spur.

Selbstmord ist ihr Hobby

Simon Brusis gibt Blacks Sohn Martin konfirmandenhaft geduckt mit stets geschlossenen Händen, so als drücke er sich unentwegt selbst die Daumen, dass die Regie ihm ein Mal einen Haltungswechsel gönnt. Martins Loverboy besitzt in Eddie Irle, der den heißblütigen Straßenjungen gibt, eigentlich eine Idealbesetzung. Doch bürstet sich Irle hier so lange auf easy-peasy, gay und gut drauf, dass man den Selbstmord seines Charakters Billy beinah übersieht.

Nicht anders, wenngleich zwei Stufen geerdeter, ergeht es Peter Pagel mit seinem Architekten Leo Black. Stets konziliant und frohgemut, bleibt ihm ein Trauma ob des Scheiterns von "Eden Court" erspart. Nirgends verspürt man auch nur einen Hauch jener Gemütsschwere, die Pagel (Spielzeitgast, zuletzt u.a. am Deutschen Theater Berlin) noch letzte Woche in Ibsens "Wildente" bei Tobias Wellemeyer einbrachte.

Luftzug im Vakuum

Eher ausgebremst als angetrieben von der Drehbühne stellen die Akteure ihre Szenen in einen riesigen Wohnquader mit diversen Räumen (Bar, Klo, Flur, Schaufenster). Wie viel mehr wäre auf dieser verwinkelten Bühne von Jessica Rockstroh möglich gewesen?

Eine Ahnung von Tieferem gibt einzig Rita Feldmeier, wenn sie mit kleinen bösen Einlassungen ihre emotional erkaltete Ehefrau Paulina Black entwickelt. Die Neurosen ihrer Figur hält sie unterschwellig. Was sie anderen an Herrschsucht widerfahren lässt, das steckt ihr an Härte längst in jeder Faser ihres Körpers. Es ist ein Luftzug von packendem Schauspiel im Vakuum dieses Abends.

 

 

Der Architekt
von David Greig
Deutsch von Reinhard Kaiser
Regie: Isabel Osthues, Bühne: Jessica Rockstroh, Kostüme: Mona Ulrich, Dramaturgie: Nadja Hess.
Mit: Peter Pagel, Rita Feldmeier, Simon Brusis, Franziska Melzer, Eddie Irle, Marcus Kaloff, Andrea Thelemann.

www.hansottotheater.de

 

Mehr zur Regisseurin Isabel Osthues? Im Oktober 2007 brachte sie unter Tobias Wellemeyers Intendanz in Magdeburg Allwissen von Tim Carlson zur deutschen Erstaufführung und urinszenierte im April 2008 Himmels-W in Luzern.

 

 
 

 

Kritikenrundschau

Eine uninspirierte, behäbige Inszenierung, schreibt Karim Saab in der Märkischen Allgemeinen (10.10.). Bereits das Stück selbst ist aus seiner Sicht kaum mehr als ein Fernsehspiel. Hier nun lasse dann die Regie keine "Klischeefalle" aus. Mal werde dabei den Schauspielern "fein gezeichnetes Fernsehspiel abverlangt (beim Abendessen werden echte Nudeln verzehrt)", dann wieder seien "überzeichnende Gesten angesagt (Bäume im Garten werden wie Fußbälle weggetreten)". Die eigentliche Fehlentscheidung des Abends ist für Saab jedoch "der Einsatz der Drehbühne. Sie verhindert schnelle filmische Schnitte. Es dauert jedes Mal viel zu lange, bis das einfallslose Bühnenbild (Jessica Rockstroh) neu in Stellung gebracht wird. " Auch die langen Wege der Schauspieler und "Suggestivgeräusche vom Band" streuen aus seiner Sicht nur Sand ins Getriebe.

Schwache Stücke brauchen starke Regisseure, schreibt Peter Hans Göpfert in der Berliner Morgenpost (10.10.). Doch in Potsdam "schleppt sich die Geschichte", zumal Regisseurin Isabel Osthues ihr aus Göpferts Sicht "weder Witz noch satirische Schärfe" zutraut. Das Bühnenbild von Jessica Rockstroh suggeriere dafür tiefere Wichtigkeit: "Eine öde Architektur dreht sich mal links-, mal rechtsherum. Wie in einem Adventskalender öffnen sich die Wände für einzelne Schauplätze, das LKW-Cockpit (Linkssteuerung, obwohl wir in England sind), eine Bar oder das Pissoir, auf dem Billy und Martin ihre handfeste Bekanntschaft machen." Lediglich einige Schauspiele sorgen für Lichtblicke, lesen wir.

 
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