Die Revolution verschreckt ihre Kinder

von Dirk Pilz

Plauen, 9. Oktober 2009. Das führt zu nichts. Diesen Abend so zu nehmen, wie er einem entgegentritt, in all seiner Drastik und Derbheit, mit dem lauten Trommelgetöse und zudringlichen Figurenherausbrüllen, diesem dauernden Sätzeschleudertum und Zeichengebrüll, das lässt einen bereits nach zehn Minuten innerlich auf Durchzug schalten. Hilfe!, denkt man unweigerlich, geht es nicht ein bisschen subtiler? Leiser wenigstens? Offenbar nicht.

Aber immer wenn Danton auftritt, in Stiefeln, Unterwäsche und mit Dreitagebart, wenn er sich bierkumpelmäßig auf die Stufen der leere Bühne fläzt und von Revolution nuschelt, lässig die Silben hinwürfelt und sich durchs verwuschelte Haar fährt, weht einen die Ahnung an, dass im Untergrund dieses Abends noch eine andere Dringlichkeit pulsieren muss, als jene, die sich in Überdeutlichkeiten Luft verschafft.

Nackt und geschlagen

Jan Baake jedenfalls, der Danton, ist die schauspielerische Lichtgestalt der Inszenierung. Er nimmt seine Figur mit leiser Selbstironie und reflektierendem Draufblick, er weiß sie zu wandeln und verhüllen, gönnt ihr also all jene Zwischentöne, die sonst hier fast allesamt verscheucht wurden. Am Ende, wenn Danton schon zu Tode und die Revolution zum bloßen Terror verurteilt ist, kriecht er mit seinen Getreuen nackt und geschlagen aus einem Glaskasten an die Rampe. Nur seine Nacktheit ist kein Kostüm.

Aber auch die blanke Haut führt zu nichts. Vielleicht soll man die Inszenierung von Matthias Thieme eher andersherum lesen, nicht versuchen, ihr bloßes Erscheinungsbild zu deuten, sondern den Rahmen betrachten, in den es gesetzt ist. Danton spielte auch so gesehen die Hauptrolle.

Wir sind in Plauen, am Vogtlandtheater. Westsachsen, zwei Regionalbahnstunden von Leipzig gen Süden. 65.000 Einwohner. Auch hier, am mit Zwickau fusionierten Theater, haben sie wie in Hamburg, in Dresden, in Hannover oder Wien einen neuen Intendanten: Roland May. Er kommt mit Teilen seiner Mannschaft aus Ostsachsen, vom Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau, das er in den letzten Jahren mit Geschick und Gespür für die Stadt zu führen wusste. Sie wollen und müssen den Plauenern wieder die Liebe zum Theater lehren. Die Premiere von "Dantons Tod", die erste große Eigenproduktion zur Saisoneröffnung unter dem Spielzeitmotto "anders leben", ließ gut die Hälfte der Plätze noch frei, der neue Verwaltungsdirektor bat am Anfang, den Arbeitskollegen vom Theater zu erzählen. Es muss etwas passieren in Plauen.

Damals war's

Auch deshalb haben sie Roland May geholt. Und er war clever genug, nicht zu vergessen, dass es in Plauen war, wo im Revolutionsherbst vor 20 Jahren die entscheidenden Dinge passierten. Wenn es überhaupt die Rede von einer Heldenstadt braucht, dann muss von Plauen gesprochen werden, nicht von Leipzig. Am 7. Oktober 1989 fand hier die – gemessen an der Einwohnerzahl – größte, nicht genehmigte Demonstration der DDR statt. Der Superintendent schrieb einen folgenreichen Brief an den DDR-Ministerrat, Oppositionelle verteilten einen Aufruf: "BÜRGER! Überwindet Eure Lethargie und Gleichgültigkeit. Es geht um unsre Zukunft. JETZT ODER NIE!"

Sie überwanden ihre Lethargie und versammelten sich auf dem Theaterplatz. Diese Demonstration hat den Weg bereitet, aber es waren – anders als in Leipzig – keine heimlichen Kamerateams vor Ort. Plauen wurde darum lange vergessen, jetzt hat man den Grundstein zu einem Wende-Denkmal gelegt – am 7. Oktober.

Mäntel und Mülltonnen

In diesem Plauen also wird Büchners "Dantons Tod" gegeben, das Denk-Spiel über die Logik des Revolutionierens. Matthias Thieme belastet es jedoch kaum mit Verweisen auf '89. Nur einmal schickt er sein Ensemble dicht an die Stuhlreihen und lässt es werkgetreu "Wir sind das Volk" skandieren. Eine befremdliche, aufgesetzte Reminiszenz.

Thieme benutzt Büchner nicht als Folie für die DDR und ihre Wendung zum Westen, aber er tischt uns vier Akte lang das Revolutionsgeschehen derart ohren- und sinnenbetäubend auf, dass man vermuten muss, er sehe sich zum postrevolutionären Aufrüttler berufen. Er spielt Büchner, aber er meint uns. Wir sollen verstehen, uns und unsere Zeit.

In langen Mänteln wird hinter Mülltonnen gestanden und auf sie eingedroschen. Robbespierre ist bei Saro Emirze ein schnurgerader Gerechtigkeitsfanatiker, der jedes Wort behandelt, als wolle er auch dieses guillotinieren. Die Augen aufgerissen, die Hände verkrampft, der Gang dauersteif. St. Just ist ganz bei sich, wenn er mit einem Riesenhammer fuhrwerken darf, Lucile, wenn sie im Blut- und Knochenmatsch wühlt, Lacroix, wenn er ins Kindsheulen gerät.

Tja, der Mensch

Sie fallen über ihre Figuren her wie Ausgehungerte, sie stampfen, schreien und schwitzen immerfort ins Publikum. Es ist, als vereinten sie sich in der einen großen, gebrüllten Frage: Kann denn das alles sein? Können denn die Ideale derart verrohen und verraten werden?

Tja, sagt Danton, der Mensch. Kennen wir uns denn, und kennen wir einander? "Ja, was man so kennen heißt". Das ist der Anfang bei Büchner, er wird wiederholt.

Das führt zu nichts, ruft uns dieser Abend damit ins (ostdeutsche) Geschichtsgewissen. Diese postrevolutionäre Lethargie, die sich überall breit gemacht hat. Das führt nicht weiter, wohin dieses Weiter auch immer weisen mag. Es führt nur in den Abgrund. Am Ende werden, werkungetreu, Robespierre und St. Just erschossen. "Es lebe der König!", und der König erschießt sie.

Und jetzt? Wüsste man das. Aber so, wie es ist, kann es auch nicht bleiben. So lethargisch, gleichgültig und dumpf. Vielleicht gibt sich diese Inszenierung eben doch nur deshalb ein derart grobschlächtiges Äußeres, weil sie uns Revolutionskinder verschrecken, wachrütteln will. Hallo, ruft sie uns geradewegs ins Gesicht, war’s das schon mit Revolution oder haben noch ein paar Ideale überlebt? Hallo, ist da noch was außer Gleichgültigkeit?

Ach, sagt Danton, "die Leute befinden sich ganz wohl dabei".

 

Dantons Tod
von Georg Büchner
Regie: Matthias Thieme, Bühne: Philipp Kiefer, Kostüme: Claudia Charlotte Buchard, Dramaturgie: Brigitte Ostermann.
Mit: Jan Baake, Saro Emirze, David Moorbach, Johannes Moss, Tom Keune, Johannes Lang, Hans-Joachim Burchardt, Michael Schramm, Ute Menzel, Julia Bardosch, Marsha Zimmermann, Julia Rani, Angelina Häntsch.

www.theater-plauen-zwickau.com


Mehr über den Revolutionsherbst? Ilko-Sascha Kowalczuk hat mit Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR (Verlag C.H. Beck, München 2009, 602 S., 24,90 Euro) ein aufschluss- und kenntnisreiches Porträt der Ereignisse geschrieben, in dem auch die Rolle von Plauen ausführlich gewürdigt wird.

Kritikenrundschau

Mühelos seien im Büchner-Drama Parallelen zu "Geschehnissen der 1989er Revolution" zu finden, schreibt Ingrid Schenke im Vogtland-Anzeiger (12.10.) über Matthias Thiemes Inszenierung von "Dantons Tod" in Plauen. "Überwältigend" sei der Danton von Jan Baake, der nicht an der Revolution, den Intrigen der Gegenspieler oder Robespierre (Saro Emirze "mit hervorragenden, subtil nuancierten Monologen") zugrunde gehe, sondern "an seinen eigenen, nicht erfüllten Vorstellungen, wie die Welt zu sein hat und nicht ist, am Überdruss" zerbreche. Thiemes Inszenierung bohre sich "gleich einem scharfen Pfeil in Herz und Hirn", habe "Mut zur Nacktheit, zur Hässlichkeit, zum Unappetitlichen, zum Exzess ohne Effekthascherei" und gebe "dem Begriff 'Verismo' ihre ganz eigene Bedeutung". Zu recht "frenetischer Applaus ohne Ende für ein starkes, wortgewaltiges Stück, gespielt von hemmungslosen, fabelhaften Akteuren".

Das Stück beginne "verheißungsvoll", wenn Danton und Robespierre auf einer überdimensionalen Schultafel Protokoll führten und die Zahl der hingerichteten 'Volksfeinde' festhielten, schreibt

Volker Müller in der Freien Presse (12.10.). Auch noch wenn die Akteure "auf Blechfässern einen Herz und Hirn mobilisierenden revolutionären Rhythmus" hinlegten. Danach allerdings gerate Thiemes Inszenierung "ungeachtet bemerkenswerter Einzelleistungen in bedenkliches Fahrwasser" und man frage sich, "ob der Regisseur mit der grandiosen Vorlage überfordert war" oder es ihm darum gegangen sei, "wen auch immer zu provozieren": "Da ächzt Danton (...) seine große Verteidigungsrede mühsam heraus, während er sich mit seinen Getreuen splitterfasernackt auf dem Boden wälzt", "in der finalen Wahnsinns-Szene 'tastet' sich Lucile (Marsha Zimmermann), (...) durch bluttriefende Eingeweide". "Reichlich aufgesetzt" sei auch der hinzugefügte Schluss, bei dem Robespierre und St. Just erschossen werden. "Das Publikum nahm die nicht ausverkaufte Premieren geteilt auf."

 
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